Reaktionen auf Bin Ladens Tod Das Teuflische im Guten

Viele Menschen jubeln nach dem Tod des Terroristenführers Osama bin Laden. Einige dürfen das. Die staatlich inszenierte Freude über den vermeintlichen Sieg über das Böse ist jedoch falsch.

Von Matthias Drobinski

Erledigt. Der Mann ist tot, der so viel Hass in die Welt gebracht hat, der Massenmörder und Menschenverachter, der den Islam mit den Füßen trat und am Ende nicht in den Bergen als leidensbereiter Gotteskrieger starb, sondern als Feigling, der eine seiner Frauen als Schutzschild missbrauchte.

Man kann verstehen, dass viele Menschen in Osama bin Laden das personifizierte Böse sehen. Dass die New Yorker Feuerwehrleute nun jubeln und jene, die Menschen in der Asche des World Trade Centers verloren.

Eigentümlich berührt dagegen die Staatsfreude über den Tod des Staatsfeindes.

"Ich freue mich, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten", verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Hut ab! Unser Militär hat einen guten Job gemacht", sagte US-Außenministerin Hillary Clinton. Der Kopfschuss, abgefeuert im ethischen Dilemma dessen, der tötet, um Töten zu verhindern, wird so zur Erlösungstat, zur Befreiung vom Bösen.

Es sind die Theologen und Kirchenvertreter, die auf das Missverhältnis hinweisen. Der Tod eines Menschen sei kein Grund zum Feiern, sagt der Vatikansprecher Frederico Lombardi, sagen übereinstimmend der deutsche evangelische Militärbischof Martin Dutzmann und Renke Brahms, der protestantische Friedensbeauftragte.

Die Tötung des Terroristen schafft nicht den Terror aus der Welt, sie stoppt nicht die Spirale der Gewalt, sie ist bestenfalls das Unrecht, das man wohl oder übel tut, um größeres Unrecht zu verhindern. Die staatsinszenierte Freude ignoriert das. Sie personifiziert das Böse: Der Teufel, er hat gelebt, wir haben ihn besiegt. Sie befreit das eigene Handeln aus dem ethischen Dilemma.

Das personifizierte Böse

Denn der Feind ist damit nicht einfach jemand, der einem schadet, der konkurriert um Macht und Ressourcen. Er erhält seine Bedeutung und seinen Platz in der Heilsgeschichte der eigenen Gruppe, in diesem Fall: des Westens. Mit einem einfachen Feind kann man sich auseinandersetzen oder arrangieren; seine Bekämpfung, gar sein Tod, ist eine zivilisatorische Niederlage, zu rechtfertigen höchstens durch die Notwehr. Zur Bekämpfung des personifizierten Bösen dagegen ist alles erlaubt, gar geboten.

Der französische Philosoph René Girard hat auf die Bedeutung eines solchen Sündenbocks für die Überwindung der Gewalt innerhalb der eigenen Gruppe hingewiesen. Was an Abgründigem und Unerlöstem in dieser Gruppe existiert, lädt sie auf ein allgemein und eindeutig als schuldig empfundenes Individuum; mit dessen Tod sind auch die inneren Widersprüche in der Gemeinschaft verschwunden, für einige Zeit jedenfalls. Allgemeine Feinde sind notwendig für den Zusammenhalt der Gemeinschaft, lautet Girards These.

Nur erlöst die archaische Tötung des allgemeinen Feindes nicht vom Bösen. Sie schafft bestenfalls die Illusion der Erlösung.

Denn niemand kann in Wahrheit in dieser Welt das Böse besiegen. Das Böse ist das Abgründige, das der menschlichen Existenz zu eigen ist - und jedem Kollektiv, so sehr es auch versucht, das Böse per Rechtsstaat und verfassungsverankerter Menschenrechtsgarantie zu zähmen.

Am bösesten, das hat der englische Marxist und Katholik Terry Eagleton in seinem jüngsten Buch über das Böse beschrieben, waren am Ende nicht die vielen kleinen Gauner und Tunichtgute. Es waren jene, die mit all ihrer Energie, Durchsetzungskraft und Intelligenz die Menschheit angeblich möglichst vollständig vom Bösen befreien wollten, und dafür Millionen von Sündenböcken ermordeten - ob sie nun Hitler oder Stalin hießen.

Die Freude über den Tod des Bösen verdrängt diesen eigenen Abgrund; sie ignoriert, dass ein Kampf für das Gute, der sich von allen Zweifeln gereinigt sieht, seine Wurzel im Bösen hat.

Die Freude bedient sich Begriffen wie "eliminiert" und "ausgemerzt", als ginge es um Ungeziefer. Sie verdrängt die Grausamkeiten der Kriege in Afghanistan und im Irak, dass auch die eigenen Soldaten töten und, so sie sterben, der Sinn ihres Todes zweifelhaft ist. Sie ignoriert die Folter im Gefangenenlager Guantanamo.

Die Feuerwehrleute in New York, die Angehörigen der Terror-Opfer, dürfen das tun. Die staatlich inszenierte Freude über den vermeintlichen Sieg über das Böse trägt aber den Keim der bitteren Niederlage in sich.

"Ein Sieg für Amerika"

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