Zum Tod von Silvia Seidel Zu zart für diese Welt
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Als Silvia Seidel 1987 als "Anna" auf der Bildfläche erschien, wollten die Mädchen sein wie sie: Zart, anmutig, stolz, ein bisschen frech - und sehr erfolgreich. Nun starb sie, einsam und verzweifelt, in ihrer Münchner Wohnung. Das Ballerina-Image ihrer Jugend ist sie nie mehr losgeworden.
Es war Weihnachten 1987, und es war ein bewegtes Jahr gewesen, medial und weltpolitisch gesehen: Die ARD hatte aus Versehen die Neujahrsansprache von Bundeskanzler Helmut Kohl vom Vorjahr gesendet, Uwe Barschel war unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen, Mathias Rust war mit seiner Cessna auf dem Roten Platz in Moskau gelandet, Thomas Gottschalk moderierte zum ersten Mal Wetten, dass..? - und vier Tage vor Heiligabend ereignete sich das schlimmste Schiffsunglück zu Friedenszeiten in der Geschichte der Schiffsfahrt: Die philippinische Fähre Doña Paz kollidierte mit einem Tanker, dabei starben mehr als 4000 Menschen. Nur im Zweiten Deutschen Fernsehen, da war zur Weihnachtszeit alles in bester Ordnung: Das ZDF sendete vom 25. bis zum 30. Dezember die Serie Anna - und pro Folge waren 13 Millionen Deutsche schlicht verzaubert. Das lag vor allem an der Hauptdarstellerin: Silvia Seidel aus München.
Silvia Seidel mit dem Bambi, im Dezember 1988: Blass war sie, zart - und damals noch sehr erfolgreich.
(Foto: dpa)Die damals 17-jährige Ballettschülerin, die zuvor schon eine kleine Rolle als Fee in der ebenfalls zauberhaften Unendlichen Geschichte übernommen hatte, war von einer Castingagentur beim Tanzunterricht entdeckt und sofort für die Hauptrolle besetzt worden. Das wiederum lag, wie sie später erzählen sollte, nicht unbedingt an ihrer herausragenden Tanzleistung. Sondern, und das war etwas, was sie selbst wohl nie so empfunden hat, an ihrer außerordentlichen Ausstrahlung.
Es stimmte einfach alles: "Anna" war die grazilste, die elfenhafteste, die anrührendste kleine Ballerina, die man sich vorstellen konnte - mit feinen Gesichtszügen, feiner Mimik, feinem Spiel. Das wirkte wider Erwarten nie kitschig, denn "Anna" war gleichzeitig frisch, frech, fröhlich, frei. Ihre TV-Familie: sehr geerdet. Wegen eines Unfalls stand in der Serie ihre Ballettkarriere auf dem Spiel. Ihr zur Seite wurde der gelähmte und rollstuhlfahrende "Rainer" als bester Freund gestellt, von Patrick Bach verkörpert, den die Zuschauer damals schon in der Weihnachtsserie Silas von 1981 verehrt hatten. Dieser effekthascherische Plot hätte auch schiefgehen können.
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Doch Silvia Seidel spielte den bekannteren Schauspieler einfach an die Wand. Sie war in der Rolle der ehrgeizigen Ballettschülerin eine so perfekte Mischung aus naivem, trotzigem und träumerischem Mädchen, dass wohl keine andere Schauspielerin zu dieser Zeit einen auch nur annähernd ähnlichen Erfolg hätte haben können. Silvia Seidel WAR Anna Pelzer. Das brachte der Weihnachtsserie unverhofften Erfolg, ein Jahr später wurde ein Kinofilm daraus gemacht, Seidel erhielt dafür den Bambi, ging in die USA, drehte dort noch mal einen ähnlichen Film (Faith) - und blieb ein Leben lang auf diese Rolle festgelegt. Das war fortan ihr Problem.
Während den Ballettschulen des Landes durch die Weihnachtsserie ein jahrelanger Boom beschert wurde - alle Mädchen wollten sein wie Anna, tanzen wie Anna, aussehen wie Anna, Stulpen und dicke Schals tragen wie Anna, lange Haare haben wie Anna, einen rollstuhlfahrenden besten Freund haben wie Anna, Primaballerina werden wie Anna, durch die Welt reisen wie Anna, oder auch nur einmal im Leben ansatzweise so anmutig sein wie Anna -, währenddessen wurde es um die Person, die den Trend ausgelöst hatte, immer stiller. Die so bahnbrechend gestartete und vielversprechende TV-Karriere kam schnell zum Erliegen.