Zum Tod von Maurice Sendak Wilder Kerl aus Brooklyn

"Man soll Kindern alles sagen": Der Autor und Illustrator Maurice Sendak ist im Alter von 83 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Er blieb bis zu seinem Tod enorm produktiv, und verstand die Wahrheiten des Kindseins so gut wie kein anderer. Dabei glaubte er gar nicht an den Mythos Kindheit.

Von Andrian Kreye

Maurice Sendak ist gestorben, der Autor und Illustrator, den die New York Times einmal als den "wichtigsten Kinderbuchkünstler des zwanzigsten Jahrhunderts" bezeichnete. Mit seinen Büchern wie "Wo die wilden Kerle wohnen", "Higgelti Piggelti Pop!" und "In der Nachtküche" stellte er in den sechziger Jahren die Traditionen des Kinderbuchs nachhaltig auf den Kopf.

Darüber hinaus prägte er eine ganze Generation von Schriftstellern und Filmregisseuren, die in der freundlichen Melancholie Sendaks einen Kern der Kindheit fanden, der weit über die rosarote Bärchenwelt hinausgeht, der bis heute die Welt der Kleinen und Kleinsten bestimmt.

Bis zu seinem Tod lebte Maurice Sendak in einem weiträumigen Haus in Ridgefield, einer jener Gemeinden im Bundesstaat Connecticut, wo die finanzielle und intellektuellen Elite der Ostküste, ganz in der Nähe der Metropole New York, ins Landleben flüchtet. Besuchte man ihn dort, war er ein etwas bärbeißiger Gastgeber, der über vieles sprechen wollte, nur nicht über seine Arbeit. "Ich liebe Kinder nicht so bedingungslos, wie man annehmen sollte", sagte er. Und doch verstand er Wahrheiten des Kindseins zwischen Einsamkeit und Langeweile so gut wie kein anderer.

Ich glaube nicht an die Kindheit", sagte Sendak auch beim Eröffnungsabend der Retrospektive "Spike Jonze - The First 80 Years" im New Yorker Museum of Modern Art im Herbst 2009. "Ich glaube nicht daran, dass man Kindern dies sagen darf, jenes aber nicht. Man soll ihnen alles sagen!" Sein Rat an Jonze, der seit langem mit Sendak befreundet war und eine Spielfilmversion von "Wo die wilden Kerle wohnen" drehte, lautete denn auch: "Dien' dich nicht den Kindern an, mach' den Film so gefährlich, wie das Buch damals war."

Auf den ersten Blick mochte das Buch von den wilden Kerlen unverfilmbar erscheinen, aber schon in den Neunziger Jahren wollte der Videoregisseur Spike Jonze, einer der erfindungsreichsten jungen Filmemacher Amerikas, es zu seinem Erstlingsfilm machen. Jonze lernte durch diese Idee den Romanautor Dave Eggers kennen. Zusammen haben sie in den folgenden Jahren, in engem Kontakt mit Sendak, immer wieder am Drehbuch gearbeitet, jedem einzelnen Ding des Buchs eine Fallgeschichte zugeschrieben - und die Monster-Tollpatsche schließlich von keinem anderen als Muppets-Meister Jim Henson gestalten lassen. Eggers schrieb parallel dazu noch einen eigenen Roman über Max und die wilden Kerle.

Skeptisch gegenüber dem Mythos Kindheit

Als "Wo die wilden Kerle wohnen", das Zeit seines Lebens Sendaks Lieblingswerk blieb, im Jahr 1963 erschien, waren die Kritiker gespalten. Die Hauptfigur, der kleine, ungezogene Max, war ein deutlicher Bruch mit den braven, höchstens einmal irregeleiteten Kinderhelden, die sich gerade in der amerikanischen Kinderbuchtradition eher an den lieblichen Figuren bei den Gebrüdern Grimm als an den Rabauken Wilhelm Buschs orientierten. Zu hart war die Strafe der Mutter vielen Rezensoren, die Max ohne Essen ins Bett schickt, von wo er in jenes sagenhafte Land aufbrach, das von den rüpelhaften Monstern bewohnt wurde, die Max sich alsbald untertan macht.

Die sanfte Skepsis gegenüber dem Mythos Kindheit schöpfte Sendak aus der eigenen Biographie. Er selbst hatte nie Kinder und auch ein schwieriges Verhältnis zu den eigenen Eltern, vor denen er seine Homosexualität zeitlebens geheim hielt. Doch er lebte ein beschauliches Leben, das er fünfzig Jahre lang mit dem Psychoanalytiker Eugene Glynn teile, der 2007 starb.

Geboren wurde Maurice Sendak am 10. Juni 1928 als Sohn einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie in Brooklyn. Sein Vater war Schneider, seine Mutter Hausfrau. Erste Jobs als Illustrator hatte er beim Verlag All-American Comics. Mit zwanzig heuerte er beim New Yorker Spielwarengeschäft F.A.O. Schwarz als Dekorateur an. Der Bucheinkäufer des Ladens stellt ihn dann der Lektorin Ursula Nordstrom bei Harper & Row vor, die ihm seinen ersten Auftrag gab.

Während der fünfziger Jahre illustrierte Sendak noch Bücher anderer Autoren. 1956 veröffentlichte er sein erstes eigenes Buch, "Kenny's Window". Sein Stil passte perfekt in die Zeit, eine Mischung aus Comicstrip und den feinen Federzeichnungen des 19. Jahrhunderts. Wer seit den sechziger Jahren ein Kind war, fand in seinen Figuren jene Archetypen des kindlichen Rebellen, die so viel mehr begeisterten als die braven Mädchen und Bübchen zuvor.

Sendak blieb bis ins hohe Alter enorm produktiv. 2002 erschien "Brundibar", sein bislang letztes Bilderbuch, das er gemeinsam mit dem Dramatiker Tony Kushner verfasste. 2006 veröffentlichte er gemeinsam mit dem "Papier-Ingenieur" das genialische Pop-up-Buch "Mommy", das mit einem Kinderhelden, der Monster bezwingt, an die "Wilden Kerle" anschloss.

Am Dienstag starb Maurice Sendak in Danbury, Connecticut an den Folgen eines Schlaganfalls. Er wurde 83 Jahre alt.