Von Nader Moinzadeh

Tiere gehen immer. Ins rechte Licht gerückt, bringen Tiere hinter Gittern passable Einschaltzahlen auch zu problematischen Sendezeiten. Veterinäre sind von den Zoo-Dokus allerdings wenig begeistert.

Er will raus. Der junge Löwe springt hinter den Gitterstäben seines Käfigs hin und her. Sein Blick wirkt müde. Tierärztin Sandra Silinski hat ihn schwer getroffen - mit einem Betäubungspfeil. Auf einer Plastiktrage lässt sie das bewusstlose Raubtier aus dem Käfig auf den Operationstisch hieven. Ein Kamerateam hält drauf, denn das Tier aus dem Münsteraner Allwetterzoo ist für ein paar kurze Momente auch Fernsehstar, Mittelpunkt in einer der vielen Zoo-Soaps.

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Seit zwei Jahren strahlt die ARD Zoosendungen aus, was auf den Zuschauer gelegentlich wirkt, als sei er in eine Endlosschleife geraten, in der Eisbär, Affe & Co., Pinguin, Löwe & Co. oder Nashorn, Zebra & Co. immer wieder das Gleiche tun. Fast 500 Folgen sind schon gelaufen, die vielen Wiederholungen auf den Dritten Programmen nicht mitgezählt.

Tiere hinter Gittern bringen passable Einschaltzahlen auch zu problematischen Sendezeiten, obwohl derzeit ein Bröckeln der Quoten zu beobachten ist. Trotzdem folgen nach wie vor etliche Sender dem Trend. Pro Woche sind wenigstens 50 Sendeplätze für Tiere reserviert. Neben der ARD fahren auch das ZDF (Berliner Schnauzen, Ostsee-Schnauzen oder Tierisch Kölsch) und VOX (Menschen, Tiere & Doktoren) auf der Zoo-Soap-Schiene, weshalb es kaum noch einen Tiergarten gibt, in dem nicht gedreht wird.

Die Zoos sind, neben Sendern und Produzenten, Nutznießer solcher Sendungen. Abgesehen davon, dass für die Dreharbeiten eine Aufwandszahlung fließt, sorgt die Fernsehpräsenz für kostenlose Werbung, die sich unmittelbar an höheren Besucherzahlen ablesen lässt. "Noch nie haben so viele Menschen unseren Park besucht", bestätigt der Stuttgarter Zoodirektor Dieter Jauch, "das ist mit Sicherheit auch auf die Reihe Eisbär, Affe & Co. zurückzuführen, die unseren Garten bundesweit noch bekannter gemacht hat."

"Nichts gestellt"

Allerdings: "Die Anforderungen der Redakteure und Kameraleute sind oft sehr hinderlich bei den Eingriffen", sagt Olaf Behlert, der seit 20 Jahren Zootierarzt in Köln ist. "Mit scheuen Tieren ist vorsichtig umzugehen, Ruhe und kein Licht stehen im Vordergrund", sagt der bei der TV-Produktion von Tierisch Kölsch involvierte Veterinär, und das laufe eben nicht immer nach Vorstellung der Fernsehleute.

Was gelegentlich auch für die beteiligten Menschen zu gelten scheint. Manche blühten vor der Kamera auf, andere verstummten, berichtet die 34-jährige Münsteraner Zootierärztin Silinski, die nebst Tierpflegern im Rahmen von Pinguin, Löwe & Co. zu sehen ist. "Sicher macht es einen Unterschied, ob man unter sich ist oder in dem Bewusstsein lebt, dass ein Gespräch noch Millionen Menschen am Fernsehen mitverfolgen können", sagt die Veterinärin.

Zudem wird oft die Wiederholung bestimmter Szenen und Einstellungen gefordert. Die Eingriffe dauerten dann länger, gibt Behlert zu bedenken. Dabei heißt es doch in der Pressemappe zu Zoogeschichten im Ersten: "Nichts wird gestellt, nichts nachgedreht. Was passiert, fängt die Kamera ein - und manchmal eben auch nicht." Sandra Silinski hat das schon anders erfahren. "Wenn ich etwa eine Injektion gebe, kann es vorkommen, dass das Drehteam nachträglich filmen möchte, wie ich die Spritze aufziehe, und dabei gern das Tier im Hintergrund und die Spritze Richtung Kameraobjektiv gerichtet hätte", erzählt sie.

Auf die Wirkung der wilden Tiere hinter Gittern allein mag kein Sender vertrauen. Kaum eine Szene geht über den Schirm, in der die Bilder für sich selbst wirken dürfen. Tierärzte und -pfleger sind gebeten, ständig zu erzählen, was sie gerade vor der Kamera machen. So was kann den Zuschauer genauso müde machen wie einen betäubten Löwen.

Zootierarzt Behlert, der stellvertretende Direktor im Kölner Zoo, ist vom Genre nicht restlos begeistert. Er sagt, Doku-Soaps könnten Informationen "nicht seriös-fachbezogen darstellen". Die Zoo-Dokus seien anders, behauptet trotzdem Siegmund Grewenig, WDR-Programmgruppenleiter und Geschäftsführer der ARD-Koordination Familienprogramm: "Sie sind langsam erzählt, die Stars sind keine Stars, sondern die Tierpfleger und ihre Lieblinge. Und statt vor dem Zaun stehen wir mitten im Bärengehege und am Pinguinbecken." Grewenig spricht von "emotionaler Information".

Nicht ohne Grund gilt in der Medienindustrie die Maxime: Tiere gehen immer. Wobei Zoo-Dokus im Vergleich zu Tier-Dokus in freier Wildbahn günstig und innerhalb weniger Monate, das heißt relativ zügig, produziert werden können.

Zoo-Doku-Soaps sind eben Fernsehunterhaltung, sogar Parallelen zur RTL-Serie Prison Break lassen sich konstruieren: Durch widrige Umstände hinter Gitter geraten, sind dort zwei Brüder mit Pflegern, Wärtern und schwierigen Artgenossen konfrontiert. Allerdings: Sie haben einen prima Ausbruchplan.

Tierisch Kölsch, ZDF, täglich 15.15 Uhr.

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(SZ vom 6.12.2007)