"Zero Days" im Kino Der neue Krieg ist digital

Der PC-Schädling Stuxnet sollte das iranische Atomprogramm sabotieren.

(Foto: DCM)

Die technischen Hindernisse sind längst überwindbar, wie Alex Gibneys Dokumentation über Stuxnet und die Folgen zeigt. Ein Treffen mit den Machern des Filmes.

Von Hakan Tanriverdi, New York

Es sind die Worte von Eric Chien, die den Zuschauer aufhorchen lassen. Chien arbeitet als "Reverse Engineer" für die Firma Symantec, die Rechner vor Viren schützt. Sein Job ist es, Computercode in Einzelteile zu zerlegen und ihn zu analysieren. Anschließend kann er die Frage beantworten, wie so eine Software aufgebaut ist, welche Ziele sie verfolgt und, in manchen Fällen auch, wie sie sich verbreitet.

Dieser Chien sagt also: "Ich habe definitiv über meine Schulter geschaut. Halb im Scherz haben wir unter Kollegen gesagt: 'Ich bin nicht selbstmordgefährdet. Sollte ich am Montag tot sein: Ich war es nicht.'"

Auf Nummer unsicher

Derselbe Staat, der vor den Bedrohungen eines Cyberkriegs warnt, hat sich den Interessen der Geheimdienste verschrieben. Bürger und Wirtschaft schützt er nicht. Von Hakan Tanriverdi mehr ... Essay

Diese Worte sagt Chien im eindrucksvollen Dokumentarfilm "Zero Days" von Oscar-Preisträger Alex Gibney, der ab Donnerstag in ausgewählten Kinos läuft und von nächster Woche an bei iTunes, Amazon, Google Play und Maxdome verfügbar ist. Sie beschreiben sein Unbehagen, als er ein Stück Software näher untersuchte. Üblicherweise dauerten solche Analysen damals ein bis zwei Minuten, wie Chien im Gespräch in New York erzählt, wo er zusammen mit dem Team des Films Interviews gibt. "Aber für Stuxnet haben wir drei Monate gebraucht, wir waren zu dritt und haben 24 Stunden täglich damit verbracht."

Infrastruktur der Zivilgesellschaft verschiebt sich ins Digitale

Stuxnet gilt als ausgeklügeltster Hacker-Angriff, der bis dato öffentlich bekannt ist. Chien fürchtete halb scherzend um sein Leben, da in diesen Monaten zwei iranische Atomforscher ermordet wurden - von Attentaten war die Rede. Und der Code, den Chien entschlüsselte, hatte das iranische Atomprogramm sabotiert und insgesamt 1000 Zentrifugen zerstört.

Stuxnet ist ein Angriff, der nach Ansicht von Gibney der modernen Kriegsführung ein folgenschweres Update verpasst hat: rein digital ablaufende Attacken, die eben nicht nur Atomanlagen zerstören können, sondern auch Kraftwerke, Finanzsysteme und Stromnetze. Die komplette Infrastruktur der Zivilgesellschaft verschiebt sich zunehmend ins Digitale - und wird damit immer angreifbarer. Die Software von Stuxnet war derart spezifisch geschrieben, dass sie nur auf bestimmte Trigger reagierte. Reguläre Rechner blieben verschont. Nur auf jenen Computern, die in industriellen Anlagen eingesetzt wurden, verbreitete sich der Wurm.

Die Einzelheiten erklären in "Zero Days" mehrere IT-Sicherheitsexperten - und präsentieren Indizien, wer hinter den Angriffen stecken könnte. Beweise gibt es bis heute nicht, offiziell bleibt ungeklärt, wer verantwortlich war. Das inoffizielle Bild aber wird in diesem Film schärfer, denn alles weist auf eine gemeinsame Aktion von Israel und den USA hin.

So haben anonym zitierte Mitarbeiter der US-Regierung zugegeben, dass die Aktion unter dem Decknamen "Olympische Spiele" lief. Um eine offene militärische Konfrontation zu verhindern, hätten die USA ihren Partner überzeugen können, den klandestinen Hackerangriff zu starten, erklärt eine Schauspielerin. Sie ist eine Kunstfigur - die von ihr vorgetragenen Zitate sind aus mehreren Gesprächen, die Gibney abseits der Kameras führen konnte, zusammengestellt.