Doch die alten Dämonen verfolgten den Popstar auf Schritt und Tritt, einige davon politischer, einige auch persönlicher Natur. In ihrer Autobiographie schreibt sie von einer Seelenkrankheit, einem vererbten Besessenheitszustand, der ihrer Mutter erlaubt hatte, als Medium mit den Ahnengeistern zu sprechen, der sie selbst oft auf der Bühne befiel, und an dem ihre lange mit ihr auftretende Tochter Bongi zu Grunde gegangen sei.

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Schon als Mädchen diente Makeba ihr Gesang als Abwehrzauber. Nach dem Tod ihres Vaters und dem Zwang, sich eine bezahlte Arbeit zu suchen, fand die Sechsjährige heraus, dass die Musik sie auf magische Weise über die Schinderei ihres Hausangestellten-Daseins und so manche Enttäuschungen hinweghob.

Und Enttäuschungen zählte sie viele: Als Schülerin dazu auserwählt für den Besuch des englischen Königs George VI. zu singen, musste sie mit ansehen, wie er mit dem Auto an ihr vorbeiraste. Ihr Lied blieb unerhört: "What a Sad Life For a Black Man". Worte, die sie nachhaltig verfolgten, als sie Jahre später ins Exil gezwungen wurde. Offensichtlich war ihre Stimme den weißen Machthabern zu prominent geworden, und sie verweigerten Makeba 1960 die Einreise, um am Begräbnis ihrer Mutter teilzunehmen.

In der Folge entwickelte sich die Sängerin zu einer der furiosesten Kritikerinnen des Apartheid-Regimes. Ihre Konzerte erinnerten an Protest-Rallyes. Und sowohl linke Popmusiker wie auch afrikanische Staatschefs, ja selbst Commandante Fidel Castro - er verlieh ihr die kubanische Ehrenbürgerschaft -, buhlten um ihre Gunst.

Dabei sah sich Makeba selbst eher als Griot denn Politikerin: "Vielleicht denkt die Welt", erklärte sie, "ich hätte es mir ausgesucht, über die Zustände in Südafrika zu berichten. Nein! Ich singe nur über mein Leben, so wie wir daheim von jeher über unser Leben singen - besonders die Dinge, die uns verletzen".

Stimme gegen das Unrecht

Ihre gescheiterten Ehen, unter anderem mit Hugh Masekela und dem radikalen Bürgerrechtler Stokely Carmichael, und der Tod ihrer Tochter setzten Makeba zu. In der Öffentlichkeit aber gab sie die Unbeugsame. Eine Kämpferin für die Unterdrückten nicht nur in Südafrika, sondern in aller Welt. Das verschaffte Makeba besonders unter afroamerikanischen Bürgerrechtlern, die gerade dabei waren, ihre afrikanischen Wurzeln zu entdecken, große Sympathien.

Doch das Establishment fürchtete die unbequeme Sängerin. Nach ihrer Heirat mit Carmichael 1968 wurde sie von Veranstaltern und Radiostationen als "Radikalen-Braut" boykottiert und wanderte notgedrungen nach Guinea aus.

Das westafrikanische Land nahm sie und Carmichael mit allen Staatsehren auf. In den nächsten 15 Jahren nahm sie von hier aus Songs über Mandela, den guineischen Präsidenten Sékou Touré und Malcolm X auf, und sprach zweimal als Sonderbotschafterin vor der UNO-Vollversammlung.

Nebenbei entwickelte Makeba in Conakry eine neue Form afrikanischer Popmusik: Traditionelle Songs und Township-Tänze wurden da mit westlichem Instrumentarium aufgemöbelt. Jazz mit Folklore vermählt. Und der Grundstein des späteren Weltmusik-Booms gelegt - alles im Geiste einer sozialistisch gefärbten afrikanischen Authenticité. So erhielt Mama Afrika als Staatsangestellte Guineas einen Monatslohn und probte jeden Tag sechs Stunden mit einheimischen Bands. Klar, dass sie auch auf Tournee durch deutsche Gewerkschaftshäuser, Ethno-Festivals wie auch die New Yorker Carnegie-Hall ihren Panafrikanismus predigte.

1990 erfüllte sich ihr Traum, als Nelson Mandela die Sängerin zur Rückkehr nach Südafrika einlud. 1998 und 2005 folgen Abschiedstourneen. Doch dann wurde Makebas Stimme gebraucht, wo auch immer ein Unrecht zu bekämpfen war. So auch am vergangenen Sonntag, als die schon von Arthritis Gezeichnete in Castel Volturno in Süditalien ein Konzert zugunsten des von der Mafia bedrohten Schriftstellers Roberto Saviano gab - und anschließend einem Herzinfarkt erlag.

Was für ein Abgang für das Mädchen aus den Townships, das zur Botschafterin eines Kontinents avancierte und schließlich nicht anders konnte, als ihre Stimme weltweit den Menschenrechten zu leihen: Afrika ist überall.

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(SZ vom 11.11.2008/jb)