Zukunft des Journalismus (20) Zeitung in der Todesspirale

sueddeutsche.de: Mögen Sie die Leserkommentare auf Ihrer Website?

Fisher: Wir haben bei washingtonpost.com sehr früh damit begonnen, Leserkommentare in die Berichterstattung aller Ressorts einzubinden. Es gibt einige Kollegen, die in solchen Kommentaren eine Gefahr für unsere Glaubhaftigkeit erkennen und das für Teufelszeug halten. Viele Redakteure meinen, es lasse unsere Inhalte weniger glaubwürdig erscheinen, wenn unter seriösen Online-Nachrichtenbeiträgen Verunglimpfungen auftauchen. Es gibt aber andere Kollegen, mich eingeschlossen, die finden, dass Leserkommentare ein wichtiges Instrument des Dialogs mit den Lesern ist.

sueddeutsche.de: Welche Zukunft hat das Berufsbild des Community-Redakteurs, der ausschließlich für das Auswählen und Redigieren von Leserkommentaren zuständig ist?

Fisher: Wir haben automatische Filter auf unserer Webseite, die sowohl Beleidigungen als auch moralisch bedenkliche Verunglimpfungen blockieren. Sie funktionieren ziemlich gut, aber nicht perfekt. Meine eigene Erfahrung mit Kommentaren ist: wenn wirklich einmal etwas außer Kontrolle gerät, springt meist ein anderer Kommentator ein und hält dagegen. Diese Selbstkontrolle funktioniert in den meisten Fällen. Wir haben also keinen Kollegen, der ausschließlich Kommentare überwacht, das macht jeder bloggende Redakteur selbst.

sueddeutsche.de: Wie empfindlich reagieren Sie auf die Kommentare zu Ihren Artikeln?

Fisher: Ich mische mich nur ein, wenn eine spezielle Frage gestellt oder Fakten nachgefragt werden. Aber wenn ich persönlich angegriffen werde, reagiere ich so gut wie nie, denn ich hatte ja bereits in dem Artikel die Chance, meine Position deutlich zu machen - und dann sind die Leser an der Reihe.

sueddeutsche.de: Wie geht es dem traditionellen Verlagsgeschäft der Washington Post Company? Wie arg sind die Redaktionen von den Budgetkürzungen und Personaleinsparungen betroffen?

Fisher: Wir haben das Glück, dass unser Verlag einer Verlegerfamilie gehört, die sich immer schon dem seriösen Journalismus verpflichtet fühlt und dafür eine niedrigere Profitmarge in Kauf nimmt, als dies in der Branche für gewöhnlich der Fall ist. Anderseits sind auch wir nicht immun gegen die Gesetzmäßigkeiten des Marktes und haben ähnliche Probleme wie andere Zeitungen auch. Wir fragen uns ernsthaft, ob unsere Druckausgabe auf lange Sicht oder sogar mittelfristig noch profitabel ist. Vor einem Jahr hätte ich noch gesagt, dass gedruckte Zeitungen sicher noch mindestens ein Jahrzehnt existieren werden. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.

sueddeutsche.de:: Sie als mehrfach ausgezeichneter Printjournalist geben der gedruckten Zeitung also nicht einmal mehr zehn Jahre?

Fisher: Ich möchte wirklich nicht übertreiben, aber wenn ich ehrlich bin, wird es nicht einmal mehr fünf Jahre dauern, bis Zeitungen verschwinden. Der Auflagenrückgang beschleunigt diesen Prozess mit einer solchen Geschwindigkeit, dass viele Fachleute in den USA inzwischen von einer "Todesspirale" sprechen. Wenn man sich darauf einlässt, wird die Beschleunigung noch weiter angefeuert, sprich: Je mehr wir darüber reden, desto schlimmer wird es.

sueddeutsche.de: Wie wirkt sich diese Entwicklung generell auf das Arbeitsklima in Ihrer Reaktion aus?

Fisher: Es ist vor allem ein moralisches Problem: Die Mitarbeiterzahl der Washington Post ist in den letzten Jahren von 950 auf etwa 680 Personen geschrumpft, dadurch haben wir viele ältere Kollegen verloren - eine ganze Mitarbeitergeneration war plötzlich weg. Zukünftig wird das aber noch weiter zusammenschrumpfen. Noch vor fünf Jahren gehörte ich zu den Mitarbeitern mittleren Alters. Heute gehöre ich plötzlich zu den Ältesten, ein merkwürdiges Gefühl. Was besonders fatal ist: Wir verlieren dadurch einen Großteil unseres institutionellen Gedächtnisses und wichtige Kompetenzen. Überlegen Sie mal: Wer soll uns noch erklären, wie stark wir uns verändern, wenn keiner mehr weiß, wie es früher war? Die wichtige Frage ist, ob wir uns entschließen, uns ab sofort auf die drei, vier Dinge zu konzentrieren, die wir gut können und den Rest abzustoßen.

sueddeutsche.de: Was fiele denn unter den "Rest", der notfalls abgestoßen werden könnte?

Fisher: Dieser Rest könnte alles sein, ausgenommen sind natürlich nationale und internationale Nachrichten, Regionalberichterstattung, regionaler Sport und Kunst. Es könnte zum Beispiel bedeuten, dass wir keine Sonntagsausgabe mehr produzieren, dass wir das Gesundheitsressort einsparen oder das Ressort zum Thema Essen. Dass wir nicht mehr über die weiter entfernten Vororte berichten, sondern uns nur noch auf die Innenstadt und die nahen Vororte beschränken. Das wäre alles möglich, aber es würde auch heißen, dass wir eine sinkende Auflage in Kauf nehmen müssten, denn einige unserer Leser würden daraufhin sicherlich ihr Abonnement kündigen.

sueddeutsche.de: Die Washington Post ist eine der führenden Marken im Qualitätsjournalismus. In den vergangenen Jahren expandierte der Verlag aber stark in Nebengeschäfte wie den Bildungssektor. Was steckt hinter dieser Geschäftsstrategie?

Fisher: Die Washington Post war früher das Herz des Unternehmens, mittlerweile ist sie nur noch ein Teil davon. Verstehen Sie mich nicht falsch: Diese Entwicklung ist das Beste, was der Zeitung passieren konnte. Nur so konnten wir uns einigermaßen vor den Problemen schützen, die etwa der New York Times oder anderen Blättern derzeit blühen. Letztlich muss aber auch die Washington Post irgendwie Geld verdienen. Daher ist es unsere Aufgabe, für die Redaktion eine gesunde wirtschaftliche Größe zu finden und neue Möglichkeiten, wie sich unsere Inhalte im Internet verkaufen lassen und Werbetreibende davon überzeugt werden können, dass die Leserschaft im Internet ebenso wertvoll ist wie die der gedruckten Zeitung.

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