Oberinspektor ohnegleichen: Horst Tappert machte "Derrick" in 281 Folgen zum Exportschlager und nahm der Welt die Angst vor den Deutschen. Ein Nachruf.
Zu den verstörendsten Momenten im Leben des gewöhnlichen Fernsehzuschauers gehört jener Abend, an dem er Horst Tappert sah. Zunächst erkannte er ihn gar nicht. Ein seltsam kostümierter Mann saß zerrauften Haars und verwirrenderweise ohne das vorschriftsmäßige Toupet im Schneidersitz auf der Bühne und sprach fremde Sätze. Er ermittelte nicht, er ließ sich keine Akten kommen, tauschte sich nicht mit seinem Assistenten aus und verzichtete auch sonst auf die besorgte Miene des Kommissars, sondern sprach und spielte Georg Büchner, den König Peter in der traurigen Komödie "Leonce und Lena". "Sind meine Befehle befolgt? Werden die Grenzen beobachtet?", sagte er.
"Derrick macht allen ein gutes Gefühl": Horst Tappert in seiner Glanzrolle. (© Foto: dpa)
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Denn Horst Tappert, das wurde über seinem Fernsehruhm bald vergessen, war Bühnenschauspieler, war in Kassel und Wuppertal engagiert, ehe er an die Münchner Kammerspiele kam. Er hatte den Junker Bleichenwang und Mackie Messer, sogar Becketts Wladimir gespielt, er hatte auch lobende Kritiken erfahren, ohne es aber je zum jugendlichen Liebhaber oder wenigstens zum distinguierten Herrn zu bringen, dem angereifte Damen mit parfümierten Liebesbriefen zugesetzt hätten.
Für die Bühne verloren
Das Fernsehen wurde seine Rettung. In einem dieser frühen Fernsehspiele, die inzwischen als sogenannte "Straßenfeger" legendär geworden sind, spielte er einen tweedtragenden Engländer. Die "Gentlemen bitten zur Kasse" ließen noch etwas von Tapperts Bedürfnis nach theatralischem Auftreten erkennen, doch war er da für die Bühne schon verloren.
Der Produzent Helmut Ringelmann verwandelte den eleganten Ganoven danach in eine Autoritätsperson ganz eigener Art und machte Tappert zum Ermittler. Der wandlungsfähige Drehbuchautor Herbert Reinecker erfand diesen Oberinspektor mit dem seltsamen, pseudo-englischen Namen (der tatsächlich "Kran" bedeutet). Derrick folgte dem von Erik Ode gespielten und von Reinecker entworfenen Kommissar nach. Die antiautoritären siebziger Jahre erforderten mehr als einsame Entscheidungen einer unbestrittenen Autoritätsperson, weshalb Tappert der 1974 noch junge Fritz Wepper beigegeben wurde.
Reinecker dachte an Peter Falk und dessen Inspektor Columbo, aber einen derart zerknautschten Ermittler hätte vielleicht die deutsche Polizei erlaubt, aber bestimmt nicht der Fernsehrat des ZDF. Schließlich ging da ein Bürokrat seiner Arbeit nach, sorgte wenn nicht für Ruhe und Ordnung, so doch für klare Verhältnisse. Da durfte kein Stäubchen stören, und Extra-Touren wie sie sich Horst Schimanski später erlaubte oder gar der Bulle von Tölz mit seinem grundsätzlichen Zweifel an den herrschenden Verhältnissen, kannte der nüchterne Derrick nicht.
Gutes Gefühl
Angeblich waren es zu Anfang, als es noch keine Konkurrenz durch die Privatsender gab, bis zu 30 Millionen Zuschauer, die sich diesen Derrick einmal im Monat anschauten. Der Plot war klinisch frei von Überraschungen, die Geschichte ging nach einem leichten Grusel wegen des Mordes immer gut aus, und wenn Derrick den Wagen vorfahren ließ, dann war da noch ein Rest der hierarchischen Eleganz, von der zum Beispiel der König bei Georg Büchner träumt. Es war aber nun selbst in Deutschland die Demokratie angebrochen, und der Oberinspektor wurde mehr als 25 Jahre ihr verlässlichster Vertreter.
Was erst so grunddeutsch und entsprechend provinziell wirkte, erwies sich als allerbeste Exportware, und so drang Tapperts Derrick bis in den letzten Winkel der bewohnten Erde vor. Während man sich in Deutschland längst lustig machte über den Oberinspektor, der über Jahrzehnte nicht befördert wurde, der mit seinem traurigen Blick über wenig aufregende Verbrechen nachsann, die er mit maschinenhafter Regelmäßigkeit innerhalb von weniger als sechzig Minuten aufzuklären hatte, freundete sich die Welt mit diesem mausgrauen Tugendbold an, der nicht rauchte, kaum trank, allenfalls zum bürotypischen Koffein-Abusus neigte und dessen Frauengeschichten so überschaubar waren, dass er praktisch als öffentlich-rechtlicher Mönch durchging.
Die Wiederkehr des Immergleichen, die stereotypen Sätze, das verbale Pingpong mit seinem Assistenten Fritz Wepper, der neben dem immergleichen Tappert gnadenlos alterte, versöhnte die Welt mit Deutschland, das vor Tapperts Kriminalbeamten noch immer in Knobelbechern stolziert war. Dieser Deutsche war endlich nicht mehr zum Fürchten.
"Derrick macht allen ein gutes Gefühl, auch denen, die sich für überlegen halten", meinte der Zeichentheoretiker und Krimi-Autor ("Der Name der Rose") Umberto Eco, "denn er lässt in jedem von uns die Mittelmäßigkeit wieder aufblühen, die wir glaubten, verdrängt zu haben." Am Samstag ist Tappert im Alter von 85 in einem Münchner Krankenhaus gestorben. Wer beobachtet jetzt die Grenzen?
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(SZ vom 16.12.2008/jb)
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Tappert war 'ne traurige Figur. Und das hat Willi W. ganz gut rübergebracht. Punkt.
Passiert jetzt irgendwas mit Herrn Winkler? Darf ein Beschäftigter der SZ jetzt das Ansehen eines Verstorbenen so anstandslos beschmutzen?
Aber: ein allerletztes Schlusswort sei mir gestattet. Von Willi Winkler habe ich außer pseudo-intellektuellem Geschwafel in der Online-Ausgabe wie in der Druckausgabe noch nicht viel Sinnvolles gelesen. Getrieben von tiefem Hass gegen die herrschenden Verhältnisse (letzte Ausfahrt RAF verpasst?) versucht er sich nun als stets mäkelnder, stichelnder, offensichtlich mit seinem eigenen Leben nicht recht glücklicher Henryk-Broder-Verschnitt. Kein Wunder, dass er nicht die Pietät besitzt, Horst Tappert (die Überschrift ist ja weniger das Problem als der Verriss, der danach folgt) zu seinem Tode zu WÜRDigen. Derrick hatte nicht den Anspruch, Herr Winkler, Ihre wie auch immer definierten Anforderungen an Hochkultur zu erfüllen. Die Sendung wollte unterhalten und das hat sie offenbar ganz gut getan, wie die Einschaltquoten beweisen. Es ist jedem unbenommen, auch Ihnen nicht, Herr Winkler, auf Arte alternativ den Beitrag über den einbeinigen Transvestiten mit Lungenkrebs, der James Joyces "Ulysses" im Stile der Zwölftonmusik deklamiert, zu verfolgen.
Hol' schon mal den Wahn, Willi - auch dieses (nie öffentlich geprägte) Wortspiel wäre (dem keineswegs nur ernsthaftigen) Horst Tappert eingefallen. Und über das (hier so schrecklich humorlos inkriminierte) "Tappern im Dunkeln" hätte er wohl herzhaft gelacht - zumal es seine Rolle als "Herold" der rechtschaffenen (und rechtschaffenden) Republik augenzwinkernd ironisiert. Der Herold bringt Licht in die finstere Informationslage, indem er unter festem Aufstoßen seines Amtsstabes ("tappern") neue Nachrichten verkündet. Überdies lädt der Name zu weiteren Assoziationen ein: "Tappert" ist der offizielle Wappenrock des "Ehrenholdes" eines Staatswesens europaweit (in Spätmittelalter und früher Neuzeit). Reichsherold Kaspar Sturm (zuvor für Nürnberg und die Pfalz tätig), Zeitgenosse und Sympathisant Luthers, wurde offiziell gar als "Germania genand Teutschland" bezeichnet, wegen seiner unbestrittenen Funktion als Leitbild einer ganzen Nation. Auch das hätte Horst Tappert durchaus gefallen.
Die schönste ironische Hommage aber hatte ihm Loriot zugedacht - man erinnere sich an das abgründige Gedicht "Advent"?! Richtig, der fachmännisch ausgeführte Mord am Förster, verübt durch die seiner überdrüssige Förstersfrau: "Er war ihr bei des Heimes Pflege seit langer Zeit schon sehr im Wege". In trauter vorweihnachtlicher Stimmung, geschildert in unübertrefflichen biedermeierlichen Versen, zerteilt die Dames des Hauses (gewiß in "Grünwald" gelegen!) den Gatten in handliche Geschenkartikel und überreicht sie dem Weihnachtsmann - nein, Knecht Ruprecht, "mit goldnem Schlitten, auf einem Hirsch herangeritten". Ich könnte mir vorstellen, Horst Tappert hätte bei einer allfälligen Verfilmung dieses typisch deutschen Krimi-Plots noch gern den Ordnungshüter "Inspektor Ruprecht" gespielt. Denn wessen Gesichtszüge hat Loriot dem Vorleser seines "Advents" voller Innerlichkeit verliehen?! Ja - Derrick! "Die Silberschellen klingen leise, Knecht Ruprecht macht sich auf die Reise. Im Försterhaus die Kerze brennt, ein Sternlein blinkt - es ist Advent" (Loriot).
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