Zum Tod von Markus Werner Sanft, mit Krallen

Seine vorgeblich so einfachen Bücher waren durchtriebene philosophische Ereignissen: Der Autor Markus Werner, 1997 in seinem Arbeitszimmer fotografiert.

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Brüsker Witz und knorrige Charaktere: Mit dem Tod des Schweizer Schriftstellers Markus Werner verliert die Literatur einen stillen, großen Menschenerkunder.

Nachruf von Hans-Peter Kunisch

Auf eine seltsam sanfte Weise grimmige, innerlich radikale, aber doch zögerliche und liebenswerte ältere Männer bevölkern die Bücher des Schweizer Schriftstellers Markus Werner, der am Sonntagabend im Alter von 71 Jahren nach einer langwierigen Lungenkrankheit in Schaffhausen verstarb.

Am bekanntesten wurde Werner wohl durch seinen letzten Roman "Am Hang", der 2013 von Markus Imboden verfilmt wurde. Auch frühere Bücher waren Bestseller. Schon der späte Erstling "Zündels Abgang", von 1984, ist keine Fingerübung, sondern führt mitten in die eigene Welt, die Werners Figuren nie verlassen. Konrad Zündel, einer dieser oft nicht viel älter als vierzigjährigen Alten, ein Gymnasiallehrer wie Markus Werner selbst bis 1990, entscheidet sich zu einem Ausbruch, der so unfreiwillig komisch wie unrevidierbar daherkommt. Weil er auf einer Urlaubsreise in Ancona einen Zahn verliert und in seiner Schiffskabine nach Griechenland zwei andere Schweizer sitzen, kehrt Zündel zu seiner Frau zurück, die in diesem Sommer gut ohne ihn ausgekommen wäre. Ein Streit, sie fährt zu ihrer Schwester, und Zündel, der glaubt, dass sie ihn betrogen hat, verschwindet nach Genua, wo er gezeugt wurde.

Dass er dabei wieder in einer Hafenstadt landet und wieder kein Schiff besteigt, fühlt sich beinahe so archetypisch an wie das meiste in diesem Buch. Zündel säuft, versumpft und philosophiert. Kaum etwas geschieht, trotzdem ist der verschlossene Mann ein anderer, als er von seiner kleinen Flucht zurückkehrt. Er passt nicht mehr in die Welt, kommt in eine psychiatrische Klinik. Ein Freund, der gutmütige Pfarrer, der Zündels Geschichte erzählt, besucht ihn. Nur noch eruptive Sätze kommen aus dem aufgebrachten Mann: "Wie geht's dir denn?", fragt der Pfarrer. "Die Krallen wollen nicht wachsen."

Wie die meisten Werner-Figuren wäre Zündel gerne wütender. Er flieht ins Ferienhaus eines Lehrerkollegen. Als er zurückgeholt werden soll, schießt er mit einer Smith & Wesson ins Gebüsch. Der Kollege bittet um Vernunft. Zündel: ". . . auf die Vernunft muss geschissen werden!" Werners brüsker Witz, der Menschen in einem Halbsatz in Tiere mit Krallen verwandeln kann, passt bestens zu seinen knorrigen Charakteren. Sie und ihre Sprache, nicht die manchmal etwas verwinkelte Handlung, machen seine vorgeblich so einfachen Bücher zu durchtriebenen philosophischen Ereignissen. Und auch, wenn Werner die Figuren sanftere Töne anschlagen lässt, wirkt die Sprache ohne Aufhebens perfekt gemeißelt: "Ich bewege mich, der Zug bewegt sich, die Erde bewegt sich, und doch fehlt mir alle Beschwingtheit."

Die Achtzigerjahre waren eine große Zeit des Autoren-Zweifels an abgerundet, schön oder auch nur behäbig erzählten Geschichten. Werner nahm die Formenzweifel in seine Erzählungen auf und erzählte trotzdem; ohne sich dabei als braver Kämpfer für irgendeine Richtung aufzumandeln. Wenn er, wie in seinem dritten Roman "Bis bald" (1992), über "traditionelles" Schreiben und "Widerstand" gegen Avantgardistisches spricht, tut er das auf eine Weise, die diesen "Widerstand" selbst geschliffen ironisiert. Wenn ein Dichter heute "das Ich" hochhalte, heißt es da, könne das "als Akt des Widerstands begriffen werden, als denkmalpflegerische Leistung".

Auch "Festland" (1996), Werners fünfter Roman, wurde, nicht zuletzt dank Marcel Reich-Ranickis Jubel im Literarischen Quartett, ein Großerfolg. Diesmal ist es die Frau, die ausbrechen will. Gerade hat Julia ihr Studium mit Erfolg abgeschlossen, aber sie versteht, unzufrieden mit ihrem Leben und ihrem Freund, "jeden Freitod". Sie denkt nur "Fort, aber wohin". Da kommt ein Brief ihres bislang unbekannten Vaters, der selber gerade das "Festland" der Festanstellung verlässt. Es kommt zu einer ersten Begegnung. Jetzt, an einem oberitalienischen See, denkt Julia daran zurück. Nicht untypisch für Werner, dass hier Inzest und unsichere Geburtsumstände eine Rolle spielen. Werner, der über Max Frisch promoviert hat, kam öfter auf "Homo Faber" zurück. Andere Einflüsse, gerade in der exzentrisch verstiegenen Verhaltenheit des Erzählens, sind Robert Walser und Gerhard Meier mit seiner "Baur und Bindschädler"-Trilogie.

Ähnlich wie bei Meier bildet das Gespräch zweier Männer in "Am Hang" (2004) das Gerüst des Romans. Geschickt setzt Werner, mit dem windigen 30-jährigen Scheidungsanwalt Clarin, einen allenfalls halbsympathischen Ich-Erzähler ein. Den Frauen verfallen und sie beherrschend, wird Clarin der typischen Werner-Figur, dem bärbeißigen älteren Herrn Loos gegenübergestellt. Loos betrauert seine Frau und verachtet die Gegenwart. Der liebende alte Krittler und der lebenslustige Verführer unterhalten sich über Empfindungen. Bald ahnt man, dass Loos' Frau die Verbindung darstellt - aber auch, dass dieser Alte auf vertrackte Weise wohl der Durchtriebenere der beiden Männer ist.

Dieser Roman war Markus Werners letztes Buch. Mit seinem Tod verliert nicht nur die Schweiz einen großen stillen Autor, dessen Erzählkunst der Menschenerkundung diente.