Von Elizabeth Endres

Doris Lessing hat durch ihr Leben unser Denken nicht minder geprägt als durch ihr Schreiben. Zum achtzigsten Geburtstag der britischen Schriftstellerin.

Das war ein Gelächter. Damals, im Jahr 1983, erschien "The Diary of a Good Neighbour"; "Das Tagebuch der Jane Somers" hieß die deutsche Ausgabe, die 1984 herauskam. Die hochberühmte Doris Lessing hatte das Manuskript bei verschiedenen Verlagen eingesandt. Nicht unter ihrem Namen, sondern als Jane Somers, als Anfängerin ohne vorauseilenden Ruhm. Prompt war der Text abgelehnt worden. Nur ein kleiner Verlag erbarmte sich. Und dann bekannte sich die Autorin zu ihrem Streich. . .

Doris Lessing Bild vergrößern

Die britische Schriftstellerin Doris Lessing am 12.03.2006 vor einer Lesung im Kölner Schauspielhaus. (© Foto: dpa)

Anzeige

Sie wollte sich freilich nicht nur einen Jux machen. Es ging ihr um die Bloßstellung einer intellektuellen Szene, um die Zwänge der selektiven Wahrnehmung. Was eine bekannte Markenware ist, wird auf dem Markt bleiben. Doch wehret den Anfängern!

Dabei war jeder Anfänger gewesen, hat sich durchbeißen müssen wie Doris Lessing selbst, das Kind des Empire. Am 22. Oktober 1919 wurde sie in Kermanschah / Iran geboren. Der Vater Alfred Cook Taylor arbeitete als Bankmanager bei der Imperial Bank of Persia. Später zog die Familie ins damalige Rhodesien um, ins Herzland des kolonialen Fühlens. Der scheinbare Überfluss der Weißen trügt. Man spürt schon die Enge, die Sorgen des Mittelstands. Der Vater ist von den Schatten des Ersten Weltkriegs gezeichnet; die Mutter bedarf aller Energie um mit dem Leben und mit ihrer Tochter zurechtzukommen.

Doris Lessing arbeitete in Salisbury, heute Harare, als Nanny, später als Schreibkraft und Mädchen für alles in einem Anwaltsbüro. Sie sah die Schwarzen, die koloniale Schuld und die Not. Ihre Ehe mit dem Offizier Frank Charles Wisdom, 1939 geschlossen, wurde bereits 1943 geschieden. Es vollzog sich der Bruch mit den Traditionen. Der zweite Mann der Autorin ist Gottfried Lessing, ein Emigrant und Kommunist, also das Objekt kolonialenglischer Arroganz und phantastischer Verdächtigungen.

Doris Lessing schließt sich der Partei an, obwohl sie schon früh die Versammlungen als trostlos empfindet und ihr überhaupt jedes oktroyierte Wir-Gefühl zuwider ist. Sie wird 1956, nach der Niederschlagung der ungarischen Freiheitsbewegung, Partei und Gesinnung verlassen. Wie sie einmal sagte, aus demselben Grund, "dessetwegen jedermann aus der kommunistischen Partei austrat".

Noch einmal der Phantomschmerz

1949 übersiedelte sie nach England. Im Jahr darauf erschien ihr Buch "The Grass is Singing" (deutsch "Afrikanische Tragödie"), 1952 "This Was the Old Chief's Country" (deutsch "Der Zauber ist nicht käuflich"). Das Thema war die Spannung zwischen den Rassen, der Kontrast der Lebenswelten. Eine gescheite Leserin bemerkte, die Autorin schreibe über Schwarze und Weiße, ohne der Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen. Schon hier wird Doris Lessing dem Bild gerecht, das Erich Fried von ihr zeichnete; sie sei eine "Rebellin um der Menschlichkeit willen". Selbst wo sie Auseinandersetzungen schilderte, ging es ihr nicht um den Streit, sondern um das Humane, das verschüttet wurde und das es wiederherzustellen gilt.

Das ist auch der Grundton jenes Buches, das die Schriftstellerin weltberühmt machte, weil man es, die Tendenz verkürzend, als bloßen Beitrag zum Feminismus missverstand: "The Golden Notebook" (1962, deutsch 1978 "Das goldene Notizbuch"). Autobiografisch eingefärbt wird hier die weibliche Entwicklung geschildert, die Emanzipation von der patriarchalischen Macht und den patriarchalischen Bildern. Die Hauptgestalt Anna Wulf erlebt Afrika, Politik und Zusammenbrüche. Mühsam entwickelt sie sich zusammen mit ihrer Freundin Molly zur "ungebundenen Frau", erlernt die schwerste Kunst der Zeit, "falsche Dichotomien und Einteilungen abzustoßen".

Es gäbe noch viel zu erwähnen. Der fünfteilige Romanzyklus über den Werdegang der Martha Quest "Children of Violence", verfasst in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, in den Achtzigern ins Deutsche übertragen, als die Autorin auch hier zu Lande berühmt war. Die zeitkritischen Bücher über Terroristinnen, fünfte Kinder und den Preis der Wahrheit. Doris Lessing dichtete lyrisch, schrieb Reportagen. So über Simbabwe, den entkolonialisieren Nachfolgestaat von Südrhodesien (1992). Sie sieht die Innovationen und die Nichterfüllung von Hoffnungen. Die perfect society, der Jugendtraum, konnte, kann nicht geschaffen werden.

Ihr wichtigstes Spätwerk sind die beiden autobiografischen Bände "Unter der Haut" (1994) und "Schritte im Schatten" (1997). Noch einmal der Glanz und das Elend Rhodesiens, noch einmal der Phantomschmerz der Ex-Kommunistin. Doris Lessing hat durch ihr Leben unser Denken nicht minder geprägt als durch ihr Schreiben. Wir, die Zeitgenossen, gratulieren zum achtzigsten Geburtstag, den sie heute feiert.

Leser empfehlen 

(SZ vom 22.10.1999)