Von Von Adrian Kreye

Schlecht recherchiert, ohne Kontext: Warum ist Michael Moore in Europa so erfolgreich?

(SZ vom 11. Oktober 2003) Anfang der Woche stand Michael Moores neues Buch "Dude, Where's My Country" (Warner Books, New York, 254 Seiten, 24,95 Dollar) bei der deutschen Filiale der Internetbuchhandlung Amazon kurzfristig auf Platz 19 der Verkaufsrangliste. Nicht schlecht für ein englischsprachiges Buch, das man bisher nur vorbestellen kann.

Anzeige

Seine beiden letzten Bücher "Stupid White Men" und "Querschüsse. Downsize This" halten sich unterdessen seit Monaten auf den obersten Plätzen der deutschen Bestsellerlisten. Hinter solchen Sensationen steckt im Buchgeschäft meist ein kollektives Bedürfnis der Leser.

Zugpferd des Antiamerikanismus

Vielleicht kommt Moore der Lust auf amüsant vorgetragenen Klatsch oder der Sehnsucht nach kindlicher Geborgenheit entgegen. Sicher hat er in Deutschland auch einen hochaktuellen Nerv getroffen. Denn ohne es zu wollen, ist er im Vorfeld des Irakkrieges zum Zugpferd des populistischen Antiamerikanismus geworden.

Nun gehört Michael Moore auch in seiner amerikanischen Heimat zu den meistverkauften Autoren. Dort spielt er allerdings eine andere Rolle als in Europa. Mit seinen brillant komischen Filmen "Roger & Me" und "Bowling For Columbine", sowie seinen Fernsehsendungen "TV Nation" und "The Awful Truth" hat er der notorisch Spaß- und Popkultur-feindlichen amerikanischen Linken gezeigt, dass man Kapitalismuskritik auch humorvoll und lässig üben kann.

Mit dem Effekt, dass man nicht nur offene Türen beim Stammpublikum einrennt, sondern auch die Massen erreicht. Damit machte er sogar Schule. Seit dem Erfolg von "Bowling For Columbine" gibt es im amerikanischen Kino eine regelrechte Dokuwelle. Die Bücher waren da eigentlich nur ein Abfallprodukt.

Ironischer Stammtischrhetoriker

Besonders gut sind sie nicht. Moores Selbstinszenierung, die den Charme seiner Filme ausmacht, gerät darin schnell zum nervtötenden Manierismus. Es fehlt den Büchern an Stringenz und originärem Denken. Prinzipiell referiert Moore in all seinen Büchern einfach nur den Nachrichtenstand der großen Tageszeitungen im ironischen Plauderton eines Stammtischrhetorikers und würzt das Ganze mit polemischen Schlenkern.

So beginnt sein neues Buch mit einem Durchfallwitz zum 11. September. Das gibt den Ton vor, mit dem er sich dann kreuz und quer durch die tagespolitischen Themen der letzten zwei Jahre kalauert. Das könnte man ihm sogar als Stärke anrechnen, denn Moore weiß als ehemaliger Arbeitsloser und Fabrikarbeiter genau, welchen Ton er anschlagen muss, um genau jene Massen zu erreichen, die derzeit fest in der Hand der rechten Demagogen sind, weil ihnen der humorlose Besserwisserjargon der Linken ein Gräuel ist.

Torpedo zwischen den Buchklappen

Mit seinen Büchern torpediert Moore allerdings seine Film- und Fernseharbeit, denn wenn man all das schwarz auf weiß vor sich sieht, merkt man erst, wie wenig oder schlampig er recherchiert hat. In den Quellen finden sich neben den Zeitungen vor allem Internetseiten. Mit Zahlen und Fakten nimmt er es nicht so genau. Da wird schon mal aufgerundet oder die ganze Wahrheit verschwiegen.

So behauptete er in "Stupid White Men" die USA seien Weltmeister des Haushaltsdefizits, obwohl Amerika zum damaligen Zeitpunkt noch über einen historisch einmaligen Überschuss verfügte. Die Liste mit den 48 Anklagepunkten gegen George Bush im zweiten Kapitel hat er ohne Quellenangabe fast wörtlich aus einer Rundmail übernommen, die im Internet zirkulierte.

In "Dude, Where's My Country" stellt er die Behauptung auf, es gebe keine terroristische Bedrohung, um zwei Seiten später Amokläufer und kriminelle Mörder mit politischen Attentätern gleichzusetzen. Dann zitiert er als Beweis für die Repressionen nach dem 11. September den Fall eines französischen Fernsehteams, das von Grenzbeamten am Flughafen von Los Angeles nach Europa zurückgeschickt wurde - ohne zu erwähnen, dass die Franzosen versucht hatten, mit kompletter Ausrüstung ohne gültiges Journalistenvisum einzureisen, was nunmal in den wenigsten Ländern der Welt möglich ist.

All das mag im Wortgefecht einer politischen Talkshow durchgehen, vielleicht auch noch im Kino. Zwischen zwei Buchdeckeln nehmen faktische Schlampereien einer Position die Glaubwürdigkeit und damit auch die Wirkung.

Ein, zwei provokante Thesen

Erschwerend hinzu kommt, dass die etablierten amerikanischen Medien den schwergewichtigen Filmemacher und Autor trotz Oscar und Verkaufserfolgen nicht besonders ernst nehmen. Die New York Times versteckte die Kritik seines neuen Buches "Dude, Where's My Country" auf der Fernsehseite der Montagsausgabe.

In der Frühstücksfernsehsendung Today fragte Lester Holt Moore vergangene Woche, ob er eigentlich noch ganz dicht sei. Und selbst der linksliberale Moderator der satirischen Nachrichtensendung Daily Show Jon Stewart lächelte nur amüsiert über seinen polternden Studiogast.

Man sollte glauben, dass sich Moore nicht weiter darum scheren müsste, schließlich bedient er sich nur der gleichen Mittel wie seine überaus erfolgreichen rechtskonservativen Kollegen. Für jeden Studioauftritt hat er sich ein, zwei zitierfähige Provokationen zurechtgelegt, die dann letztendlich Auszüge aus dem aktuellen Buch sind, das es zu verkaufen gilt.

Davon lebt inzwischen eine ganze Industrie gewitzter Demagogen wie Ann Coulter, Rush Limbaugh, Bill O'Reilly oder Sean Hannity, mit denen sich Moore seit einiger Zeit die amerikanischen Sachbuchbestsellerlisten teilt. Auch die rechten Polemiker ordnen Tatsachen gerne mal dem Argument unter, wie der ehemalige Komiker Al Franken in seinem Bestseller "Lies and the Lying Liars Who Tell Them" nachgewiesen hat.

Einsamer linker Demagoge

Doch die Rechten haben einen Vorsprung, den Moore niemals alleine aufholen kann. Im Kielwasser des Hurra-Patriotismus nach dem 11. September hat sich eine rechte Mediennische zum Massenphänomen gemausert - eine Art Tiradenjournalismus, der seine Heimat in den unzähligen Radiotalkshows hat, auf Kabelsendern wie MSNBC oder Fox News, und auf den Meinungsseiten der Boulevardzeitungen. Als linker Demagoge steht Michael Moore recht einsam in der amerikanischen Medienwelt.

In Deutschland fehlt seiner Arbeit allerdings die Relevanz. Hierzulande ist der Nachrichtenstand ein ganz anderer. Dadurch bekommen Moores polemische Kommentare, Referenzen und Schlüsse plötzlich den Wert echter Information. In Deutschland gibt es keinen rechtspopulistischen oder neokonservativen Meinungsjournalismus, gegen den man von Links mit gleichen Mitteln ankämpfen müsste.

Das nimmt Moores Tiraden den grundlegenden Kontext. Nicht einmal die Referenzen und Wortspiele funktionieren in Übersee, denn deutsche und amerikanische Massenkultur überschneiden sich viel seltener, als man glauben möchte. Der Titel von Moores neuestem Buch "Dude, Where's My Country" bezieht sich zum Beispiel auf den Blödelfilm "Dude Where's My Car", in dem zwei verkiffte Teenager nach durchzechter Nacht ihr Auto nicht mehr finden.

In Deutschland hieß der Streifen "Hey Mann, wo is' mein Auto" und verschwand nach ein paar Wochen weitgehend unbemerkt aus den Kinos. In Amerika haben Talkshowmoderatoren und Komiker den Filmtitel als Synonym für testosterongesteuerten Jugendschwachsinn in ihr Repertoire aufgenommen. Warum sind Michael Moores Bücher dann trotz der geringen Relevanz und des fehlenden Kontextes die erfolgreichsten Sachbücher auf dem deutschen Markt?

Da ist zunächst einmal die Angst vor der eigenen Meinung. Wer Michael Moore zitiert, kann sich hinter dem Argument verstecken, dass hier ein Autor aus Amerika selbst polemisiert. Moores Bücher bestätigen viele der gängigen Vorurteile, wenn aber ein Amerikaner solche Dinge schreibt, kann es sich doch nicht um Vorurteile handeln. Dann sind das offensichtlich Tatsachen aus erster Hand.

Fast-Food Bücher

Zudem geißelt Michael Moore Amerika für einen Kapitalismus, der längst auch die Wirtschaft und Gesellschaft in Europa bestimmt. Wer für die heimischen Wirtschaftsprobleme jedoch einen Sündenbock findet, noch dazu in Übersee, kommt vor Ort nicht in Zugzwang.

Michael Moore trifft an all dem keine Schuld. Auch in Deutschland erreicht er eben jene Massen, die nicht im Traum daran denken würden, sich durch die Traktate der akademischen Amerikakritiker wie Noam Chomsky, Susan Sontag oder Howard Zinn zu kämpfen.

Die enthalten sich zwar der Demagogie, sind aber auch kein besonderer Lesespaß. Das Problem ist nur der Kontext. Moore ist ja nicht der Initiator seines ideologisch zweifelhaften Erfolges auf dem deutschen Buchmarkt. Der ist nur das Symptom eines neuen Antiamerikanismus. Denn eines ist sicher - für den Weltmarkt hat er seine Bücher nicht geschrieben. Sondern für den schnellen Massenkonsum vor Ort in der Heimat.

Leser empfehlen