Zum 100. Geburtstag von Luise Rainer Ein Mädchen, das Filme hasst

Es war eine Karriere im Durchlauferhitzer: sehr kurz, sehr erfolgreich. Zum 100. Geburtstag der zweifachen Oscar-Gewinnerin Luise Rainer.

Von Marten Rolff

Gegen Ende der Oscar-Verleihung von 1937 betrat eine kaum bekannte 27-Jährige das Podium im Biltmore Hotel, Los Angeles. Luise Rainer hieß die überraschende Gewinnerin des Preises für die weibliche Hauptrolle. Sie muss auf die Zuschauer seltsam sperrig gewirkt haben, wie sie da zögernd ans Mikrofon trat und mit bleiernem deutschen Akzent ein höfliches "Thank you very much", formulierte.

Dass dieser Auftritt wohl weniger ihrer Schüchternheit als ihrem aufrichtigen Desinteresse geschuldet war, wurde ein Jahr später deutlich. Zur Oscar-Zeremonie von 1938, bei der die junge Deutsche sich gegen die für "Die Kameliendame" favorisierte Greta Garbo durchsetzte, wäre sie wegen eines Streits mit ihrem Ehemann beinahe zu spät gekommen. Das Dienstmädchen, so erzählte Luise Rainer später, habe sie am Morgen sogar noch an die Verleihung erinnern müssen.

Unter den vielen ungewöhnlichen Karrieren, die Hollywood hervorgebracht hat, dürfte die der Schauspielerin Luise Rainer, geboren 1910 in Düsseldorf und aufgewachsen in Hamburg, wohl eine der merkwürdigsten sein. Es war eine der kürzesten und zugleich erfolgreichsten Filmkarrieren der Geschichte - sie bekam zwei Oscars in Folge. In Deutschland glaube man heute gern, dass sie längst tot sei, so witzelt Luise Rainer, die an diesem Dienstag 100 Jahre alt wird und in London lebt, gern in Interviews.

Im Hollywood der 30er Jahre kannte man sie auch als "Das Mädchen, das Filme hasst". So lautete zumindest der Titel eines Porträts, für das Rainer dem Magazin Collier's Weekly 1936 erzählt hatte, sie würde Amerika gern verlassen, um wieder in Europa Theater zu spielen. Und die Schriftstellerin Anaïs Nin notierte zu Beginn der 40er Jahre mit Bewunderung in ihr Tagebuch: "Luises Selbstwahrnehmung entspricht in keiner Weise ihrer Erscheinung auf der Leinwand. Sie lehnt jede Form der Verehrung ab; die Blumen wie die Liebesbriefe, die man ihr schickt. Ganz so, als wäre die Person, die dort auf der Leinwand zu sehen ist, nur ein Trugbild."

Zu diesem Zeitpunkt war Luise Rainers Hollywood-Laufbahn bereits Geschichte. Es war eine Karriere im Durchlauferhitzer gewesen: Acht Filme in drei Jahren hatte sie gedreht; "dumme, alberne Filme", die einzig die vertragliche Bindung an MGM ihr auferlegt hätte, wie sich Rainer später beklagte. Wobei sie gern ein wenig übertrieb, weil sie vor allem ihre heute längst vergessenen Romanzen aus dem Jahr 1938 meinte. Das Bürgerkriegsdrama "The Toy Wife" an der Seite von Melvin Douglas etwa oder Robert B. Sinclairs Film "Dramatic School", in dem Rainer eine junge Schauspielschülerin verkörpert, die aufgrund der Intrige einer Neiderin den Mann ihrer Träume trifft.

MGM besetzte sie bewusst in seichten, dramatischen Rollen. Kaum eine andere Schauspielerin konnte im Studio-Kino der 30er Jahre so effektvoll leiden wie die Rainer, die man auch wegen ihrer klaren, ebenmäßigen Gesichtszüge als "deutsche Garbo" aufgebaut hatte. Nachdem deutsche Schauspieler wegen der Nazis in den USA zu Kassengift geworden waren, änderte MGM den Spitznamen in "Wiener Träne".

Von Rainer hieß es da bereits, sie könne aus dem Stand weinen und lachen zugleich. Bewiesen hatte sie das im Musical "Der große Ziegfeld", in dem sie 1936 die verlassene Ehefrau des Broadway-Impresarios Florenz Ziegfeld jr. spielte. Die Telefonszene, in der sie ihrem Ex-Mann tapfer lächelnd zur zweiten Ehe gratuliert, bevor sie schluchzend zusammenbricht, war der Academy den ersten Oscar wert. Die New York Times war verhaltener: "Miss Rainer singt recht hübsch, (. . .) doch sie neigt zu emotionalen Exzessen, die nicht immer angebracht sind", hieß es in der Kritik.

Unzählige Male hatte sie abgesagt

Es war ein Rollenschema, dem Rainer nicht mehr entkommen sollte. Als sie bei MGM-Boss Louis B. Mayer Ende der 30er Jahre bessere Drehbücher forderte, blieb er ungerührt: "Wir haben dich erschaffen, Luise, und wir werden dich auch wieder vernichten", soll er gesagt haben, bevor er ihre Karriere planmäßig blockierte.

Bis heute sagt Luise Rainer, dass sie nicht an die Schauspielerei glaube, Methodik sei Zeitverschwendung und Talent entweder vorhanden oder eben nicht. Ihr Erfolg gab ihr immer recht: Mit 16 hatte die Kaufmannstochter ohne Wissen ihrer Eltern am Düsseldorfer Theater vorgesprochen und erst eine Rolle und dann einen Ensembleplatz ergattert; bereits zwei Jahre später holte Max Reinhardt sie nach Wien, an das Theater an der Josephstadt, wo sie schließlich von einem Talentscout aus Hollywood entdeckt wurde.

Das jähe Ende ihrer Filmkarriere vor 70 Jahren sieht sie inzwischen ein wenig mit Reue. "Ich war zu stolz, ich hätte viel mehr machen sollen", sagte sie der SZ kürzlich. Unzählige Male hatte sie selbst abgesagt: Als Brecht den "Kaukasischen Kreidekreis" für sie geschrieben hatte, zierte sie sich, als sie am Broadway Erfolg hatte, zog sie zurück nach Europa, und als Fellini sie für "La Dolce Vita" besetzen wollte, war ihr der Film zu schlüpfrig.

Sie wisse nicht, was sie letztlich abgehalten habe, sagt Rainer heute. Vielleicht war es ihr Perfektionismus. Nach dem Ende der Schauspielerei hatte sie zu malen begonnen. Doch als sie in den 50er Jahren von England in die Schweiz zog, hörte sie auch damit auf. "Ich konnte nicht", sagt sie. "Diese Landschaft dort hat mich einfach überwältigt."