Zum Tod von Marcel Reich-Ranicki "Er hat auch öffentlich Theater gespielt"

Wie stark Marcel Reich-Ranicki das Verhältnis der Deutschen zur Literatur geprägt hat und wie er sich selbst abseits der Kameras sah, das weiß einer besonders gut: Literaturwissenschaftler Thomas Anz, der Reich-Ranickis Biografie schrieb. Im Interview korrigiert er eingefahrene Sichtweisen - auch über die Krankheit des Kritikers.

Von Ruth Schneeberger

Thomas Anz ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Philipps-Universität Marburg. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist Literaturvermittlung in den Medien. 2004 erschien seine Biografie über Marcel Reich-Ranicki bei dtv in München. 2010 richtete er an seiner Uni eine "Arbeitsstelle Marcel Reich-Ranicki für Literaturkritik in Deutschland" ein - sie archiviert alle Zeitungsartikel, die der Literaturkritiker gesammelt und veröffentlicht hat. In seinem Nachruf beschreibt Anz, wie Reich-Ranicki die deutsche Literaturkritik "statt einer knienden Haltung den aufrechten Gang" gelehrt habe.

Süddeutsche.de: Herr Anz, welche Rolle spielte Marcel Reich-Ranicki für das Verhältnis der Deutschen zur Literatur?

Thomas Anz: Reich-Ranicki hat es geschafft, auch Leser zu erreichen, die sich bis dahin nicht mit Hochliteratur auseinandergesetzt haben. Er hatte die Fähigkeit, nicht nur ein Elitepublikum anzusprechen, sondern eine breite Leserschaft für Texte zu begeistern, die ihnen sonst vielleicht fremd geblieben wären.

Wie genau hat er das geschafft?

Es war ihm immer ein Anliegen, allgemein verständlich zu sein, obwohl er ganz deutlich an Hochliteratur interessiert war. Die sogenannte Eliteliteratur war bei ihm genauso dominant wie im gesamten Feuilleton. Aber er hat es geschafft, sie in so klaren und einfachen Worten und zugleich mit einer großen Emotionalisierungskraft an die Leser zu vermitteln, die viele Artikel des ansonsten sehr elitebewussten Feuilletons nicht kannten.

Er hat also die Literaturkritik erneuert?

Er selbst hätte das nicht gerne gehört und es wäre ihm vielleicht auch fremd gewesen, aber: ja. 1968 erschien ein Programm des US-Kritikers Leslie Fiedler, in dem er die Postmoderne für Literatur und Literaturkritik ausrief. Die postmoderne Literaturkritik sollte die Kluft zwischen der Elite- und der Massenliteratur schließen. Reich-Ranicki hat dazu beigetragen, diese Kluft zu verkleinern - obwohl er wahrscheinlich von Fiedler nie gehört hat. Und darüber hinaus ist es ihm gelungen, die oft sehr elitäre Literaturkritik einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

War es ihm ein Herzenswunsch, die Massen zu erreichen und zu unterrichten, oder wollte er einfach möglichst viel Publikum haben?

Sicher beides. Er wollte ein großes Publikum erreichen, aber dahinter steckte auch ein aufklärerisches Prinzip. Aus Impulsen der Aufklärung leiten sich die Prinzipien allgemeiner Verständlichkeit und Klarheit ab. Seine Kritik hatte zwar einen hohen Grad an Emotionalität, aber er hat es durchaus geschafft, seine Urteile dabei sehr intensiv zu begründen. Bei allen Wutausbrüchen gab es immer auch den Versuch, sein Urteil plausibel zu machen.

Wieso war er in seinem Urteil immer so sicher?

Entscheidend war für ihn, nicht das richtige Urteil zu fällen, sondern überhaupt ein entschiedenes. Dieses Prinzip, eine entschiedene Bewertung zu einem Buch abzugeben, beinhaltet das Bewusstsein, dass man sich auch täuschen kann. Es gibt durchaus Fälle, in denen Reich-Ranicki sein Urteil später revidiert hat. Zum Beispiel hat er seine recht negative Kritik an der "Blechtrommel", Günter Grass' berühmtestem Roman, später zurückgenommen. Mit der Sentenz: Wer entschiedene Urteile fällt, geht das Risiko ein, sich auch täuschen zu können.

Hat er das Zurücknehmen seiner Kritik auch inhaltlich begründet?

Daran kann ich mich weniger erinnern (lacht).

Das ist doch eine recht ungewöhnliche Einstellung: Lieber ein falsches Urteil fällen zu wollen als ein richtiges - Hauptsache, man fällt ein entschiedenes. Woher kommt das?

Das hängt zusammen mit der Vorstellung davon, dass ein Kritiker den Mut haben muss, sich zu entscheiden. Und außerdem mit dem starken Wunsch, das Gespräch über Literatur voranzutreiben, die Diskussion zu dynamisieren. Dabei geht es nicht um den einzelnen Kritiker, sondern darum, dass er Anstöße gibt, das Gespräch überhaupt erst in Gang setzt.

Das ist ein demokratischeres Prinzip als es den Anschein hat. Reich-Ranicki war also nicht der große Literaturpapst?

Als Literaturpapst hat er sich nicht gesehen. Er lehnte sich an Lessing an, der ausdrücklich den polemischen Rezensenten gefordert hat, um das Gespräch über Literatur zu vitalisieren.

Gibt es für Sie in der gegenwärtigen Literaturszene eine vergleichbare Person, oder gab es sie in der Vergangenheit?

In der Gegenwart nicht. In der Vergangenheit war es eben Gotthold Ephraim Lessing, der die Polemik zum Prinzip gemacht hat, Alfred Kerr, oder auch ein Schriftstellerkritiker wie Heinrich Heine - das sind Personen, mit denen sich Reich-Ranicki durchaus identifiziert hat.

In manchen Nachrufen heißt es nun, ausgerechnet das Fernsehen, das er als Blödsinn beschimpft hat, hätte ihn eigentlich erst berühmt gemacht.

Das stimmt nicht ganz. Mit dem "Literarischen Quartett" hat er ein Sendeformat mit kreiert, das nicht unbedingt fernsehtypisch war. Üblich war damals im TV, dass man einen Schriftsteller porträtiert, dass man in einem Beitrag zeigt, wie ein Autor am See entlanggeht und lächelt, und wie er aus seinem Buch vorliest. Sein Format war aber ein Gesprächsformat, wie es auch der Rundfunk zum Teil geleistet hat. Er hat die Gesprächsrunde ins Fernsehen gebracht. Die ganzen Diskussionsforen im TV, die jetzt so beliebt sind, fußen auch auf diesem Format.

Warum haben die Literatursendungen - abseits von Elke Heidenreich für eine Zeit lang - nach ihm keinen Fuß mehr fassen können im TV?

Das Format lebte wohl doch von seiner Stärke, seiner Energie und seiner Persönlichkeit.

Von wegen Energie: Sie als Biograf kannten Reich-Ranicki auch privat. Gab es da ähnliche Szenen wie im Fernsehen?

Das war dann doch etwas sehr anderes. Ich habe ihn damals kennengelernt, als ich Mitarbeiter der FAZ wurde. Ich bin mit einigen Befürchtungen dahin gegangen - und war erstaunt, wie umgänglich und rücksichtsvoll er war. Eben ganz anders als in der Öffentlichkeit.