Zum Tod von Peter Härtling Von einem, der sich einfühlen konnte

Peter Härtling (1933-2017): Niemandem, der auch nur flüchtig in eines seiner Bücher hineingeblättert hat, konnte eingehen, dass er ein Flüchtlingskind war.

(Foto: Daniel Reinhardt/dpa)

"Ich schreibe keine Biografie. Ich schreibe vielleicht eine Annäherung", begann sein Roman "Hölderlin". Das Näherkommen bis hin zur Anverwandlung war eine Grundbewegung im Leben von Peter Härtling. Am Montag starb er.

Von Lothar Müller

Auf dem Grund der schriftstellerischen Existenz des Autors Peter Härtling muss es elliptisch zugegangen sein. Überaus freundlich konnte er sein, auch schwärmerisch, aber zwischen den beiden Polen der Ellipse herrschte eine große Spannung. Wahrscheinlich verdankte er ihr, dass er Schriftsteller wurde - und das Beste seines Werkes.

Den einen der beiden Pole hat er, als er sich zu Beginn seines ersten Erfolgsbuches, des Romans "Hölderlin" (1976), nach einem klassisch-biografischen Anfangssatz ins Wort fiel, selbst benannt: "Ich schreibe keine Biografie. Ich schreibe vielleicht eine Annäherung."

Annäherung war eine Grundbewegung seines intellektuellen Lebens

Damit war an dieser Stelle die Lizenz zum Fiktiven gemeint, das Ausfantasieren und Tagträumen, etwa die Freiheit, Dialoge zu erfinden oder Hölderlin im schwäbischen Dialekt sprechen zu lassen.

Annäherung war aber bei Härtling mehr als nur eine literarische Technik, es war eine Grundbewegung seines intellektuellen Lebens, sie konnte bis zur Anverwandlung gehen, wenn er über Dichter, Künstler, Musiker schrieb, über Wilhelm Waiblinger und E. T. A. Hoffmann, Mozart und Schumann oder, im Alter, über Verdi.

Mit den eigenen Augen

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Dieser Drang zur Annäherung an die großen Figuren der Dichtung, der Musik gewann aber seine Intensität aus seinem Gegenpol, aus dem Bewusstsein der Entfernung, der Trennung, des misslingenden und gefährdeten Lebens.

Dieser Pol war der ursprüngliche, biografisch tiefverwurzelte, bis ins hohe Alter hinein, ablesbar zum Beispiel an dem Entsetzen, mit dem Härtling in Interviews über die Bilder der Flüchtlingskrise sprach.

"Djadi, Flüchtlingsjunge" (2016) hieß sein letztes Buch, und einem der älteren Deutschen, auf die der 11-Jährige aus Afghanistan im Frankfurter Alt-68er Milieu trifft, hat Härtling mit seinen eigenen Zügen ausgestattet. Er war übrigens nicht nur Autor, sondern auch Einmischer, ob in der Ökologie- und Friedensbewegung seit den Siebzigerjahren oder noch jüngst beim Protest gegen den Umbau des Nürtinger Hölderlinhauses.

Niemandem, der auch nur flüchtig in eines seiner Bücher, nicht nur der offen autobiografischen, hineingeblättert hat, konnte eingehen, dass Peter Härtling ein Flüchtlingskind war, geboren im November 1933 in Chemnitz, aufgewachsen im mährischen Olmütz und mit der Mutter über Österreich nach Nürtingen gekommen.