Von G. Seibt

Die stärkste Industrienation des Kontinents wird bald von einer Frau und einem bekennenden Homosexuellen geführt. Das wäre in Italien ausgeschlossen. Warum Deutschland keine italienischen Verhältnisse hat.

Seit 150 Jahren eilen die großen Weichenstellungen der italienischen Politik den Entwicklungen in Deutschland immer wieder um ein Jahrzehnt voraus: 1860 wurde Italien zum Nationalstaat vereinigt, 1871 war es in Kleindeutschland so weit. 1922 kam ein Diktator der Rechten legal an die Macht, 1933 in Deutschland. In beiden Fällen handelt es sich auch um Nachwirkungen des Ersten Weltkrieges. Deutschland war im Kalten Krieg geteilt, in Italien spaltete er das Parteiwesen so tief, dass ein legaler Regierungswechsel zwischen den beiden großen Lagern, den Christdemokraten einerseits und den Kommunisten andererseits, bis 1989 nicht möglich war.

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"Italia docet": Wird nun in Deutschland wahr, was in Italien längst passiert ist? Angela Merkel und Silvio Berlusconi auf dem G-20-Finanzgipfel in Pittsburgh. (© Foto: afp)

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Starke wirtschaftliche Einzelinteressen

Das Ende der Blockkonfrontation ließ dann in Italien das bipolare Parteiensystem innerhalb weniger Jahre zerfallen. Die Erosion begann bei der Linken, bei den Sozialisten und dem PCI (der einst so stolzen kommunistischen Partei Italiens), zog aber bald auch das christlich-konservative Lager in seinen Strudel. Seither traten regionale und ökonomische Klientelismen, die es immer gegeben hatte, ans parlamentarische Tageslicht. Es entstanden antizentralistische Regionalparteien und Gruppierungen, die starke wirtschaftliche Einzelinteressen vertraten.

Ist Deutschland diesen Vorgängen - wiederum im Abstand eines guten Jahrzehnts - jetzt nachgefolgt? Es gibt ein paar Analogien: Die CSU als Regionalpartei eines stark prosperierenden, konservativ verfassten Landes nähme dann die Stelle der italienischen "Lega Nord" ein; die im Osten starke Links-Partei aber würde jenen modernisierten Neofaschisten in der "Alleanza Nazionale" ähneln, die sich von einer einst diskreditierten Gruppierung mit diktatorischer Vergangenheit zum Sprachrohr der sozial Abgehängten nicht zuletzt im italienischen Süden, dem "Mezzogiorno", verwandelte. Das Chaos dazwischen wurde in Italien erst einmal von Berlusconi aufgesammelt.

Und hier enden die Vergleiche, sodass man hoffen darf, der schon 1923 von einem deutschen Kommentator geprägte prophetische Satz "Italia docet" treffe heute nicht zu. Die Analogien betreffen vor allem die Auflösung der großen Milieus mit ihren politischen Religionen, also einen Säkularisierungsvorgang, der sich überall in den demokratischen Staaten zeigt. Aber während in Italien daraus vor allem rabiate Interessenpolitik entstand, in der Figur Berlusconis sogar mit extremistischen und karikaturistischen Zügen, zeigt sich in Deutschland vorerst eine kulturelle Auffächerung, die nichts mit der neuen Polarisierung und demokratischen Klimavergiftung in Italien zu tun hat.

Ranziger Machismo

Das liegt nicht nur am Fehlen einer einzelnen sinistren Figur wie Silvio Berlusconi, mit seinem Hang zu einfachen Formeln und leeren Versprechungen; sondern am insgesamt anderen Zuschnitt der neuen politischen Klasse, die sich in Deutschland jetzt herauszubilden scheint. Der etwas ranzige Machismo der Schröder-Fischer-Jahre wurde schon von der großen Koalition abgeräumt. Wer die beiden Elefantenrunden 2005 und 2009 vergleicht, registriert einen Zugewinn an Zivilität, der sich nicht zuletzt in der starken Präsenz ironischer Sprechweisen ausprägt.

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