Zum Tod von Robert Indiana Ein tragischer Riesenerfolg

Robert Indiana, der mit seinen "LOVE"-Skulpturen weltbekannt geworden war, ist im Alter von 89 Jahren gestorben.

(Foto: dpa)

LOVE: vier Buchstaben als Drama eines Lebens. Robert Indiana hat das vermutlich meistreproduzierte Kunstwerk der Welt geschaffen. Und bezeichnete es als "schrecklichen Fehler".

Nachruf von Peter Richter

Um zu illustrieren, dass Liebe manchmal vor allem Leiden schafft, nimmt man am besten ein L und ein O und setzt sie auf ein V und ein E. Es hilft, wenn das O kokett kursiv gestellt ist.

Der Künstler Robert Clark, der sich nach seinem Heimatstaat Indiana nannte, hat das 1962 getan und sich tatsächlich nie wieder so recht davon erholt. Noch vor vier Jahren hat er auf NPR - das ist so etwas wie der Deutschlandfunk Amerikas - darüber geklagt, wie sehr er für den Rest des Lebens unter diesem Einfall gelitten habe: ",LOVE' bit me". Das Werk habe ihm geschadet. Es sei "eine wunderbare Idee" gewesen, "aber auch ein schrecklicher Fehler".

Wahrscheinlich ahnen die meisten davon nichts, die sich heute vor der Skulptur auf New Yorks Sixth Avenue Ecke 55th Street feixend fotografieren lassen.

Oder vor der in Philadelphia.

Oder vor der in Indianapolis.

Robert Indianas berühmtestes Werk: die Skulptur "LOVE" auf dem John F. Kennedy Plaza in Philadelphia.

(Foto: Matt Rourke/AP/Morgan Art Foundation/ARS, New York/VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Oder vor einer der vielen anderen, die oft allerdings ohne Zustimmung, mitunter wohl auch ohne das Wissen von Indiana irgendwo aufgestellt worden sind.

Wahrscheinlich haben die meisten, die sich mit dem Selfiestick vor diese vier Buchstaben stellen, gar keine Ahnung, was für ein Grabstein das in Wahrheit ist. Und was für eine Karriere er besiegelte. Robert Indiana, der damals gerade anfing, sich so zu nennen, war um 1960 herum dabei, einer der Stars der gerade aufkommenden Pop Art zu werden, ein Name von ähnlicher Strahlkraft wie Warhol oder Rauschenberg - auch wenn Indiana immer behaupten sollte, mit Pop Art nichts zu tun zu haben; er selbst zählte sich strikt zu den Malern des "Hard edge"-Stils, die mit kühler Scharfkantigkeit seit den Fünfzigern gegen das Gestische und Verkleckerte der bis dahin vorherrschenden Abstrakten Expressionisten opponierten. Aber er hatte sich nun einmal mit Assemblagen und Bildern einen Namen gemacht, die durchaus der Sensibilität der Pop Art für die Optik der amerikanischen Alltagskultur entsprachen.

Wie in einem unruhigen Traum während eines nicht enden wollenden Road Trips

Er war der für New Yorker Verhältnisse exotische Junge aus dem Innersten dieses Amerikas, ein Mittelwestler, der 1928 in einem Ort namens New Castle geboren worden war und während der Zeit der Depression kreuz und quer mit seiner Familie durch Indiana zog, dann drei Jahre bei der Air Force war, mit einem Militärstipendium Kunst in Chicago studierte, dann auch kurz in Maine und in Schottland, und schließlich mit diesem Gepäck in New York landete.

Indiana gehörte zu dem Kreis von jungen Künstlern, die sich Anfang der Fünfziger am Coenties Slip niedergelassen hatten, einer vergessenen Gasse an der Südspitze von Manhattan. Agnes Martin gehörte dazu, James Rosenquist auch, vor allem aber Ellsworth Kelly, mit dem Robert Indiana damals offen als Paar zusammenlebte.

Während sich auch in Kellys Variante der Hard-edge-Malerei durchaus noch Spuren der amerikanischen Landschaft finden ließen, nur eben stark zu nahezu ungegenständlichen Farbflächen abstrahiert, erzählte Indianas Kunst von den visuellen Eindrücken, die das flache Binnenland hinterlassen hatte: von rätselhaften Zeichen, die mit der Folie auf Säcke gemalt werden, auf die Nummern und Buchstabencodes an den Hecks der Lkw, von Spielautomaten im Truckstop, von Dollars und von Pennys und Nickels (der Penny ist die Ein-Cent-, der Nickel die Fünf-Cent-Münze). All diese Zeichen geistern fortan auf Indianas Bildern herum wie in einem unruhigen Traum während eines nicht enden wollenden Roadtrips irgendwo in einem Motel. Mehr - und modernere, sinisterere - Americana ging fast nicht. Und so hieß dann das erste Gemälde, das das Museum of Modern Art 1962 von Indiana kaufte, auch "American Dream #1".

Schöpfer der "LOVE"-Skulpturen ist tot

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Das große, tückische MoMA ... Im Rückblick hat es etwas von einem Menetekel. Besteht der amerikanische Traum Nummer eins nicht darin, "es zu schaffen", aus kleinen Verhältnissen zu enormem Erfolg zu kommen?

Nun: In demselben Jahr passierte Indiana "LOVE". Vorbild war auch hier letztlich so ein Midwest-Bild vom Straßenrand, die schreiende Werbung der Kirchen: LOVE GOD usw. Das Junior Council des MoMA bestellte eine Druckversion davon für die Weihnachtskarten des Jahres 1965. Damit kam der Riesenerfolg. Aber damit kam auch die Tragik über Indiana. Aus einem Künstler, der sich mit Gebrauchsgrafischem beschäftigte, wurde so nun selbst ein Gebrauchsgrafiker, der sein einmal gefundenes Schema fortan für alle möglichen Vierbuchstabenworte hergab, und wenn er es nicht selbst hergab, wurde es einfach genommen. Es half auch nicht unbedingt, dass die US Postal Services 1973 "LOVE" auf eine Briefmarke druckten. Die ist bis heute rund 300 Millionen Mal hergestellt worden und Robert Indiana damit vermutlich der Schöpfer des meistreproduzierten Kunstwerkes der Welt. Gebracht hat es ihm wenig. 1000 Dollar Pauschalhonorar, um genau zu sein. Und die Ächtung durch den gnadenlosen, auch gnadenlos elitären und dünkelhaften Kunstbetrieb New Yorks.

Indiana zog sich damals ins Exil nach Maine zurück und wartete darauf, dass das MoMA ihn mit der Retrospektive rehabilitieren würde, die einem amerikanischen Künstler erst den Adelsschlag verleiht. Als er lange genug gewartet hatte, um zu spüren, dass es damit wohl nichts mehr werden würde, ließ er die Sache im Whitney Museum geschehen. 2013 war das, die Ausstellung hieß folgerichtig "Beyond Love" und wurde tatsächlich zur großen, durchaus berührenden Rehabilitation.

Der Ärger, vor allem um LOVE, blieb leider. Vorige Woche erst hat die Morgan Art Foundation, die von Indiana die Verwertungsrechte für seine beliebtesten Motive erhalten hatte, Klage gegen einen Kunstdruckhändler und einen Haushälter eingereicht, die beschuldigt wurden, den alten Mann auf seiner Insel vor der Küste von Maine zu isolieren und auszubeuten.

Man kann nur vermuten, wie Robert Indiana selbst dieses Theater empfand. Am Samstag ist er im Alter von 89 Jahren in seinem Haus in Vinalhaven gestorben.

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