sueddeutsche.de: Nun ist Le Monde weniger bekannt für reinen Nachrichtenjournalismus, sondern eher für brillante Kommentare und Analysen. Inwiefern müssen sich Qualitätszeitung im digitalen Zeitalter neu erfinden?

Anzeige

Vernet: Wir müssen mehr Analysen bringen und unser Angebot an die neuen Technologien anpassen, indem wir Qualitätszeitungen als wichtige Ergänzung für Angebote in Internet, Rundfunk und Fernsehen begreifen. Vielerorts hört man das Motto Online First - das scheint der Leitspruch der Zukunft zu sein, aber bei Le Monde stoßen wir auf folgendes Problem: Im Internet bringen wir die Zeitungsartikel erst gegen 14 Uhr, wenn die betreffende Druckausgabe schon verteilt wurde. Aber wenn wir eine exklusive Geschichte haben, sind wir mittlerweile gezwungen, schon früher damit über unsere Website an die Öffentlichkeit zu gehen, weil wir immer damit rechnen müssen, dass die Konkurrenz wie Le Figaro Online möglicherweise schneller ist. Unsere Zeitungsmarke wollen wir durch ein solches Vorgehen stärken - und hoffen, dass die Online-Leser sich trotzdem die Zeitung kaufen. Aber wer weiß, vielleicht gibt es Le Monde irgendwann nur noch im Internet.

sueddeutsche.de: Sind Ihre Mitarbeiter denn so weit, dass sie sich vollständig auf Online einlassen könnten?

Vernet: Diese Anpassung hat noch längst nicht stattgefunden. Viele ältere Redakteure können sich nicht so recht mit dem Internet anfreunden und haben teils große Defizite im Umgang mit den neuen Medien. Für die jungen Online-Kollegen ist das kein Problem, doch werden diese sehr viel schlechter bezahlt. Das ist brisant und könnte sich noch zuspitzen, zum Beispiel in der Frage, ob Online- und Print-Redaktionen gemischt werden oder getrennt bleiben sollen. Wenn Alt und Jung nebeneinander sitzt, könnte es durch das Gehaltsgefälle und die unterschiedlichen Medienphilosophien zu ganz neuen internen Konflikten kommen.

sueddeutsche.de: Noch werden die Online-Angebote fast vollständig durch die Umsätze der gedruckten Zeitung finanziert. Welche Modelle gibt es, durch die sich ein Internet-Ableger finanziell selbst tragen könnte?

Vernet: Ich glaube nicht, dass schon jemand die Lösung für das Finanzierungsproblem gefunden hat. Vor einiger Zeit haben einige ehemalige Kollegen von Le Monde eine Internetzeitung nur auf Abonnementbasis gegründet, die etwa 65.000 zahlende Leser braucht, um sich zu amortisieren. Das ambitionierte Projekt mit dem Titel Mediapart, das rund 60 redaktionelle Mitarbeiter beschäftigt, hat aber nach einem halben Jahr erst etwa ein Zehntel davon erreicht. Das ist natürlich bedauerlich.

sueddeutsche.de: Für wie aussichtsreich halten Sie die Zusatzgeschäfte der Verlage?

Vernet: Wir haben regelmäßig Beilagen wie zum Beispiel Filme, Musik-CDs oder Bücher. Außerdem gibt es geschäftliche Aktivitäten abseits des Kerngeschäfts: Der frühere Verleger Jean-Marie Colombanie, der von 1994 bis 2007 im Amt war, wollte aus Le Monde eine Mediengruppe machen mit dem Ziel, das Unternehmen auf ein breiteres Fundament aus verschiedenen Aktivitäten zu stellen. Wenn es also bei Tageszeitungen mal schlecht läuft, könnte man die Verluste beispielsweise mit den Gewinnen aus dem Zeitschriftengeschäft oder mit Regionalzeitungen auffangen. Das hat sehr viel Geld verschlungen, und nun kommt ein neuer Verleger mit einer neuen Politik und verkauft alles wieder, um die Verschuldung des Unternehmens zu verringern. Das alles ist ein sehr riskantes Geschäft. Ich halte aber - theoretisch allemal - eine Diversifikationsstrategie immer noch für den klügeren Weg.

sueddeutsche.de: Wie lange wird die gedruckte Presse Ihrer Ansicht nach noch fortexistieren?

Vernet: Das ist mir egal, in zwei Jahren werde ich pensioniert (lacht). Im Ernst: Zeitungen wird es noch lange geben, wenn es uns gelingt, dem Leser immer wieder Neues, Interessantes und Intelligentes zu bieten. Es wird zwar weitergehen, aber nicht mit 400.000 Exemplaren und nicht mit 250 Redakteuren. Was uns die Zukunft bringt, könnte eine völlig andere Zeitung sein. Und wenn wir ehrlich sind: Es muss eine andere Zeitung sein als heute.

sueddeutsche.de: Was halten Sie von Futurologen, die ein baldiges Aussterben der Zeitung vorhersagen?

Vernet: Ich bewerte die Lage lieber mit Marcel Proust, der sinngemäß schrieb, dass er eine Zeitung lese, weil er dann das Gefühl habe, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die diese Zeitung gleichzeitig lese wie er. Das Dazugehörigkeitsgefühl ist stark und wichtig. Als Zeitungsleser fühlt man sich in Zukunft vielleicht als Mitglied einer kleinen Elite. Das entspräche dann wieder dem alten Bild des typischen Parisers, der mit einer Zeitung unterm Arm durch St. Germain lustwandelt.

Daniel Vernet ist Leiter der Auslandsabteilung der französischen Tageszeitung Le Monde in Paris, bei der er seit 1973 als Redakteur tätig ist. Er arbeitete als ständiger Korrespondent in Bonn, Moskau und London und wurde später Co-Leiter des Auslandsressorts, Chefredakteur und Redaktionsdirektor. Bevor er zu Le Monde kam, schrieb er für La Montagne und die Compagnie Francaise d'Edition, nachdem er am Institut d'Études Politiques de Paris studiert hatte. Daniel Vernet hat mehrere Bücher verfasst, darunter "Was wird aus Deutschland?"(1993), "Le rêve sacrifié. Chroniques des guerres yougoslaves" (1994) und zuletzt "L'Amérique messianique" (2004).

Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3

  1. "Ein sehr riskantes Geschäft"
  2. "Ein sehr riskantes Geschäft"
  3. Sie lesen jetzt "Ein sehr riskantes Geschäft"
Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/sst)