SZ: Sehen Sie auch in der staatlichen Alimentierung des Journalismus einen gangbaren Weg?

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Lemann: Ich stehe damit wahrscheinlich alleine auf weiter Flur, aber ich finde, dass direkte Finanzhilfen vom Staat für Medienbetriebe durchaus eine Option darstellen. Man muss aber mit solchen Meinungen vorsichtig sein, vor allem in den USA.

SZ: Warum eigentlich? Es gibt in Großbritannien das erfolgreiche BBC-Modell und auch in Deutschland haben wir ein intaktes öffentlich-rechtliches Mediensystem.

Lemann: Natürlich wäre das eine Lösung. Auch Pro Publica wird öffentlich gefördert, zumindest indirekt. Wenn Sie das aber zu Paul Steiger sagen, hören Sie sofort: "Was, wovon sprechen Sie überhaupt?!" Dabei erlässt die Regierung ihm beziehungsweise seinen Geldgebern eine Menge Steuern und gewährleistet damit die kontinuierliche Arbeit vieler Non-Profit-Organisationen. Oder nehmen Sie National Public Radio, Public Radio International und das Public Broadcasting System: Alle diese Sender sind Quasi-Regierungsorganisationen, aber es würde niemand auf die Idee kommen zu sagen, sie würden von der Regierung kontrolliert - dazu gibt es einfach zu viele Regularien, die dies verhindern. Genauer betrachtet hat also ein Großteil des derzeitigen Journalismus in den USA einen öffentlichen oder quasi-öffentlichen Träger.

SZ: Sie haben viele Jahre lang als Printjournalist gearbeitet. Können sie sich die großen amerikanischen Städte in naher Zukunft ganz ohne Zeitungen vorstellen?

Lemann: Vor 100 Jahren gab es in den meisten Großstädten eine Fülle von Zeitungen. Heute gibt es oft nur noch eine. Zwei Generationen, mich eingeschlossen, sind damit aufgewachsen, sich über die Monopolisierung des Zeitungsmarktes in den Großstädten zu beklagen. Aber viele Leute vergessen, dass das ein schleichender Prozess war. Man kann zwar ein Verschwinden der Zeitung konstatieren, aber das heißt noch nicht, dass es automatisch einen Schwund des Nachrichtenjournalismus gäbe. Man kann etwa die Umwandlung von Printmedien in reine Online-Angebote beobachten. Einige Zeitungen verfolgen neuerdings auch eine Doppelstrategie mit einer Printausgabe und einem Internetauftritt.

SZ: Sie weichen der Frage aus, deshalb noch mal anders gefragt: Ist es nicht das größere Problem, dass Zeitungen und Zeitschriften gerade bei jungen Menschen an Relevanz verlieren?

Lemann: Abonnenten von Tageszeitungen stellten in amerikanischen Großstädten schon immer eine Minderheit dar. Junge Menschen lesen die Zeitung nun mal nicht, um Verlegern einen Gefallen zu tun oder weil sie sich dazu verpflichtet fühlen. Man muss die Leser schon davon überzeugen, dass in der Zeitung etwas steht, was für sie nützlich sein könnte. Wenn man das bei Personen unter 40 schafft, hat man ganze Arbeit geleistet.

SZ: Sehen Sie eine Gefahr für die Demokratie oder die Verfassung einer prosperierenden liberalen Gesellschaft, wenn eines Tages alle gedruckten Zeitungen verschwänden - so wie es Eric Alterman vor ein paar Monaten in einem Essay für den New Yorker beklagt hat?

Lemann: Aus der Perspektive der Demokratie gehört es zu den wichtigsten Aufgaben von Zeitungen, über öffentliche Angelegenheiten zu berichten. Aber mit dieser Aufgabe haben die Verlage noch nie den Löwenanteil ihrer Gewinne gemacht. Diese Funktion war schon immer quersubventioniert. Nichtsdestotrotz gab es ausreichend ökonomischen Spielraum, um diese Rolle von Zeitungen aufrechtzuerhalten. Viele Qualitätszeitungen haben eine Leuchtturmfunktion, daher können wir auf keinen Fall auf sie verzichten.

SZ: Ihr Idealismus in allen Ehren: Aber was nutzt uns der hellste Leuchtturm in der Presselandschaft, wenn allerorten rabiat gespart wird, zum Beispiel bei der Los Angeles Times?

Lemann: Immer, wenn ich nach Los Angeles fliege, greife ich mir die aktuelle L.A. Times-Ausgabe und weiß, was Sache ist. Die Zeitung führt seit längerem eine Debatte über ihre eigene Zukunft, beschäftigt aber - das wird oft vergessen - noch immer knapp 800 Journalisten...

SZ: Von ursprünglich einmal über 1.100 Mitarbeitern ...

Lemann: Die Einschnitte waren natürlich heftig, aber wenn man anderswo hinschaut, etwa zur San Jose Mercury News, ist es noch schlimmer: Dort mussten seit 2001 fast zwei Drittel der Mitarbeiter ihre Schreibtische räumen. Von 400 sank die Zahl der beschäftigten Journalisten auf etwa 170. Auch der San Francisco Chronicle macht mir Sorgen, so sehr, dass ich mittlerweile sage, dass es in der ehemals großen Zeitungsstadt keine Zeitung mehr gibt, die akkurat, umfassend und aktuell informiert. Das ist eine Entwicklung, die wir stoppen müssen.

Nicholas Lemann ist seit September 2003 Dekan der Graduate School of Journalism an der Columbia University in New York. Lemann wuchs in New Orleans auf, wo er im Alter von 17 Jahren seine journalistische Karriere bei dem alternativen Wochenblatt Vieux Carre Courier begann. Nach seinem Studium arbeitete Lemann als Redakteur, später Redaktionsleiter für die Magazine The Washington Monthly und Texas Monthly, war danach Redaktionsmitglied der Washington Post sowie Washington-Korrespondent von Atlantic Monthly und des New Yorker. Lemann ist Autor mehrerer Fachbücher, zuletzt erschien "Redemption: The Last Battle of the Civil War" (2006). Lemann arbeitete u. a. für den Discovery Channel und die BBC , lehrte an zahlreichen Universitäten und schreibt regelmäßig für The New York Times, The New York Review of Books, The New Yorker, The New Republic, Slate, und American Heritage. Er ist Mitglied im Aufsichtsrat des Autorenverbands Authors Guild, des Zentrums für Geisteswissenschaften an der City University of New York, der Gesellschaft der amerikanischen Historiker und ist Mitglied des New Yorker Instituts für Geisteswissenschaften.

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(sueddeutsche.de/jb)