Einheitsdenkmal in Berlin Demokratie zum Schaukeln

Nun ist klar: Das umstrittene Einheitsdenkmal in Berlin wird nach Entwürfen des Designers Johannes Milla und der Choreografin Sasha Waltz erbaut. Warum die so brav sind? Vermutlich aus Angst.

Von Kia Vahland

Mehr Aufmerksamkeit kann ein Künstler für sein Werk nicht erwarten: Das vom Bundestag beschlossene Denkmal für die deutsche Einheit und Freiheit wird vor dem bis 2019 rekonstruierten Schloss errichtet, im Zentrum Berlins und Europas. Während drinnen im Humboldt-Forum die Weltkulturen ausgestellt werden, zeigen sich draußen die Deutschen der Welt.

Das wäre Ihr Einheitsdenkmal gewesen

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Man sollte meinen, eine solche Aufgabe müsste prominente Künstler reizen. Und doch haben sich fast alle aus dem Entwurfsprozess zurückgehalten. Denn es handelt sich bei dem Denkmal nicht nur um politische Auftragskunst, erwartet wurde auch ein gewisses Pathos.

Durchsetzen konnten sich deshalb das Stuttgarter Architektenbüro Milla und die Choreographin Sasha Waltz. Sie wollen eine 50 Meter lange Schale auf den Sockel des früheren Kaiser-Wilhelm-Denkmals wuchten. Wenn einige Dutzend Leute hinaufklettern, bewegt sich die Skulptur. "Botschaft: Nur gemeinsam können wir einen Staat oder eine Gesellschaft in Bewegung halten", heißt es dazu auf der bundesamtlichen Internetseite.

Moderne Kunst aber lässt sich keine positive Botschaft vorschreiben, und sei sie noch so wohlmeinend. Wenn sie sich einem guten Zweck unterwirft, verliert sie ihre Vieldeutigkeit und ihren Eigensinn, also ihre Existenzberechtigung. Das hat die Künstler abgeschreckt.

Der nun prämierte Entwurf dagegen lässt es an dem politisch gewünschten pädagogischen Eifer nicht missen. Wie Kinder auf dem Spielplatz sollen die Bürger den Wert ihrer Staatsform nicht intellektuell, sondern körperlich erfahren. Den Passanten wird Gruppendynamik aufgenötigt: Alle mögen sich auf eine Seite der Schale schlagen, damit das Ganze in Gang kommt. Die deutsche Einheit wird bildlich bereinigt von dem Unbehagen und der Widerborstigkeit, die zu den Montagsdemonstrationen führten.

Mehr Zwiespalt und mehr Kunst mochte die Jury dem Volk nicht zumuten. Zu groß muss die Angst gewesen sein, die alten Kräfte zu wecken, die Nationaldenkmälern in Deutschland innewohnen. Monumental und militaristisch feierte sich das Kaiserreich im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert. Das 1913 eingeweihte Völkerschlachtdenkmal von Leipzig ist das größte Mahnmal Europas, es preist den blutigen Sieg über Napoleon. Auch das zu DDR-Zeiten zerstörte Kaiser-Wilhelm-Monument auf dem Berliner Schlossplatz gab sich mit seinen Siegesgöttinnen, Löwen und der kaiserlichen Pickelhaube kraftstrotzend.

Jetzt soll sich auf diesem Sockel bald die Demokratie als kantenfreie, glitzernde Schale wiegen; das Werk soll keine Herrscher, sondern die Einwohner emporheben. Der Staat schmeichelt sich hier bei seinen Bürgern ein, verspricht Geborgenheit, Frieden, Vergnügen und Sicherheit (dafür, dass man bei schneller Bewegung nicht aus der Skulptur plumpst, wird ein Geländer sorgen).

Vorgeblich menschenfreundliche Staatsdenkmäler sind nicht neu. Schon in Renaissance und Barock haben Herrscher in Bildern und Skulpturen ihren Untertanen Glück und Wohlstand verkündet, egal ob dem so war oder eben gerade nicht. Noch dem bronzenen Berliner Pferd von Kaiser Wilhelm I. griff eine Frauengestalt in die Zügel: Sie verkörperte das Ideal des Friedens, von dem der Kaiser sich scheinbar leiten ließ.

Gegenwartskunst dagegen ist, wenn sie gut ist, selten harmonisch. Ihr geht der Bruch mit der Konvention voraus. So zieht es Künstler eher zu den Mahnmalen der NS-Zeit als zu den Freudenfeiern der Einheit. Das vor sechs Jahren eingeweihte Holocaustdenkmal in Berlin ist so gelungen, weil es mit seiner Mischung aus Stelenfeld und Informationshaus Abstraktion und Bildung, Gedenken und Bedenken vereint. Angesichts des Schreckens hätte niemand politischen Kitsch gewagt. Damals gab es eine ästhetische Diskussion. Heute wird eine banale Idee zum Nationalsymbol hochgeschaukelt.

Alles Banane?

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