Zum Tod von Michael Jackson Die Nacht, in der der König starb

Das war 1997: Michael Jackson bei einem Konzert in München.

(Foto: Sueddeutsche Zeitung Photo)

Völlig überraschend ist Michael Jackson in einem Krankenhaus in Los Angeles verstorben. Einst war er der "King of Pop", dann wurde seine Karriere von Skandalen überlagert. Er war der Mann mit dem "Moonwalk", der in den 1980er Jahren die Gesetze des Irdischen zu überwinden glaubte.

Ein Nachruf von Christian Kortmann

Es war, in Deutschland, die Nacht nach dem langen Regen. Freudig hatten die Menschen am Donnerstagabend endlich wieder ohne Regen-Accessoires die Häuser verlassen, sie gingen spazieren, grillten und feierten. In den Städten standen sie rauchend und redend auf den Straßen. Doch dann trübte kurz nach Mitternacht ein Gerücht die Feierlaune: Michael Jackson sei gestorben.

Einige hatten die Nachricht über ihr Handy erfahren. Doch weil es abends in Kneipen laut und der Empfang oft schlecht ist, schenkte man dieser per digitaler stiller Post übermittelten Nachricht zunächst keinen Glauben, behandelte sie wie einen schlecht terminierten Aprilscherz.

Zu unwahrscheinlich schien die Vorstellung, dass Michael Jackson, der seit Jahren nur noch als eine Art Wachsfigur seines einstigen Star-Ruhms in Erscheinung getreten war, tatsächlich gestorben sein könnte. In dem Körper mit der aufgehellten Haut und dem vielfach operierten, artifiziell umgestalteten Gesicht, war der Mann, der mal als größter Tänzer und Sänger der Popmusik galt, konserviert und irgendwie gut aufgehoben: eine exzentrische Schatulle für das Über-Ich der jungen Jahre.

Nachricht aus Los Angeles

Doch schon um kurz nach ein Uhr in der Nacht auf diesen Freitag riefen es sich die Menschen auf den Straßen zu, und es war klar, dass das weder Gerücht noch Massenhysterie sein konnte: Michael Jackson, der "King of Pop", ist tot.

Am Donnerstagnachmittag um 14.30 Uhr Ortszeit verstarb der 50-Jährige im Krankenhaus der University of California in Los Angeles (UCLA), in das er kurz zuvor bewusstlos eingeliefert worden war. Jackson wohnte in einem gemieteten Haus in der Nähe. "Ich bin von dieser tragischen und unerwarteten Nachricht am Boden zerstört", sagte Quincy Jones, der Jacksons Erfolgsalbum "Thriller" produzierte. "Er hatte alles: Talent, Anmut, Professionalität, Hingabe. Ich habe meinen kleinen Bruder verloren, und ein Teil meiner Seele ist mit ihm gegangen."

Michael Jackson befand sich in den Proben für ein sogenanntes Comeback: Ab kommendem Monat wollte er bis 2010 bei 50 Konzerten in London auf der Bühne stehen. Man sollte ihn wieder als Künstler ernstnehmen, und er brauchte das Geld: Da waren die Prozesse und der ausschweifende Lebensstil. Doch wer traute dieser zerbrechlichen Erscheinung den Stress einer solchen Konzert-Reihe noch zu? Kürzlich hatte er das erste Konzert um vier Tage auf den 12. Juli verlegen lassen und somit neue Spekulationen um seinen Gesundheitszustand befördert.

Ein Begleiter namens Bubbles

Selten war ein Comeback so nötig wie in Jacksons Fall: Die heute unter 30-Jährigen kennen Michael Jackson in erster Linie als chirurgische Monströsität und Freak in Phantasieuniformen, der einen Affen (Bubbles) als Haustier hielt und 2002 in Berlin mit seinem Baby über die Balkonbrüstung winkte.

Spätestens als Jackson 2004 des Kindesmissbrauchs beschuldigt wurde, wandelte sich sein Bild in der Öffentlichkeit - vom bewunderten Gesamtkunstwerk zum bemitleideten Spinner. Jackson wurde beim Prozess zwar freigesprochen, erholte sich aber nicht von den Anschuldigungen und der negativen Aufmerksamkeit. Wie sein Held Peter Pan wollte auch Michael Jackson nicht erwachsen werden und umgeben von Spielzeug und Kindern auf der Neverland-Ranch, seinem Traum-Vergnügungspark in der Nähe von Santa Barbara, in den Tag hinein leben.

In Kombination mit seiner künstlerischen Stagnation und der verunstalteten Physis wurde er fortan nur noch als Skandalnudel wahrgenommen. Sein Gesicht wurde zur fahlen, lächelnden Pierrot-Maske, aus der doch stets ein stummer Schrei drang, sein Platz war nicht mehr in den Musik- und Jugendzeitschriften, sondern in der Yellow Press.

Im Internet wurde Jackson nie heimisch, für die neue digitale Hörerschaft war er nicht mehr attraktiv. Nur bei YouTube ist er eine Größe, wenn auch eine des Archivs: Seine epischen Videoclips zu den Songs "Thriller", "Beat It", "Billie Jean" oder "Smooth Criminal" setzten Maßstäbe für das Genre Musikvideo, ja, dank Jackson wurde es überhaupt erst erschaffen. Der ehemalige Musiksender MTV erinnerte sich am Donnerstag an Jacksons Pionierarbeit und spielte wie auch viele Radiostationen in den USA seine Hits.

Die Perfektion von "Thriller"

Wenn man einem Spätgeborenen erklären will, warum Michael Jackson einst "King of Pop" getauft wurde, dann muss man ihm das Album "Thriller" vorspielen, das Werk aus dem Jahr 1982, das meistverkaufte Album aller Zeiten; die Platte, die Epoche machte, weil sie die musikalische Ästhetik der 1980er Jahre definierte. Die Perfektion dieses Albums, die Aneinanderreihung von Hit an Hit, verdeutlicht zugleich das Dilemma für einen König des Pop: Auch seine Regentschaft ist zeitlich begrenzt.

So lässig Jackson im weißen Anzug auf dem "Thriller"-Cover liegt, so locker knüpfte er in den 1980ern an die Musikstile der Zeit an. Unmöglich, ihn einem einzigen Genre zuzuordnen: Er setzte das Black-Music-Motown-Erbe seiner früheren Band Jackson Five fort, machte mal Funk-Rock ("Beat It"), mal Schlafzimmer-Soul ("The Girl Is Mine") oder einfach den perfekten Popsong ("Billie Jean").

Später in den 80ern dockte er mit seinem "Bad"-Album sogar an den Hardrock an und überspannte damit den Bogen erstmals leicht. Aber es reichte für ein gutes Finish: Er kam als größter Star der Ära aus den 1980ern heraus. Er konnte besser singen und tanzen als alle anderen, wurde am meisten geliebt und verkaufte die meisten Platten, insgesamt mehr als 750 Millionen Stück: Er war der King of Pop.

Wer ihn mal, und sei es aus vielen Metern Entfernung bei einem Stadionkonzert, auf der Bühne gesehen hat, wird diesen Anblick nie vergessen: So bewegte sich niemand sonst (außer den Michael-Jackson-Imitatoren, die das bis in alle Ewigkeit versuchen werden). Als kompakte Einheit, aus der einzelne Glieder schneller hervorschossen, als man blicken konnte, wirbelte Michael Jackson über die Bühne. Funktionslose Schnallen an der Kleidung, Manschetten, ein einzelner Handschuh machten ihn optisch zum Cyborg.

Das Hochwasser seiner Hosen, in denen sich die Beine marionettenartig à la Fred Astaire bewegten, verdeutlichte immer seinen fehlenden Bodenkontakt: Zwischen Jackson und der Welt gab es eine Art persönliches Magnetfeld, über das er - aber nur er - gleiten konnte. Jackson machte diese Fähigkeit mit seinem "Moonwalk"-Tanz, bei dem er rückwärtsgehend so tat, als würde er vorwärtsgehen (und umgekehrt), zu seinem Markenzeichen.

Ein weltferner Tänzer

So zackig und präzise seine Bewegungen waren, so akzentuiert war sein Gesang, der auch in den höchsten Lagen trocken und kontrolliert wirkte. Zusammen bildeten diese Ausdruckstechniken ein hochenergetisches Feld, dessen Ekstase man sich nicht entziehen konnte. Bei aller Intensität wirkte Michael Jackson weltfern und zerbrechlich: Wenn dieser Tänzer auf Widerstand stößt, so dachte man beim Zusehen, würde er wohl einen Kurzschluss erleiden oder zerbröckeln, als wäre er aus Zuckerguss.

Dabei musste er sein ganzes Leben lang vorne stehen und stark sein. Schon Jacksons Jugend war Kinderarbeit im Akkord: 1969, als Elfjähriger, hatte er seinen ersten Hit, "I Want You Back", damals noch zusammen mit seinen Geschwistern als Band Jackson Five. Michael war als jüngstes Bandmitglied und Frontmann-Kind, das so tanzte wie James Brown, begehrtes Objekt der Medien. Dass ihm durch die vom strengen und brutalen Vater Joe Jackson befohlene Karriere die Kindheit gestohlen worden sei und er diese durch seinen bizarren Lebensstil als Erwachsener nachzuholen versuche: Solche psychologischen Erklärungen haben dem Mann, der nun drei Kinder hinterlässt, schon zu Lebzeiten nicht geholfen. Sie helfen jetzt erst recht nicht.

Was hat dich bloß so ruiniert?

Auch wenn sie sich nicht beantworten lässt, so stellt man sie sich doch, die Frage, die die Rockband Die Sterne in einem Song formuliert: "Was hat dich bloß so ruiniert?" Da hat jemand alles erreicht und beginnt plötzlich, sich scheinbar selbstgewählt zu Grunde zu richten. Auch wenn der Künstler immer das Recht hat, das, was er erschaffen hat, zu vernichten - Michael Jackson hätte doch einfach weiter vor sich hin musizieren können. Keith Richards und Mick Jagger schaffen das schließlich auch.

Ja, die, könnte man einwenden, Richards & Jagger, das sind erdenschwere Stones, die höchstens mal rollen! Aber Michael Jackson, das war ein Schwereloser, ein Moonwalker, ein Formwandler, ein Werwolf, der war nicht von dieser Welt! So lange er die Schwerelosigkeit im Griff hatte und mit ihr spielte, war sie sein größtes Kapital. Doch am Ende brachte sie ihn um.

Auch Moonwalker halten die Abwesenheit von der Erde nicht lange aus.

King of Pop - die Michael-Jackson-Story

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