Zum Tod von Wisława Szymborska Erforscherin des Augenblicks

Nicht zu vereinnahmen: Wisława Szymborska publizierte in der Zeit des Sozialismus in Untergrundzeitschriften, aber auch der erstarkende Nationalismus im Polen der neunziger Jahre fand in ihr eine distanzierte Betrachterin. Als Erforscherin des Augenblicks machte sie in ihren Gedichten die Vergänglichkeit und die kleinsten Zeiteinheiten zu Hauptfiguren. Nun ist die polnische Literaturnobelpreisträgerin gestorben.

Von Lothar Müller

Nachdem sie im Jahre 1996 den Nobelpreis für Literatur erhalten und ihre Stockholmer Vorlesung den Wörtern "Ich weiß nicht" gewidmet hatte, stand Wisława Szymborska eine Zeit lang schweigend in dem Weltruhm, der sie fortan umgab.

Dem Wort "Alles" die Gefolgschaft aufgekündigt: 

(Foto: AFP)

Dann erschien ihr Gedichtband "Chwila" (2002, dt. "Der Augenblick", 2005). Der Titel war das Schlüsselwort für ihr gesamtes Werk, das man als eine große Erforschung des Augenblicks bezeichnen müsste, hätte man nur drei Worte, um es zu charakterisieren.

Als "Chwila" in Polen zu einem Bestseller wurde, war sie schon längst in die Schulbücher eingegangen und spielte damit, wenn sie von Schulbüchern schrieb, "in denen der Wind blättert". Sie selbst war bei den Ursulinen in die Schule gegangen, in Krakau, wo sie seit 1931 aufwuchs. Geboren war sie als Beamtenkind im Juli 1923 in der Nähe von Posen. Ihr Abitur machte sie noch während der Besatzungszeit, das 1945 aufgenommene Studium an der Jagiellonen-Universität beendete sie nicht.

Von ihrer Nähe zum Journalismus in der Nachkriegszeit blieb ihr das wache Interesse an der Aktualität und technischen Modernität, an Statistik und Experiment.

Von ihrer zeitweiligen Nähe zum Aufbruchspathos des Sozialismus war nichts geblieben, als sie 1966 aus der Partei austrat und später, in den Zeiten des Kriegsrechtes, in Untergrundzeitschriften publizierte. Eine distanzierte Betrachterin fand in ihr aber auch der seit den neunziger Jahren erstarkende polnische Nationalismus, jedenfalls dort, wo er sich in der Selbstverklärung erschöpfte.

Immer spürbar anwesend

Sie hat es immer abgelehnt, wenn jemand versuchte, ihre Biographie zu einem Schlüssel für ihre Gedichte zu machen. Aber dieser Diskretion im Umgang mit dem, was sie "die äußeren Umstände" nannte, stand ihre so nachdrückliche wie aufdringliche Neigung gegenüber, als Autorin immer wieder in ihren Gedichten spürbar anwesend zu sein, nicht nur als "lyrisches Ich" - sondern als die, die schreibt.

So in "Das Schweigen der Pflanzen": "Ich erklär euch so gut ich kann, fragt nur: / was es heißt, mit den Augen zu sehen, / wozu mir das Herz schlägt / und weshalb mein Körper keine Wurzeln hat."

Ihre biographischen Wurzeln waren unzweifelhaft polnisch, aber als Autorin wuchs sie zugleich aus dem anderen Land heraus, das die polnische Literatur nicht anders als die deutsche seit Jahrhunderten bevölkert: Griechenland.

Und schon in ihrem Band "Rufe an Yeti" (1957), mit dem sie bekannt wurde, gibt es nicht nur die traurig-komische Anrufung des Schneemenschen im Himalaya ("Yeti, wir haben Shakespeare. / Yeti, wir spielen Geige. / Yeti, und wenn es dunkelt, / zünden wir Lichter an"). Es gibt auch Platons Atlantis, die unbewiesene, vermutete, bezweifelte Stadt: "Sie war vorhanden, oder auch nicht. / Auf einer Insel, oder auf keiner."

Mit Czesław Miłosz und mit Zbigniew Herbert teilte sie die Neigung zum Wechselspiel von Worten und Gedanken, zur Einbeziehung philosophischer Begriffe in den Stoffkreis der Poesie. Kindheitslandschaften, wie sie Milosz im Roman "Das Tal der Issa" heraufrief, gibt es auch bei ihr. Und ihr Atlantis mag auf den Landkarten verzeichnet sein, die Zbigniew Herbert seinen attischen Reisen, seinen Wanderungen auf dem Peloponnes und Ankünften auf griechischen Inseln zugrundelegte.

Ihre eigene Quelle aber, aus der sie immer wieder schöpfte, fand sie durch das Verlassen der platonischen Welt. Denn darin zählen die Schatten gering, ist der Kosmos mit der Ewigkeit und Unvergänglichkeit im Bunde und die Wahrheit ebenso.

Wisława Szymborska wurde zur Erforscherin des Augenblicks, indem sie in ihren Gedichten die Schatten, die Vergänglichkeit und die kleinsten Zeiteinheiten zu Hauptfiguren machte.

Dem Wort "Alles" ("ein unverschämtes und aufgeblasenes Wort") kündigte sie die Gefolgschaft auf, mit der Parze Atropos, die die Lebensfäden abschneidet, führt sie ein grandioses, respektloses Interview und wenn sie in dem Gedicht "Rückreisegepäck" an den Kindergräbern eines Friedhofs vorbeigeht, tauchen in den letzten drei Zeilen kaum je gesetzte Versalien auf: "KOSMOS MAKRÓS / CHRÓNOS PARÁDOXOS / Nur das steinerne Griechisch hat dafür Worte."

Der große Kosmos und die Paradoxie der Zeit, sie kommen bei Wisława Szymborska anders zusammen als im Grundkurs Philosophie. Ihr Griechenland ist das der Vorsokratiker, in dem Achill mit der Schildkröte um die Wette läuft und die Zahl Psi nicht an ihr Ende kommen mag.

Die Augenblicke aber, die sie ausmisst, sind die unzweifelhaft moderner Zeiterfahrung, ihre Gedichte suchen mindestens so sehr die Nähe zur Fotografie wie zur Philosophie. Und wenn sie im Band "Salz" (1962) den Fluss des Heraklit mit ganzen Schwärmen von Fischen bevölkert, die nach Fischen fischen, dann steht am Ufer des philosophischen Flusses nicht nur Heraklit, sondern auch Fischers Fritze.

Eines ihrer späten Gedicht beginnt so: "Eigentlich könnte jedes Gedicht / ,Augenblick' heißen. // Eine Phrase genügt / in Präsens, / im Perfekt und sogar im Futur; // es genügt, dass irgendetwas / von Wörtern getragenes / raschelt, aufblitzt, / vorbeifließt / oder die vermeintliche Unveränderlichkeit bewahrt, / aber mit beweglichen Schatten."

In Versen wie diesen bestätigte sie ihren Ruf, ihre Poesie sei mit den Gedanken im Bunde. Aber dieser Ruf erfasst nur die Seite ihres Werks, in der es scheinbar durchsichtig ist: "Sag ich das Wort Zukunft, / ist seine erste Silbe bereits Vergangenheit. // Sag ich das Wort Stille, / vernichte ich sie. // Sag ich das Wort Nichts, / schaffe ich etwas, das in keinem Nichtsein Raum hat."

Die andere Seite aber ist situativ und bildlich, statt logisch und begrifflich. Hier verdichtet sich die Paradoxie der Zeit im hochmodernen riskanten Augenblick, in der Schrecksekunde der plötzlichen Katastrophe, des Unfalls. So ist es im Gedicht über die Kindergräber ("Winzige Unfolgsamkeiten, / eine davon tödlich. // Die lustige Jagd nach dem Ball auf der Fahrbahn. / Glückliches Gleiten über das brüchige Eis").

Wegen dieser Fähigkeit, Schrecksekunden zu bewahren, verdanken wir Wisława Szymborska bleibende Nachbilder der modernen Einheit von Augenblick und Attentat. In "Die große Zahl" (1976) gab es das Gedicht "Der Terrorist, er schaut zu", das Verrinnen der Minuten vor dem Zeitpunkt der Zündung einer Bombe in einer Bar. Und in "Der Augenblick" (2002) gingen unter dem Titel "Fotografie vom 11. September" die Menschen, die aus den Türmen sprangen und dabei fotografiert wurden, in das Gedicht ein: "Nur zwei Dinge kann ich für sie tun - / diesen Flug beschreiben / und den letzten Satz nicht hinzufügen."

Diese Augenblickserforscherin war vor allem Gegenwartsbewahrerin. Vielleicht schlug sie deshalb ein Erbe der alten Poesie aus, verzichtete auf Anrufungen und die Verwandtschaft von Dichter und Sänger. Sie war, nicht nur in "Hundert Freuden" (1967) stets Autorin, Schreiberin ("Über dem weißen Blatt lauern sprungbereit / die Buchstaben . . .") mit Tinte oder Maschine. Schon im Band "Salz" (1962) hat sie geschrieben: "Hier ruht, altmodisch wie ein Komma, / eine Verfasserin von ein paar Versen." Am Mittwoch ist Wisława Szymborska im Alter von 88 Jahren in Krakau gestorben.