Zum Siegeszug der Grünen Sieg einer neuen Aufrichtigkeit?

Das ist also das Lebensmodell, wenn die Grünen zur Mehrheitspartei werden: Der Mann arbeitet bei Bosch und macht irgendwelche klimaschädlichen Sachen - Bosch ist zum Beispiel der weltweit größte Hersteller von Verpackungsmaschinen für Konsumgüter -, während die Frau, die gegen Stuttgart 21 ist, im Ökosupermarkt leckeren Biokäse aus der Region und vollmundigen Biowein aus Apulien kauft, möglichst Verpackung vermeidend. Die Tochter studiert in Tübingen, demonstriert gegen Atomkraft und wird von ihrem Freund abgeholt, der praktischerweise ein Auto hat und dann mit ihr über die Autobahn rast. Nicht so schön aber wär's, wenn den vielen Indern und Chinesen ihr Wunsch nach einer passablen Wohnung, einem kleinen Auto und einem Besuch im Steakhaus erfüllt würde. So etwas muss auf Regierungskonferenzen unbedingt verhindert werden, idealerweise von grünen Ministern, unsere Kinder werden es uns danken.

Wird nun der neue grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, der im Wahlkampf eine grünere Automobilindustrie gefordert hat, die Porsche-Werke schließen lassen? Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte wird es mit Winfried Kretschmann (im Bild) einen Ministerpräsidenten der Grünen geben.

(Foto: dpa)

Wie sehr die bessere, nachhaltigere Lebensführung auf dem Freiheitsgewinn beruht, den der umgebende Wohlstand gewährleistet, das lässt sich auf jedem Biomarkt der westlichen Welt beobachten, besonders hübsch aber im Vauban-Viertel in Freiburg im Breisgau.

Das Quartier heißt nach einem französischen Marschall, weil es aus früheren französischen Kasernen besteht; diese wurden nach Abzug der Soldaten in eine Art Mustersiedlung für ökologische Stadtbürger umgebaut. In Vauban haben am Sonntag bei der Landtagswahl die Grünen 72,2 Prozent der Stimmen erlangt. Die CDU schaffte dort 3,6 Prozent. Das sind alles sehr nette, behütete und freundliche Menschen in Jack-Wolfskin-Jacken; wer aber einmal durch das Vauban-Viertel gegangen ist, der weiß auch, wie sanfter Tugendterror in unserer Zeit aussieht.

Nun könnte man sagen: Wäre es nicht trotzdem gut, wenn es überall so zuginge wie in der Vauban-Siedlung? Das wird aber nicht passieren, auch nicht, wenn die Grünen die absolute Mehrheit bekommen. Denn das gute ökologische Leben erfüllt gegenüber der Gesamtgesellschaft dieselbe Funktion wie die journalistischen Selbstversuche nach dem Muster "Ein halbes Jahr klimagerecht leben" oder die Aktionen, bei denen für eine Stunde das Licht ausgemacht wird - und dann wieder angestellt.

Der unersättliche Kapitalismus, der unsere Lebensform garantiert, bildet den Hintergrund für das grüne Lebensgefühl der Mittelklassen; mit fundamentaler Umkehr hat das alles nichts zu tun. Man muss ja schließlich auch Geld verdienen. Deshalb wird auch gerne die Illusion genährt, aus derselben Wachstumsdynamik, die Ressourcen verbraucht, entstünden auch bald jene Erfindungen, die den Ressourcenverbrauch stoppen - und uns zugleich im Wesentlichen so weiterleben lassen wie bisher. Wer wollte das nicht?

Natürlich kann man das Ganze auch wohlwollend sagen: Demokratie besteht aus Kompromissen, und inkonsequente Grüne können trotzdem ein Korrektiv der kapitalistischen Landnahme sein. Und das Aushalten von Widersprüchen ist nun mal das Signum unserer Zeit. Das mag sein - insofern ist die Expansion der Partei eben ganz und gar zeitgemäß.

Behaupte nur keiner, das neue grüne Bürgertum sei der Sieg einer neuen Aufrichtigkeit.