Zum Tod von Stéphane Hessel Ein feiner Herr macht Aufruhr

Stéphane Hessel bei einer Zeremonie in den Gärten des französischen Außenministeriums im Juni 2012. 

(Foto: Reuters)

Seine späte Schrift "Empört euch!" wurde zum Weckruf: Wo andere nachsichtiger und realistischer werden, nahm bei Stéphane Hessel die idealistische Ungeduld mit dem Alter eher zu. Nun ist der KZ-Überlebende, Diplomat und Idealist mit 95 Jahren verstorben.

Ein Nachruf von Joseph Hanimann, Paris

Nicht die Anerkennung kam für ihn spät, die hatte er schon, sondern der Beifallssturm, der aus dem Pionier beinah einen Gehetzten macht. Was für den damals Dreiundneunzigjährigen als ein kleiner Abschiedsgruß an die Nachgeborenen gedacht war, wurde unversehens zum Weckruf. "Empört euch!", diese feuerbrandartig um die Welt gegangenen zwei Wörter waren nur die Konsequenz eines Engagements, das 1941 mit dem Eintritt in die Résistance begonnen hatte.

Im letzten Kriegsjahr 1917 in Berlin am Tiergarten geboren, kam er mit seiner Familie siebenjährig nach Paris. Sein Vater war der aus einer polnisch-jüdischen Familie stammende Schriftsteller Franz Hessel, seine Mutter die Berliner Bankierstochter Helen Grund. Die Pariser Kindheit spielte sich im Künstlermilieu ab.

Während dem Studium berührten ihn Sartres Erstlingsroman "Der Ekel", Dos Passos' "Manhattan Transfer", Kafka und Joyce mehr als Hegel, Kierkegaard oder Husserl. Mit der deutschen Sprache hatte er abgeschlossen, außer vielleicht für die Poesie. Er war Franzose.

Über das Münchner Abkommen 1938 war er beglückt: Der Krieg schien abgewandt. Kaum verheiratet, wurde er aber in den Kriegsdienst eingezogen und geriet nach der französischen Niederlage in deutsche Gefangenschaft, der er bald wieder entkam. In London schloss er sich der Widerstandsbewegung de Gaulles an. In dieser Funktion wurde er im Juli 1944 in Paris von der Gestapo verhaftet, kam nach Buchenwald, später nach Rottleberode und konnte sich schließlich nach der vertauschten Identität mit einem verstorbenen Mithäftling aus dem Lager befreien.

Die Zeit nach dem Krieg führte ihn in die Diplomatenlaufbahn. Entkolonialisierung, demokratische Freiheiten, Entwicklungshilfe waren seine Hauptanliegen. Wo andere mit zunehmendem Alter duldsamer, nachsichtiger, realistischer werden, nahm bei Hessel die idealistische Ungeduld eher zu - unter Bewahrung allerdings der mitteilungsfreudigen Umgänglichkeit.

Die Schrift "Empört euch!" war aus der Absicht entstanden, sich auf das zu besinnen, was die Résistance der Nachwelt auf den Weg geben wollte: Dass es bei aller Kompromissbereitschaft Momente gibt, wo offene und kollektive Verweigerung notwendig wird. Was daraus von den unterschiedlichen "Occupy"-Gruppierungen rund um die Welt dann gemacht wurde, entging seiner Kontrolle. Mehr als ein geistiger Rädelsführer war er ein Mann, der hartnäckig unbequeme Fragen aufwirft.

Lesen Sie den ausführlichen Nachruf in der Tablet-Ausgabe der SZ oder am morgigen Donnerstag in der Süddeutschen Zeitung.