Zeitschrift Nicht jeder General ist dick

Heft 90. Herausgegeben von Norbert Wehr. Rigodon-Verlag, Essen 2018. 208 S., 15 Euro

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Das "Schreibheft 90" komponiert seine Beiträge: ein Zeichen der Vitalität staatsferner Poesie.

Von Lothar Müller

Es ist keine Schande, den russischen Schriftsteller Kosma Prutkow nicht zu kennen, den im 19. Jahrhundert berühmten Verfasser von Gedichten, Prosa und Dramen, dessen Komödie "Fantasija" Skandal machte, als sie im Januar 1851 unter Anwesenheit von Zar Nikolaus I. im Kaiserlichen Theater in Sankt Petersburg uraufgeführt wurde. Es lohnt sich aber, ihn kennenzulernen. Er war nämlich ein dichtender Beamter, und zu seinem Nachlass gehört, als staatspolitisches Vermächtnis, das "Projekt über die Einführung eines einheitlichen Denkens in Russland".

Was vollends für ihn einnimmt, ist der Umstand, dass er ein russischer Beamter aus dem Geiste Gogols ist. Denn er ist nicht nur eine Satire auf die russische Bürokratie, sondern zugleich ein durch und durch fiktiver, mit viel Lust am Maskenspiel erfundener Autor, den der Dichter Alexej K. Tolstoi, ein Zeitgenosse Prutkows, gemeinsam mit zwei Cousins in die Welt setzte. Die Gelegenheit, Kosma Prutkow und seine Erfinder kennenzulernen, verschafft die Zeitschrift Schreibheft in ihrer aktuellen Ausgabe.

Die Aphorismen Prutkows wie die deutsche Fassung des Nachworts zur Werkausgabe des Jahres 1884 entstammen dem Nachlass des Übersetzers Peter Urban. Die Aphorismen verschmähen weder das Prätentiöse ("In der Tiefe der Brust hat jeder seine Schlange"), noch das Triviale ("Auch Terpentin ist zu irgendetwas nütze!") und Scheinphilosophische ("Niemand umarmt das Unermessliche") und lassen im Erfahrungsschatz des Beamten die Züge künftiger Unsinnspoesie aufscheinen: "Nicht jeder General ist von Natur aus dick."

Gute Zeitschriften addieren ihre Beiträge nicht, sie komponieren sie. So erkennt, wer vom fiktiven Beamten Prutkow zum Dossier über den realen Autor Dmitri Prigow, einen der Mitbegründer des "Moskauer Konzeptualismus" voranschreitet, dass diese Ausgabe des Schreibhefts auf die Präsidentschaftswahlen in Russland hin konzipiert ist. Man lese die Erinnerungen an Dmitri Prigow von Wladimir Sorokin, der dem Moskauer Konzeptualismus entstammt, und Prigows Langgedicht "Ansicht des russischen Grabes von Deutschland aus", um einen Eindruck von der Vitalität staatsferner Poesie und Literatur in Russland zu gewinnen.

Sie hat ihr Gegenüber in den Positionen minimalistischer, konkreter und konzeptueller Poesie des Westens, der ein weiteres Dossier gewidmet ist, mit Texten und grafischen Experimenten von Vito bis Aram Saroyan. Und dann gibt es noch eine Blütenlese aus den Filmkritiken von Graham Greene (zu Luis Bunuel, Marcel Carné, John Ford, Alfred Hitchcock), mit einer lesenswerten Nachbemerkung von Kurt Scheel, Sohn eines Kinobetreibers und langjähriger Redakteur des Merkur.

Man sollte das Heft nicht aus der Hand legen, ohne die Essays von David Albahari und Zarko Radakovic über Peter Handke gelesen zu haben. Sie sind ein Appell, die Brücke wieder aufzubauen, die das Werk Handkes vor den Balkankriegen war, eine Brücke zwischen serbischer und kroatischer Literatur.