Zum Tod von Liu Xiaobo Der Standhafte

Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo: "Es merkt niemand, wenn du nur ein Fenster aufmachst. Du musst schon das ganze Haus abreißen, bevor dich irgendjemand wahrnimmt."

(Foto: picture alliance / dpa)

Liu Xiaobos gewaltloser Kampf für die Menschenrechte in China brachte ihm den Friedensnobelpreis ein - aber auch viele Jahre im Gefängnis. Zum Tod von einem, der das Unrecht auch dann noch benannte, als enge Weggefährten schwiegen.

Nachruf von Christoph Giesen, Peking

Das bekannteste Foto von Liu Xiaobo ist eine Aufnahme, auf der er gar nicht zu sehen ist. Auf der Bühne im Rathaus Oslo stand ein leerer Stuhl, es war der 10. Dezember 2010. Eigentlich sollte Liu hier Platz nehmen - Chinas Friedensnobelpreisträger. Doch der saß im Gefängnis, verurteilt zu elf Jahre Haft wegen "Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt".

Lius Dankesrede in Oslo hielt die norwegische Schauspielerin Liv Ullmann. "Meine Straftaten haben unterschiedliche Namen", hatte Liu Xiaobo geschrieben und doch lassen sie sich in einem Wort zusammenfassen: "Sprechverbrechen." Diktaturen haben davor Angst.

Lebenslange Leidenschaft

Vom Plädoyer für die Gewaltlosigkeit bis hin zu Liebeserklärungen an seine Frau: Auch im Gefängnis von Jinzho schreibt Liu Xiaobo täglich. Viele Texte des Nobelpreisträgers wurden konfisziert, doch einige konnten herausgeschmuggelt werden. Henrik Bork, Peking mehr ...

Chinas großer Menschenrechtler ist am Donnerstag in Shenyang im Alter von 61 Jahren gestorben. Bewacht und abgeschirmt. Auch diesmal keine Bilder. Bis zum letzten Atemzug fürchtete sich die Führung in Peking vor ihm, einem Todkranken. Leberkrebs im Endstadium.

Seinen letzen Wunsch im Ausland behandelt zu werden, verwehrte ihm das Regime. Sein Sterben war ein unwürdiges Schauspiel. Jeden Tag stellte das Krankenhaus ein Bulletin ins Netz. Klinisch kalt, die reinen Fakten: Nierenfunktion eingeschränkt, Bauchfell entzündet, der Krebs weitergewachsen. Septischer Schock. Intensivstation.

Selbst der Tod wurde auf einer Webseite vermeldet. Ein Kämpfer für die Demokratie in China reduziert auf schlechte Nierenwerte und Metastasen. In den Zeitungen und im Fernsehen Chinas wurde Liu Xiaobos Sterben verschwiegen. Erst weggesperrt, dann wegzensiert.

"Was wirklich beängstigend ist, ist Unterwerfung"

"Um ganz ehrlich zu sein, egal wie bösartig eine Tyrannei sein mag, die Leute sollten weder Angst haben, noch sollten sie sich beschweren. Alle müssen sich entschließen, ob sie sich unterwerfen oder rebellieren", schrieb Liu Xiaobo. "Tyrannei ist nicht erschreckend, was wirklich beängstigend ist, sind Unterwerfung, Stille und sogar Lob für Tyrannei."

Sich unterworfen, still gehalten oder gar falsch gelobt, das hat Liu Xiaobao nie.

Geboren wurde er 1955, als der dritte von fünf Brüdern in Changchun, der Hauptstadt der nordostchinesischen Provinz Jilin. Sein Vater war Professor für Chinesische Sprache an der Universität.

Wurde er angegriffen, blühte er auf

Nach Mao Zedongs Tod nahm er 1977 an der ersten Hochschulaufnahmeprüfung nach Ende der Kulturrevolution teil. Er schrieb sich in seiner Heimatstadt für chinesische Philologie ein und gründete mit Kommilitonen einen Poesieklub. Auf Wachsmatrizen gaben sie eine Zeitschrift heraus. Liu Xiaobos erste Veröffentlichungen. Später studierte er in Peking und wurde 1988 promoviert. Da war er in China schon ein Star.

Als Doktorand hatte er 1986 auf einer Konferenz die chinesische Literatur zerrissen. Die Zeitungen druckten das. Auf einen Schlag war Liu Xiaobo bekannt. In kleiner Runde stotterte er. Stand er aber auf der großen Bühne sprach er klar, wurde er angriffen, blühte er auf.

Schnoddriger nordchinesischer Akzent und scharfes Urteil. Manchmal zu scharf? Natürlich gab es Kritiker: Er sei zu großspurig, mische sich überall ein, warf man ihm vor. "Es merkt niemand, wenn du nur ein Fenster aufmachst. Du musst schon das ganze Haus abreißen, bevor dich irgendjemand wahrnimmt", sagte Liu Xiaobo später einmal.