Zum Tod von Richard Wright Die Seele des Monsters

Auf Wiedersehen, Mister Chance: Mit dem Tod des erschreckend sympathischen Keyboarders Richard Wright hat am Montag das Herz von Pink Floyd aufgehört zu schlagen.

Von Alexander Gorkow

Dass eine Band nur so groß ist wie die Summe ihrer Bestandteile, kann man auch unhöflicher ausdrücken. Nachdem Roger Waters 1984 das Monster Pink Floyd verlassen hatte und sich bei seiner ersten Solotournee über halbleere Hallen wunderte, sagte ihm ein Konzertagent: "Du glaubst, du selbst bist das Monster, das du erschaffen hast, Roger. Aber das Monster ist inzwischen größer als du."

Die Seele des Monsters: Pink-Floyd-Keyboarder Richard Wright war vor allem very british.

(Foto: Foto: AP)

Der Dinosaurier Pink Floyd - den man seit dem Tod des Keyboarders Richard Wright am Montag in London nie mehr auf einer Bühne sehen und hören wird -, er war in seinem eleganten Wüten und Schmachten vor allem: very british. Wrights Vorliebe für Jazz und die großen klassischen Komponisten reicherte den extensiven Bluesrock der Band immer wieder mit zarten und irgendwie viktorianisch anmutenden Farben an.

Es waren Wrights Harmonien auf der Hammond-Orgel, dem Mini-Moog, später auf dem digitalen Kurzweil-Synthesizer und - am schönsten - auf dem Flügel, die den genetischen Code der Musik von Pink Floyd und so vielleicht dieses hinreißende Monster-an-sich ausmachten.

Eine so verführerische Mischung aus Gewalt, Demut und Sarkasmus haben die Epigonen nicht mehr hinbekommen, Radiohead erscheinen im Vergleich als zu weinerlich, Coldplay als deutlich zu doof, viele andere als zu ziellos. Gerüchte, die Band werde in der Originalbesetzung der Nach-Syd-Barrett-Phase tatsächlich nochmal einige Konzerte für die Ewigkeit geben, sorgten deshalb jüngst wieder für eine gewisse Superaufregung in der darbenden Musikbranche. Es ist nun von arttypisch schwarzer Ironie, dass sich seit Montag die Frage nicht mehr stellt, wie eigentlich Roger Waters und David Gilmour miteinander auskommen - da sich jetzt nämlich der Klassenstillste einfach davongemacht hat.

Wie ein weltentrückter Literaturprofessor

Heutzutage werden Songs meist von Linda Perry geschrieben, von Timbaland produziert und dann auf Horrorsendern wie Bayern 3 von Computern ausgerülpst. Es ist nicht mehr leicht nachzuvollziehen, dass es mal die Summe einer Gruppe von Bandmitgliedern war, die sich mit großer Geduld selbst überbot, bevor sie in Hybris implodierte.

Ähnlich wie bei den Beatles ergab sich bei Pink Floyd dabei eine kongeniale Mannschaftsaufteilung: Der nervöse Waters lud Musik und Texte mit dem aggressiven Selbstmitleid auf, das große Songs brauchen; der zweite Sänger und Gitarrist David Gilmour sorgte mit warmer Stimme und abstürzenden Fender-Läufen für sexuelle Spannung; Schlagzeuger und Humorist Nick Mason klebte im Nebenberuf Alltagsgeräusche in das Kopfkino, Kampfjets, Registrierkassen, nicht zuletzt den Herzschlag, der ein unzerstörbares Epos des jüngeren Existentialismus einleitet wie beendet: die bitterkomische "Dark Side Of The Moon".

Richard Wright nun, ein Mann von geradezu explosiver Schüchternheit, er war, was George Harrison bei den Beatles war: nicht Kopf, nicht Hüfte - aber die Seele dieses Monsters, ein geradezu erschreckend sympathischer Mann von fragiler Gestalt, der noch als Keyboarder auf der letzten Solotournee Gilmours 2006 so ätherisch in der Garderobe herumstand wie ein Literaturprofessor, der sich in der Hausnummer geirrt hatte.

Sprach man mit ihm, hatte man zunächst den Eindruck, der ist nur da, um sich alles mal backstage anzugucken. Gleichwohl umgab Wright stets die Weltentrücktheit eines Peter Sellers, und nicht wenig erinnerte er in seinen letzten Jahren an den Tragikomiker Mr.Chance aus Sellers' letztem Film, der draußen auf der Straße glaubt, er könne mit der TV-Fernbedienung Angreifer abwehren.

Mitunter größenwahnsinnig

Humor brauchte Wright auch, um in dem Gemetzel, das die Alphatiere Waters und Gilmour anrichteten, zu überleben, (wenn auch seelisch verletzt): So gab er einst bei der geheimen Abstimmung unter den Bandmitgliedern für die Liedauswahl einer Best-Of-Platte den Liedern der anderen Bandmitglieder jeweils null Punkte, seinen eigenen aber zehn, ein rebellischer und lustiger Trick, der allerdings aufflog!

Wie Roger Waters und Nick Mason studierte Wright Anfang der sechziger Jahre am Londoner Regent-Street-Polytechnikum zunächst Architektur, was man der räumlichen, mitunter größenwahnsinnigen Musik Pink Floyds anhört. Als sich Waters im Frühjahr 1963 bei Wright eine Zigarette borgen wollte und dabei die Packung beschädigte, gab es zum ersten Mal Streit - laut Mason der Urknall für zahllose Verständigungsprobleme, die bis in die jüngste Vergangenheit die hinterfotzigsten Anwälte Londons auf Trab hielten.

Niemand hat darunter so gelitten wie Wright, der von Waters nach den Aufnahmen zu "The Wall" 1980 wegen ungehörigen Verhaltens 'rausgeschmissen und mit einem schnöden Mietmusikervertrag ausgestattet wurde.

In Liedern wie "Wearing The Inside Out" verarbeitete Wright später schwere Depressionen, und da er allein zu defensiv war, um CDs zu verkaufen, nahm sich der Kraftbolzen Gilmour seines Freundes an. Auf dessen letzter und überaus erfolgreicher Tour spielten die beiden eine funkelnde Version des Unterwasserknallers "Echoes". Das wird einem ebenso keiner mehr nehmen können wie die Nacht vom 2. Juli 2005 in London, als Waters und Gilmour nach 25 Jahren Streit für vier Lieder auf dem Live-8-Konzert einen Waffenstillstand beschlossen. Ein letztes Mal donnerte da der Herzschlag der "Dark Side" über eine halbe Million Köpfe im Hyde Park, und sogar ergraute Punks weinten wie die Babys.

Das Herz von Pink Floyd hat am Montag aufgehört zu schlagen. Das letzte Wort auf der wichtigsten Platte hatte 1972 der lustige Pförtner der Abbey Road Studios: "Es gibt keine dunkle Seite des Mondes - es ist überall dunkel."

Richard Wright starb an Krebs. Er wurde 65 Jahre alt.