Zum Tod von Frank Giering Du hörst immer nur diesen einen Moment

Sehnsucht und Leidenschaft: Frank Giering war ein Schauspieler, der seinen Beruf liebte, der immer alles gab und sich dabei auch selbst preisgab.

Von Tobias Kniebe

Alles hinter sich lassen, am nächsten Morgen weg sein, auf großer Fahrt ins Unbekannte, zum Kap der Guten Hoffnung, Gott weiß wohin. Mit diesem schönen und zugleich schmerzlichen Traum von Aufbruch und Abschiednehmen beginnt Sebastian Schippers Film Absolute Giganten. Der junge Mann, der da träumt, heißt Floyd.

Der gute Bösewicht

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Frank Giering hat ihn gespielt, und es blieb über all die Jahre seines Schaffens in deutschen Film- und Fernsehproduktionen wohl seine eindrücklichste Rolle. Die Sehnsucht und Verlorenheit, die da in manchen Momenten in seinem Blick und in seiner Stimme liegen, wenn Floyd mit den beiden besten Freunden zum letzten Mal durch Hamburg zieht, überwanden die üblichen Grenzen der Schauspielerei: Da war jemand, der die Kamera wirklich in seine Seele schauen ließ.

Wer Frank Giering in jener Zeit begegnete, traf einen Menschen, der seinen Beruf liebte, der immer alles gab und sich dabei auch selbst preisgab - ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass eine öffentliche Figur sich auch schützen muss, sich ein Image, einen Panzer zurechtlegen sollte.

Damals erzählte er, wie er einmal nichtsahnend in einem Berliner Lokal saß, als eine Frau mit hassverzerrtem Gesicht fast über ihn hergefallen wäre. Sie hatte direkt zuvor Michael Hanekes Funny Games gesehen, in dem Giering einen zunächst sehr höflichen Jugendlichen mit harmlosem Babyspeck-Grinsen spielt, der sich als äußerst brutaler sadistischer Killer entpuppt - und am Ende sogar mit einem dreifachen Mord davonkommt. Noch so eine unvergessliche Rolle - man kann die Reaktion der Dame wirklich verstehen. Interessanterweise eine der leichteren Übungen für Giering, wenn man ihm glauben darf: "Als Killer sollte man einfach nur nett sein und seine brutalen Taten völlig verdrängen."

Minderwertigkeitsgefühle und Eifersucht

Frank Giering wurde am 23. November 1971 in Magdeburg geboren. Oft hat er von dem extremen Liebesbedürfnis erzählt, das er schon als pummeliger Teenager im Plattenbau spürte, als er unter dem Spitznamen "der dicke Willi" litt; ein einsamer Wolf sei er immer gewesen, große Jungs-Freundschaften wie in Absolute Giganten habe er gar nicht gekannt; Minderwertigkeitsgefühle und Eifersucht plagten ihn weiter. Auch der Erfolg im Beruf brachte nur zeitweilig Erleichterung, bis vor neun Jahren lebte er noch bei seinen Eltern, wo er sich sicher fühlte. Gearbeitet hat er aber viel und mit vollem Einsatz. Provokative Kinostücke wie Christopher Roths Baader waren dabei, wo er eine sehr eigenwillige, jeden radical chic untergrabende Interpretation des Terroristen Andreas Baader lieferte. Hans Steinbichler holte ihn für Hierankl, Romuald Karmakar für seine Jon-Fosse-Adaption Die Nacht singt ihre Lieder.

Zwischendrin hat er sehr viel fürs Fernsehen gedreht, da war er bei Zusagen für Rollen und Nebenrollen nicht immer wählerisch - er wollte wohl einfach spielen, wenn ein Angebot auf dem Tisch lag. Eine gewisse Stabiltät brachte zuletzt die Serie Der Kriminalist, wo er der zweite Kommissar neben Christian Berkel war. Die Sehnsucht und Leidenschaft, die ihn trieben, war aber durchweg zu spüren.

"Weißt du was ich manchmal denke?" beginnt Floyds meistzitierter Dialog aus Absolute Giganten. "Es müsste immer Musik da sein. Bei allem, was du machst. Und wenn es so richtig scheiße ist, dann ist wenigstens noch die Musik da. Und an der Stelle, wo es am allerschönsten ist, müsste die Platte springen - und du hörst immer nur diesen einen Moment."

Wie seine Agentur mitteilte, ist Frank Giering am Mittwoch im Alter von 38 Jahren gestorben. Seine Platte ist gesprungen. Noch weiß man nicht, warum - und ob es gerade an der schönsten Stelle war oder doch vielleicht eher an einer sehr traurigen. Aber die Hoffnung in seiner Stimme, in dem Moment, wenn er von seinem großen Aufbruch erzählt oder eben diese Sätze über die Musik sagt - sie wird noch lange in uns nachklingen.