Zum Tod von Etta James Schmutzige Beichten

Sie atmete den Soul. Wenn Etta James sang, kribbelte und brannte es. Dabei hielt sie sich kaum an Genregrenzen der Musik. In Gedenken an die große Blues- und Soulsängerin.

Von Jonathan Fischer

Einem Etta-James-Song mit ganzem Herzen zu lauschen, erfordert eine gewisse Leidensbereitschaft. Es ist ein wenig so, als ob man sich ein Tattoo stechen liesse: es kribbelt, es brennt, die Stiche gehen unter die Haut, aber die Schmerzen gehören nun einmal zum Preis der Schönheit. Soul jedenfalls klang selten intensiver als aus dem Munde der wasserstoff-blondierten Sängerin. James sang nicht einfach nur. Sie atmete, aß, starb jede einzelne Silbe. Ihre Stimme war ein mächtiges Instrument, ihre musikalische Ausdruckskraft nur mit der von Aretha Franklin vergleichbar. "Eine Kirche für sich", nannte sie der sagenumwobene Soulproduzent Jerry Wexler einmal. Adele, Amy Winehouse oder auch Beyoncé Knowles, die Etta James 2008 im Film "Cadillac Records" spielte, bezeichneten sie als Vorbild.

Legende: Etta James & The Roots Band bei einem Auftritt in Los Angeles.

(Foto: AP)

Sie steckte allerdings viel, viel tiefer im schwarzen Funk als ihre Soul-Wiedergängerinnen: Die Jugend im Kirchenchor war bald vergessen, als sie 1955 ihren ersten Hit mit der suggestiven Nummer "Roll With Me Henry" landete - unter dem Decknamen "The Wallflower". Die Radiosender sollten nicht verschreckt werden. Es war aber natürlich gerade der zweideutige Inhalt, der den Song, der eine Antwort auf Hank Ballards "Work With Me Annie" war, zum Jukebox-Hit machte. Etta Jamesetta Hawkins, so ihr bürgerlicher Name, war damals gerade 16 Jahre alt. Als Produzent Johnny Otis sie mit ein paar Freundinnen an einer Straßenecke in San Francisco Doo Wop singen hörte, und sie in sein Studio nach Los Angeles einlud, fälschte sie die Unterschrift ihrer Mutter und schloss sich der Johnny Otis' "Rock'n'Roll Revue" an.

Ende der fünfziger Jahre landete sie in Chicago. Muddy Waters, Chuck Berry und Bo Diddley hatten auf Chess Records den schwarzen Rock'n'Roll gepredigt, James aber sollte die Soulstimme des Unternehmens werden. Dramatische, streicheruntermalte Balladen wie "At Last" machten sie zu einem Crossover-Star, weiße wie schwarze Jugendliche lagen ihr zu Füßen, wenn sie mit rauchiger Altstimme und zweideutigen Wortspielen Konzertsäle von New Orleans bis Chicago beherrschte. Ein gutes Jahrzehnt gelangen ihr zuverlässig Hits: "Trust In Me", "Sunday Kind Of Love", "Something's Got A Hold On Me" oder "All I Could Do Was Cry".

Dabei hielt sie sich kaum an Genregrenzen: Dem stürmischen, bläsergetriebenen Funk von "Tell Mama" stellte sie Country-Balladen wie "Almost Persuaded" zur Seite, sie konnte Billie Holidays Jazz-Standards wie Bekenntnisse einer Puffmutter intonieren, und lange vor Joe Cocker auf "You Can Leave Your Hat On" in die Ekstase reiten. Etta James lud jeden Song mit irrer Energie auf: dem Blues einer Frau, die in ihrem Leben oft misshandelt aber nie besiegt wurde, und die ihre Verletzungen mit reiner Willenskraft zu Siegeskränzen umdichtete. Selbst einem Eagles-Song wie "Take It To The Limit" konnte sie den Blues injizieren. Alles wurde bei ihr zur schmutzigen, dramatischen Beichte.

An realem Drama fehlte es diesem Leben nie. Ihre Mutter war drogenabhängig, weshalb Etta James bei Pflegeeltern aufwuchs. Ihre Männerbeziehungen waren von Missbrauch geprägt, ihr professioneller Erfolg stets durch persönliche Dämonen gefährdet. Ende der sechziger Jahre begann sie, Heroin zu spritzen. Die Folgen waren verheerend: Etta James wechselte von der Bühne ins Gefängnis, verlor Stimme und Geld, ließ sich innerlich und äußerlich gehen: "Meine Karriere war im Abort", erklärte sie 1980, "viele Bewunderer versuchten mir zu helfen, aber ich wollte nur high werden, und wenn ich dabei zur Hölle fuhr." Dazu kamen Probleme mit ihrem Übergewicht. Sie konnte nur noch sitzend auftreten.

Erst Mitte der neunziger Jahre feierte sie ein kleines Comeback: Rock-Ausflüge wie "Seven Year Itch" bescherten ein neues Publikum, sie gewann drei Grammys für ihre Interpretationen von Billie-Holiday-Songs sowie ihre 2003 und 2004 veröffentlichten Blues-Alben - und Präsident Barack Obama tanzte auf seinem Antrittsball zu Etta James berühmtesten Lied "At Last". Vergangenen Freitag erklärte ihr Manager, dass die gesundheitlich seit langem angeschlagene Soulsängerin ihrer Leukämie erlegen sei. Etta James wurde 73 Jahre alt. Ihre gesungenen Seelen-Tätowierungen aber haben auch über die Jahrzehnte nichts von ihrer schmerzhaften Schönheit verloren.

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