Jener Baum von Mann, der scheinbar nie aufhören wollte, Kanzler zu sein: Taugt Helmut Kohl zum Helden eines Fernsehfilms? Und was verrät uns das über die deutsche Geschichte?
Helmut Kohl geht es nicht so gut. Er ist alt geworden, und wenn man ihn jetzt nochmal irgendwo in der Öffentlichkeit sieht, dann erinnert man sich mit einem Anflug von Wehmut an jenen Baum von Mann, der scheinbar nie aufhören wollte, Kanzler zu sein. Nächstes Jahr, am 3. April, wird Kohl achtzig. Es könnte dies, wenn es seine Gesundheit zulässt und die politische Klasse quer durch die Lager die angemessene Großmut zeigt, eine bedeutende Feier werden.
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Glück, politisches Gespür, egozentrische Sturheit und zielgerichtetes Handeln: Thomas Thieme als Helmut Kohl in seinem Büro im Bonner Kanzleramt in dem Film "Der Mann aus der Pfalz". (© Foto: Stephan Rabold/ZDF)
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Kohl nämlich ist einer der drei großen Kanzler Deutschlands. Mit Konrad Adenauer ist die allmähliche Rückkehr West-Deutschlands in die zivilisierte Staatenwelt verbunden. Willy Brandt verkörperte Versöhnung und Aufbruch nach außen wie im Inneren. Und Helmut Kohl ist jener Kanzler, der für die wiedergewonnene Einheit Deutschlands steht.
Gewiss doch, es gibt viele Menschen hierzulande, die immer noch erhebliche Schwierigkeiten mit dieser Einschätzung haben. Nicht, was Adenauer - der ist wohl schon lange genug tot - und auch nicht, was Willy Brandt, den Schutzheiligen des Verfassungspatriotismus, angeht. Kohl aber polarisiert auch heute noch die Geister, obwohl er an der öffentlichen Debatte kaum mehr teilnimmt. Etliche halten seine Spendenaffäre für so verwerflich, weil typisch, dass sie ihm Größe auf keinen Fall zubilligen wollen. Andere, die sich Jahr um Jahr an seiner geistig-moralischen Wende abgearbeitet haben, glauben bis heute, der Spießbürger aus der Pfalz habe einfach nur über seine Verhältnisse hinaus Glück gehabt.
Von Heiner Geißler bis zu Oskar Lafontaine reicht die Reihe derer, die Kohl hinter sich gelassen hat, obwohl sie selbst sich für besser und gescheiter halten. Kohl ist und bleibt das Trauma eines Teils der politischen Klasse, der sich zwar heute überwiegend im Rentenalter befindet, dennoch aber in Büchern und auf Podien die alten Schlachten immer wieder neu schlägt.
Nein, der beeindruckende ZDF-Film "Der Mann aus der Pfalz" gehörte nicht zu jenem Reenactment des Konflikts Achtundsechziger gegen Anti-Achtundsechziger, Scaloppine gegen Saumagen. Er zeigte vielmehr, manchmal ein wenig überknoppisiert, den Schauspieler Thomas Thieme als einen Helmut Kohl, der anders aussah als in Wirklichkeit, aber so auftrat und handelte, dass man spürte: So wird es wohl gewesen sein in jenen Tagen der Jahre 1989/90.
Thieme/Kohl gab - auch dank eines gelungenen Drehbuchs - eine Ahnung davon, wie Glück und politisches Gespür, egozentrische Sturheit und zielgerichtetes Handeln im Extremfall sogar die Welt verändern können. Manchmal, leider eher selten, widerfährt einem im öffentlich-rechtlichen Fernsehen so ein Damaskus-Erlebnis. Dieser Film war glaubhaft, auch wenn einen die Phänotypen der Schauspieler manchmal verwirrten, da man ja noch weiß, wie die Protagonisten Seiters, Geißler oder Mitterrand aussahen und sprachen.
Dies ist ein nicht unbedeutendes Problem bei Filmen, in denen die eigentlich gerade nur vergangene Gegenwart nachgestellt wird, als wäre sie schon Geschichte. In Anlehnung an die von Ernst Jünger benutzte Begriffstrias Typus, Name, Gestalt kann man sagen, dass in dem Kohl-Film danach gestrebt wurde, sowohl die Gestalt als auch den Typus der Dargestellten zu treffen. Bei Kohl und Teltschik gelang das gut; bei Geißler und Mitterrand, der in Gestalt zu sehr an Müntefering erinnerte, nur so lala; bei Seiters oder Späth kaum.
In einem Publikum, das die dargestellten Ereignisse selbst miterlebt zu haben glaubt, ist das Wiedererkennen des Gesehenen ungeheuer wichtig. Wenn einem Zuschauer im Fernsehen gewissermaßen ein Teil seines eigenen Leben gezeigt wird, dann muss er zumindest manchmal das Gefühl haben: So war das damals. Ist ein solcher historisierender Gegenwartsfilm wirklich gut, dann wird eben der Zuschauer, selbst ein Zeitzeuge, auch bei jenen Szenen, die er nicht miterlebt haben kann, dieses Gefühl entwickeln. In diesem Sinne beobachtete man in dem ZDF-Film Thieme/Kohl im Kanzlerbungalow oder in den Kulissen des Bremer Parteitages und glaubte in doppelter Hinsicht, dabei zu sein. Einerseits folgte man den mit den Mitteln des Doku-Dramas dargestellten Ereignissen; andererseits dachte man sich: So war Kohl.
Diese Identifizierung der eigenen Erinnerung mit dem Nachgestellten funktionierte weniger gut in jenen Szenen des Films, die den jungen Kohl zum Gegenstand hatten. Vielleicht ist der kalte Kohlenklau-Winter von 1947 einfach schon zu lange her. Und wahrscheinlich fällt es einem auch schwer, Helmut und Hannelore Kohl als junge Leute wahrzunehmen, da man sie als doch eher sechzigjährige Zeitgenossen im Gedächtnis trägt. Die fiktionalen jungen Kohls aus dem Film lassen sich nicht mit jener Gestalt in Übereinstimmung bringen, die man gespeichert, weil selbst erlebt hat.
Abgesehen von diesen Rückblicken hat sich der Film konzentriert auf den Kanzler Kohl während der Zeitenwende 89/90. Man mag nun einwenden, vieles habe deswegen gefehlt - die Spenden, der Stillstand, das Aussitzen. Schon richtig. Aber auch bedeutend?
Nicht so sehr, denn was von Kohl bleiben wird, ist die Einigung Deutschlands. Er hat sie nicht bewirkt, aber er hat sie klug und glücklich vorangetrieben. Angesichts der Bedeutung des Ereignisses ist das mehr, als man von den allermeisten Politikern sagen kann.
Zu Beginn des Films übrigens spielt der 1989 versuchte parteiinterne Putsch gegen Kohl eine gewisse Rolle. Man sieht den Detektiv Matula als Geißler, der eine Intrige spinnt, und erinnert sich. Doch, so war das damals wohl. Ein paar begehrten auf gegen den Übermächtigen, an dessen Seite aber im entscheidenden Moment die Weltgeschichte trat: Die Ungarn öffneten die Grenze für DDR-Bürger, die in den Westen wollten. Der Putsch brach in sich zusammen, und in hundert Jahren wird er nur noch eine kursive Anmerkung in der Geschichte der Bundesrepublik sein.
Bei Helmut Kohl ist dies anders. Er wird mindestens ein Kapitel bleiben in diesem Buch. Uns Zeitgenossen fällt eine solche Bewertung schwer. Uns fehlt die Distanz. Ein Film wie "Der Mann aus der Pfalz" trägt auch dazu bei, diese Distanz zu schaffen. Allerdings enthebt er die Hauptfigur auch der Gegenwart. Helmut Kohl, der Lebende, verschwindet allmählich zugunsten jenes Helmut Kohls, dessen Typus und Gestalt von, wenn es gut geht, Schauspielern wie Thomas Thieme interpretiert wird.
- TV: Helmut-Kohl-Portrait Was vom Saumagen übrig blieb 20.10.2009
- Helmut Kohl im Film Die Kopie eines Originals 04.09.2009
- Dreharbeiten zu "Helmut Kohl - Der Film" Birne auf Breitwand 05.10.2008
- "Bild", Bonn und Kohl In guten wie in schlechten Seiten 14.05.2008
- Renovierter Kanzlerbungalow Die tägliche Purzelbaumwende 16.04.2009
(SZ vom 22.10.2009/rus)
Brasiliens Präsidentin Roussef
Wohl eher nicht.
Blühende Landschaften hat er den "Neuen Bundesländern" versprochen. Was ist davon geblieben? Dabei konnte man vor zwanzig Jahren schon klar analysieren, dass solche vollmundigen Versprechen nie umgesetzt werden können. Und das muss der erste Mann im Staat doch gewusst haben. Hat er das Volk also belogen? Oder wusste er es wirklich nicht besser? Beides spricht nicht für einen großen Staatsmann.
Den Menschen das Paradies versprechen und zu wissen, dass sie eher das Gegenteil bekommen, ist unredlich.
Irgendwie fallen mir da gerade so aktuelle Begriffe ein wie die Schaffung eines Schattenhaushalts ..
für mich wurde Kohl sehr auf die Zeit der Wiedervereinigung reduziert. War da nicht mehr (gespendet) worden?
Die Rettung der Bundesrepublik?
Nicht vielleicht eher der Anfang vom Ende?
Die Verzögerung der Krise ist doch in der Konsequenz keine wirkliche Rettung.
Vielleicht hatte Honecker gar nicht so unrecht("Den Sozialismus in senem Lauf hält weder Ochs` noch Esel auf"). Die Esel haben`s doch schon gemerkt, dass man sie mit einem Bündel Heu aufs Glatteis geführt hat. Bei den Ochsen ist der Weg der Erkenntnis wohl etwas länger.
Ich habe mir jedenfalls den Genuss dieses Films erspart. Mir reicht das Theater um die wohl eher misslungene Einheit, von der wir noch immer weit entfernt sind, vielleicht weiter als 1989.
Unvergesslich die Bilder der Montagskohls oder die der 10tausenden Kohls in der DDR, die in Leipzig auf die Straße gingen und "Wir sind der Kohl" riefen.
Unvergesslich die Flüchtlingskohls an der ungarischen Grenze oder oder eierwerfenden Kohls aus Halle die an ...ähm..ver-ge-brochene Versprechen bzw. verkohlte Landschaften erinnern wollten.
Aber er bleibt ein Verbrecher.
Paging