Zum Tode von Schauspielerin Susanne Lothar Wie eine Schneekönigin

Sie konnte ihren Blick arktisch erstarren lassen, gefroren in Hass, Zorn und Leid und war doch durchlässig für den Schmerz wie keine andere. Nun ist die Ausnahmeschauspielerin Susanne Lothar gestorben, mit 51 - ein Schock.

Ein Nachruf von Christine Dössel

Susanne Lothar gestorben? Man kann die Nachricht, die sich am Mittwochabend verbreitete, nur mit einem ungläubigen Fragezeichen versehen. Mit einem fassungslosen "Das kann doch nicht wahr sein!" Aber es ist traurige Wahrheit: Susanne Lothar, diese großartige, sehr besondere Theater- und Filmschauspielerin, ist tot. Gestorben im Alter von 51 Jahren unter nicht näher bekannten Umständen. "Meine Mandanten werden aus nachvollziehbaren Gründen keine weiteren Erklärungen zum Tod von Frau Lothar abgeben", heißt es in einem Fax des Anwalts der Familie, man möge bitte aus "Respekt vor der Privatsphäre aller Beteiligten" von diesbezüglichen Anfragen Abstand nehmen.

Bezaubernd und erschreckend

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Das klingt nicht gut. Das klingt, als habe diese zierliche, immer so scheu und fragil wirkende Frau, die sich in Interviews ostentativ als einen überaus "zähen" und "lebensbejahenden" Menschen beschrieb, als habe diese willensstarke "Trümmerfrau" (Stern) irgendwann doch nicht mehr gekonnt.

Vor fast genau fünf Jahren, am 22.Juli 2007, starb ihr Mann, der grandiose Schauspieler Ulrich Mühe, im Alter von 54 Jahren an Krebs. Er war die große Liebe ihres Lebens, mit ihm hatte sie zwei Kinder, Sophie Marie und Jacob. "Ich muss als alleinerziehende Mutter meine Familie ernähren", hatte Susanne Lothar seither oft erklärt, wenn sie danach gefragt wurde, warum sie zuletzt nur noch Film und Fernsehen machte - und nicht Theater.

Ihren Beruf hat sie geliebt, und der Beruf hat ihr auch geholfen, nach dem Tod Mühes wieder "in die Normalität" zu finden.

So wirkte es jedenfalls. So sagte sie es auch. Doch wie es scheint, hat Susanne Lothar den Tod ihres Mannes doch nicht verkraftet, hat den Boden unter den Füßen verloren. "Auf der Bühne war sie toll, aber im Leben hat das nicht funktioniert", sagte ihr Schauspieler-Kollege Ulrich Tukur am Donnerstag in einem bewegenden Radio-Interview. "Ich sehe so viele, wie sie auf der Bühne verglühen und großartig sind - und im Leben dann einfach nicht mehr zurande kommen und vielleicht auch deshalb so großartig auf der Bühne sind."

Zu allen Wagnissen bereit

Susanne Lothar war tatsächlich außergewöhnlich auf der Bühne und im Film, sei es in den Inszenierungen von Peter Zadek ("Lulu") oder Thomas Ostermeier ("Trauer muss Elektra tragen") oder in den Kino-Zumutungen eines Michael Haneke ("Das weiße Band"): eine kompromisslose, zu allen Wagnissen bereite Extremschauspielerin - so extrem liebend, duldend, leidend und durchlässig für den Schmerz wie keine andere.

Sie konnte ihrem Blick eine arktische Froststarre verleihen, ihr Gesicht zur Maske werden lassen, schockgefroren aus den Erfahrungen von Hass, Zorn und Leid. Sie war Schneekönigin, Medusa und ewig-verletztes Kind. Eine "dunkle Energie" attestiert ihr Tukur, der mehrmals ihr Bühnenpartner war: "Es war immer sehr viel Verzweiflung in dem, was sie gemacht hat."

Dass Susanne Lothar, deren malträtierte Bühnen- und Filmfrauen oft so zäh und hart im Nehmen waren, im realen Leben eine Zerrissene, Gefährdete, zuletzt womöglich unrettbar Einsame war, ist unendlich traurig. Es geht einem nahe, wenn Tukur sagt, dass er "irgendwie schon ahnte aufgrund ihrer wirklich sehr verwirrenden und komplizierten Lebensumstände, dass das Ganze äußerst schwierig für sie war, das ganze Leben in den letzten Jahren, dass das vielleicht gar nicht gut ausgeht".

Frühe Preise für die Hochtalentierte

Mit dem Tod wurde Susanne Lothar, geboren 1960 in Hamburg als Tochter des Schauspielerpaares Hanns Lothar und Ingrid Andree, schon früh konfrontiert. Ihr Vater starb, als sie sechs war. Das Abitur ließ sie sausen, um selber Schauspielerin zu werden.

Nach drei Semestern an der Hamburger Hochschule für Theater und Musik bekam die Hochtalentierte ein Engagement am Thalia Theater. Für ihre Hermine in Fleißers "Fegefeuer in Ingolstadt" und ihre Recha in Lessings "Nathan" erhielt sie 1981 gleich den Boy-Gobert-Preis.

Jürgen Flimm holte die damals noch eher pummelige Anfängerin 1982 ans Schauspiel Köln, wo sie unter seiner Regie das Gretchen im "Faust" und die Cordelia in "König Lear" spielte. Schöne Rollen, schöne Erfolge, und dann war sie in ihrem ersten Film, Tankred Dorsts "Eisenhans" (1983), als debile Marga gleich so eindrucksvoll Lothar-intensiv, dass sie den Bundesfilmpreis bekam.