Zum Tod des Film-Kritikers Michael Althen Der Pionier

Irgendwie umgab ihn seine eigene Zeit, die er womöglich durch puren Willen verlangsamen konnte, um noch mehr Sätze in noch weniger Sekunden in sie hineinzuschreiben.

Tobias Kniebe

Vielleicht muß man in solchen Momenten vom Glück sprechen, wenn man nicht von der Trauer aufgefressen werden will. Das ist ein Satz von Michael Althen. Einer seiner unnachahmlichen, an der Oberfläche scheinbar einfachen, Wirklichkeit aber doch ungeheuer komplex angelegten Artikelanfänge, die einen wie magisch in seine Texte hineinziehen und die Gedanken und Erkenntnisse gleich ins Fließen bringen. Er schrieb diesen Satz zum viel zu frühen Tod von Peter Buchka, der als Filmredakteur der Süddeutschen Zeitung sein Vorgänger war. Und nie hätte man sich damals träumen lassen, dass man eines Tages in derselben Situation sein würde: Dass man einen, der voranging, dem man unendlich viel zu verdanken hat, so erschütternd plötzlich, so sinnlos früh, so mitten aus voller Schaffenskraft, aus dem Leben, Schreiben und Filmemachen herausgerissen, würde verabschieden müssen. Man könnte verzagen vor dieser Aufgabe, stumpf den leeren Bildschirm anstarren, bis der letzte Andruck vorüber ist - wäre da nicht das Gefühl, dass er selbst einem noch einmal ein Führer sein kann.

Sprechen wir also vom Glück. Als erstes natürlich von dem Glück, das Michael Althen im Kino erlebt und erfahren hat, mit der Leidenschaft eines wahren, niemals eifersüchtigen Liebhabers, stets zum Teilen bereit. Ja, er konnte teilen - Hingabe, Passion, staunende Erkenntnis, Überwältigung - wie wohl keine zweiter in seinem Beruf. Und zwar gerade, weil er im Kern seines Wesens so zurückhaltend war. Aufgeplusterter Jargon, akademische Scheingefechte, überflüssige Worte und Gefühle waren ihm dabei aus tiefstem Herzen zuwider. Nie hätte er einem etwas aufgeschwatzt, nie packte er die großen rhetorischen Keulen aus, nie bettelte da ein Autor um Beachtung der eigenen Brillanz. Und doch: Wenn es mitzuteilen galt, welcher Blick, welche Geste, welche Szene ihn im Kino (oder auch in der Literatur, in anderen Künsten, im Leben) wieder verzaubert und inspiriert hatte, dann konnte er das auf die klarste, wundersamste und sinnlichste Art vermitteln. So dass seine Leser - bei der Erfahrung oder auch nur bei der Vorstellung dieser Momente - sich selbst plötzlich wie beflügelt fühlten, in einem Zustand erhöhter Wachsamkeit, fast schon wie bessere Menschen.

Als Kind hätten ihn die Eltern immer gewarnt, nicht zu nah an den Bildschirm zu rücken, da würde man sich nur die Augen verderben, erinnert er sich in dem wichtigsten und autobiografischsten seiner Bücher, "Warte, bis es dunkel ist". Darin schildert er eine Art Erziehung des Herzens anhand seiner Leidenschaft für die Bilder, die ein anderes Leben versprachen als die offenbar sorgenfreie, aber der Größe seiner Sehnsüchte dann doch nicht genügende Jugend in München, wo er am 14. Oktober 1962 geboren wurde. Er hat sich einmal die Mühe gemacht, die alten Kinoanzeigen der Süddeutschen auszugraben und nachzuschauen, was in jener Woche so lief: Unter anderem "El Cid" mit Charlton Heston und Sophia Loren (in der 21. Woche), "DasRuhekissen" mit Brigitte Bardot ("Eine heißblütige Frau im Zwange diabolischer Leidenschaft") und "ein neues Meisterwerk des vierfachen Oscar-Preisträgers John Ford" - das war der "Der Mann, der Liberty Valance erschoss". Eine wilde Mischung natürlich - und kein schlechtes Omen.

Dabei spielte es zunächst keine Rolle, ob die Bilder, die ihn bewegten, aus dem Fernsehen oder aus dem Kino kamen. Althen hat sich von Anfang an nie gescheut, die Wahrheit jener Generation auszusprechen, die mit ihm das Sehen lernte: dass der Mythos von der alleinigen Allmacht der großen Leinwand eben längst ein Mythos war, dass eine Geste von Emma Peel aus "Mit Schirm, Charme und Melone" sich genauso unauslöschlich einprägen konnte wie eine Szene aus Nicholas Roegs "Wenn die Gondeln Trauer tragen". Nicht nur in dieser Hinsicht war er Pionier, der das Schreiben über Film in diesem Land nachhaltig verändert hat.

Glück hieß dann immer so nah wie möglich an die Leinwand zu setzen, um sich die Augen so gründlich wie möglich zu verderben. Wobei man sich den Weg des Verderbens einen Weg der Befreiung vorstellen muss: Es galt erst einmal, sich von allen bildungsbürgerlichen, kunstpolitischen und neunmalklugen Vorstellungen freizumachen, was Kino sei und was es zu leisten habe, und zu jenem Punkt vorzustoßen, an dem ein ganz neues, eigenes Schauen beginnt. Da wurde dann nicht mehr mit Schlagworten um sich geworfen oder mit angelesenem Wissen geprotzt - aber es wäre ein Fehler, daraus einen Mangel an Reflektion abzuleiten: Althens Texte und Urteile waren stets weit gründlicher durchdacht und verstanden als das meiste, was sich um ihn herum als reflektierte Analyse nur ausgab.

Die tiefere Sehnsucht, die ihn so nah vor die Leinwand trieb, hat er dann so beschrieben: "Mittlerweile sind wir wahrscheinlich vollständig verdorben, aber das macht nichts, weil wir im Kino ein zweites Leben gefunden haben, das viel besser ist als das unsere und ihm doch aufs Haar gleicht. Darin liegt die doppelte Natur des Kinos: dass es stets Auskunft gibt über das, was ist, und das, was möglich wäre, darüber, wer wir sind und wer wir gerne wären. Wie wir uns gefühlt und wovon wir geträumt haben. Wie die Autos aussahen und wie die Telefonzellen. Was man getragen und wie man sich frisiert hat. Und wenn wir für einen Moment die Augen schließen und uns dem Strom der Bilder überlassen, dann können wir uns in all dem wieder erkennen. Dann wissen wir, woher wir kommen, und vielleicht auch, wohin wir gehen."

Wer so fühlt, wird irgendwann selbst Filmbilder schaffen wollen. 1984 kam Althen als Filmkritiker zur Süddeutsche Zeitung, zunächst als freier Mitarbeiter, so dass er auch in der Zeit, im Spiegel und vielen anderen Publikationen zu lesen war. In der nächsten Dekade arbeitete er dann schon an Fernsehdokumentationen wie "Das Kino bittet zu Tisch", für die er den ersten seiner Grimme-Preise gewann. In das Jahr 1998, als er Filmredakteur der Süddeutschen Zeitung wurde, fiel auch seine erste Zusammenarbeit mit dem Regisseur Dominik Graf, eine Dokumentation über dessen Vater, den Schauspieler Robert Graf: "Das Wispern im Berg der Dinge".

Dem folgte 2000 "München - Geheimnisse einer Stadt", ein Film zwischen Dokumentation und Fiktion, in dem man das wirklich spürt: Wie diese Stadt, ihre Menschen, Autos und Telefonzellen einmal aussah, und was jene, die dort lebten, gefühlt und geträumt haben mögen. Zuletzt kam dann 2008 "Auge in Auge - Eine deutsche Filmgeschichte", zusammen mit Hans Helmut Prinzler, wo er sich als Chronist wieder mehr in den Dienst anderer Filmemacher stellte.

Der große Umbruch aber fiel in das Jahr 2001, als Althen sein Leben mit Frau und zwei Kindern von München nach Berlin verlagerte, und von der Süddeutschen zur FAZ wechselte. Er selbst hat sich damit noch einmal überzeugend neu erfunden. Was Berlin dabei gewonnen hat, müssen andere beurteilen. Was München mit seinem Wegzug verlor, ist allerdings bis heute zu spüren gewesen.

Am Ende muss auch von dem Glück die Rede sein, von einem Kollegen und Freund wie Michael Althen gelernt, mit ihm gearbeitet, ihn gekannt zu haben. Am eindrucksvollsten war für einen jungen Schreiber seine Ruhe: Ganz gleich, wie nah ein Redaktionsschluss schon war, wie viele Dinge er gleichzeitig erledigt hat, wie hektisch die Dinge auf einem Festival wurden, es gibt kein Bild im Gedächtnis, das ihn hektisch zeigte, unüberlegt, unruhig, eigentlich nicht einmal ansatzweise gestresst.

In Erinnerung sind seine typischen, offenen weißen Oberhemden selbst in der Mittagshitze von Cannes oder Venedig niemals verschwitzt. Irgendwie umgab ihn seine eigene Zeit, die er womöglich durch puren Willen verlangsamen konnte, um noch mehr Sätze in noch weniger Sekunden in sie hineinzuschreiben. Seine Faxe, die früher aus aller Welt in der Redaktion eintrafen, trugen auch oft die merkwürdigsten Zeitstempel zwischen Mitternacht und Morgengrauen. Das zeigte schon, wie entschlossen er war, den Stunden, die er hatte, das Maximum des nur irgendwie Möglichen abzutrotzen. Wenn man nun bedenkt, dass er nur 48 Jahre alt wurde, zuletzt in wenigen Monaten besiegt von einer besonders heftigen Krebserkrankung, erscheint dieser Lebens- und Schaffensdrang in einem neuen Licht.

Am vergangenen Donnerstag Morgen starb Michael Althen im Kreise seiner Familie. Man wünschte nur, man hätte nun die Worte, die ihm immer zur Verfügung standen, ganz gleich unter welchen Bedingungen, unter welchem Druck des Zeitungsmachens, unter welchem Schmerz. Wenn einer das konnte, dann er: Für ein ganzes Leben noch einmal zwei klare, gültige Sätze finden. Das eine Bild beschwören, das alles sagt, die eine Geste, die einen Menschen noch einmal lebendig macht und einem zugleich vor Glück und Sehnsucht das Herz aus der Brust reißt, weil darin ein Moment der Wahrheit spürbar wird.

Solche Worte, inmitten der tiefsten Trauer, gibt es hier nicht. Aber das ist auch gut so. Es zeigt nur einmal mehr, wie einzigartig er war.