Aber es gibt auch eine ganz andere orientalische Tradition: Die der Liebenswürdigkeit. Die Tradition, im Anderen den schönen Menschen zu sehen. Das Wissen: Es gibt einen Herrn da oben (und Zaimoglu zeigt durch die Messehalle hindurch zum Himmel) und ich bin sein Knecht. Wie soll ich mich da aufplustern?! Die Demut und das Erbarmen sind schöne, leise Tugenden."

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"Mein Lieber", sagen wir, "Du bist ja ein richtig reaktionäres Geschütz!" "Ich", sagt Zaimoglu, "oute mich gerne als Kulturkonservativer." Dabei habe er doch selber einmal als ziemlich lauter Krakeeler und Bürgerschreck begonnen? "Ja, ich galt als wilder Hund und war selbst immer verwundert: Hört denn niemand das Hohe Lied heraus? Die Klage über den abwesenden Gott? Das war keine Anklage gegen die Gesellschaft - welch großes Missverständnis!"

Zaimoglus Stimme moduliert einen Singsang, dass auch die kernigsten Sätze, die er vorträgt, nicht wie Parolen, sondern wie sehnsüchtige Verse klingen, die aber jederzeit quecksilbrig in ein ansteckendes Lachen übergehen können.

Die letzten Barbaren

Inzwischen sind wir vor einer Schautafel angekommen, die Fotos von Hirten zeigt. Sie tragen Bauernkäppi und einen Hirtenüberwurf. "Das mag ich", sagt Zaimoglu - und beginnt, die unterschiedlichen Bartformen der Hirten zu beschreiben: Hier der traditionelle Schnauzer, dort die Clark-Gable-Linie, die wie ein Bleistift auf der Oberlippe liegt: "Die haben sich an alten amerikanischen Filmen orientiert", sagt Zaimoglu schmunzelnd.

Wir wollen wissen, wie das Verhältnis ist zwischen den Deutsch-Türken hier und den Türken in der Türkei. Welch umständliche Formulierung. Zum Glück weiß Zaimoglu Abhilfe: "Die Festlandtürken interessieren sich nicht für uns Deutschländer. Die blicken auf uns herab. Wenn die Festlandtürken im Fernsehen Türken in Deutschland sehen, dann stöhnen sie auf: ,Wie sehen die denn aus! Ausgerechnet im Herzen Europas führt Ihr Euch auf wie die letzten anatolischen Barbaren. Ihr schadet unserem Ruf."

Da kommt Celil Oker, ein türkischer Krimiautor, den Zaimoglu verehrt, und dessen Bücher auf Deutsch im Unionsverlag erscheinen. Lautes Schmatzen: "Immer diese türkische Knutscherei", sagen die beiden und lachen. In Okers Krimis würde man etwas von der Stimmung finden, die er so vermisse, meint Zaimoglu.

Wir verlassen den Pavillon. Was für ein Rederausch. Zaimoglu ist bester Stimmung. Zum Schluss erzählt er noch, dass er Christian Kracht, der auch bei Kiepenheuer und Witsch verlegt ist, zu dessen neuem Roman gratuliert habe. Darauf habe dieser ihn umarmt und gesagt: "Wir sind doch Waffenbrüder." Und er, Zaimoglu habe geantwortet: "Ich habe nie daran gezweifelt."

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(SZ vom 20.10.2008/aho)