Zukunft des Journalismus (14) "Ein sehr riskantes Geschäft"
Anzeige
sueddeutsche.de: In Berlin ist seit dem Regierungsumzug ein neuer Hauptstadtjournalismus entstanden, der immer stärker durch Liebedienereien und Sanktionen seitens der Politik belastet ist. Wie hart greifen Politiker im zentralistischen Frankreich durch, wenn sich Journalisten kritisch äußern?
Vernet: Das kommt manchmal, aber selten vor und liegt daran, dass das politische Leben ausschließlich in Paris stattfindet. Andere Metropolen wie Lyon oder Marseille sind nebensächlich. Durch diese Ballung in der Hauptstadt entstand eine Art Komplizenschaft zwischen Politikern und Journalisten, die eine Rolle spielen könnte in der Frage, ob die Medienberichterstattung teilweise Fremdeinflüssen oder Parteilichkeiten unterliegt. Aber man kann generell noch überall recherchieren - im Zweifelsfall hilft immer, Rivalitäten in den Parteien auszunutzen, um Informationen zu bekommen.
sueddeutsche.de: Wie ist es generell um die Unabhängigkeit der französischen Zeitungshäuser bestellt?
Vernet: Das Überleben unabhängiger Pressegesellschaften hat sich immens erschwert, weil die Kosten in allen Bereichen weiter zugenommen haben und der Bedarf an Investitionen gestiegen ist. Ohne Fremdkapital geht oft nichts mehr. Nehmen wir das Beispiel Le Monde: Noch vor 15 Jahren war der Haupteigentümer die Redaktion, doch das reduzierte sich immer weiter: Heute besitzt sie nur noch etwa 30 Prozent und ein Vetorecht, das ihr demnächst aber wohl auch noch genommen wird, wenn es zu weiteren Zwangskapitalerhöhungen kommt wie vor gut eineinhalb Jahren, wodurch die spanische Firma Prisa, die unter anderem El Pais herausgibt, und Lagardère jeweils 15 Prozent des Kapitals bekommen haben.
Anzeige
sueddeutsche.de: Diese Enteignung läuft den aktuellen Entwicklungen nachgerade zuwider: US-Fachleute sehen in der Beteiligung von Lesern und Mitarbeitern das Geschäftsmodell der Zukunft.
Vernet: Uns hat das nichts gebracht. 1985 hatten wir eine solche Lesergesellschaft gegründet, das half ein paar Jahre, aber es reichte letztlich nicht. Genauso verhielt es sich mit der Beteiligung der Belegschaft, allen voran der Journalisten: Prinzipiell haben Journalisten kein Geld, und wenn sie investieren müssen, dann können sie nicht der Kapitalerhöhung folgen.
sueddeutsche.de: Welche Konsequenzen haben die wachsenden Anteile fremder Unternehmen wie Lagardère für die Integrität Ihrer Zeitung?
Vernet: Ich sehe tatsächlich eine Gefährdung für die Unabhängigkeit der Zeitungen, wie wir sie bisher verstanden haben und weiterhin verstehen möchten: Wenn zum Beispiel die Groupe Lagardère ihren Anteil an Le Monde auf 30 Prozent aufstocken würde, könnte sie zumindest in den nächsten zehn Jahren keinen Einfluss auf die Redaktion ausüben. Aber auf lange Sicht kann ich das nicht beurteilen, vor allem wenn sich die Zeitungskrise verschärft.
sueddeutsche.de: Es zeichnet sich immer stärker ab, dass eine neue Generation von Investoren aktiv in die Pressemärkte eingreift, und zwar nicht nur mit Devisen, sondern auch durch inhaltliche Einflussnahme.
Vernet: Das sehe ich in Frankreich noch nicht, und für Le Monde kann ich sagen, dass wir gegenüber Lagardère vielleicht sogar noch kritischer sind, seitdem sie Anteilseigner wurden.
sueddeutsche.de: Kritik am etablierten Journalismus kommt vor allem aus der Bloggerszene. Sehen Sie in der Bloggerkultur eher ein Konkurrenz- oder Ergänzungsverhältnis zu den Profis?
Vernet: In Frankreich sind Blogs zwar nicht so einflussreich wie in den USA, aber auf alle Fälle stärker im Aufwind als in Deutschland. Auch Journalisten haben die Möglichkeiten dieser Ausdrucksform erkannt und nutzen sie, um all das zu schreiben, was nicht auf Sendeplätze oder in Zeitungsspalten passt. Aber das macht die Satirezeitschrift Le Canard enchaîné schon seit 50 oder 60 Jahren, indem sie kurze Geschichten veröffentlicht, die sonst keine Erwähnung finden. Etwas anders verhält es sich mit privaten Blogs: Die sehe ich zwar nicht als Bedrohung für den Journalismus, aber als Herausforderung. Was wir versuchen, in der Qualitätspresse zu produzieren, sind verlässliche Informationen, die aufwendig recherchiert und verifiziert werden. Dieser Produktionsprozess findet bei Blogs nicht statt. Ebenso wenig gibt es ein gemeinsames Ethos, auf das sich die Bloggergemeinde verbindlich verständigt wie im Fall von Journalisten, die von Berufs wegen eine spezielle Erziehung durchlaufen haben. Das ist ein ernstes Problem.
Lesen Sie auf Seite drei, wie sich die Qualitätszeitungen im digitalen Zeitalter neu erfinden.