"Zeiten des Aufruhrs" Ein Quantum Trostlosigkeit

Kate Winslet und Leonardo DiCaprio als Traumpaar vereint: Das Kino ist reif für "Revolutionary Road", und der große Autor Richard Yates wird wiederentdeckt.

Von Christopher Schmidt

Die Verfilmung seines ersten und größten Werks hat er genauso wenig erlebt wie seine Anerkennung als einer der besten Erzähler seiner Generation. Notorisch knapp bei Kasse war Richard Yates froh, als man ihm 1967 für 15 500 Dollar die Filmrechte für "Revolutionary Road/Zeiten des Aufruhrs" abkaufte - und er mit dem Geld seine Tochter aufs College schicken konnte. Immer wieder hat Hollywood mit dem Gedanken an eine Verfilmung gespielt, aber selbst mutige Regisseure wie John Frankenheimer schreckten vor der Düsternis des Stoffes zurück.

Der tiefste Punkt war erreicht, als man erwog, den Zuschauer durch Rückblenden und Traumsequenzen dermaßen zu verwirren, dass am Ende unklar bliebe, ob die weibliche Hauptfigur am Schluss nun lebt oder stirbt. Schon als der erste Versuch, eine Verfilmung auf den Weg zu bringen, gescheitert war, schrieb Yates gallig: "Kühlere Köpfe haben entschieden, dass der Kinogeher noch nicht bereit sei für eine Geschichte von solch unerlöster Tragik'."

Dass der Film nun, ermutigt durch das endlich erwachte Interesse am Autor, doch noch gedreht wurde, ist vor allem Kate Winslet zu verdanken. Mit ihrem Ehemann Sam Mendes hatte sie schnell den idealen Regisseur gefunden. Seit "American Beauty" gilt er als unerschrockener Kenner der amerikanischen Suburbia, und seine Theatererfahrung kam ihm bei der Verfilmung dieses Kammerspiels zugute.

Aber erst, als Leonardo DiCaprio für die männliche Hauptrolle gewonnen werden konnte und sich das Traumpaar aus "Titanic" nach zehn Jahren wiedervereinte, nahm das Projekt konkrete Gestalt an. Zumindest habe er es nicht vermasselt, sollen Yates' Töchter gesagt haben, nachdem sie den Film gesehen hatten, und Mendes empfindet das als hohes Lob. Winslet und DiCaprio auf dem Cover einer Neuauflage haben dem Roman im Dezember auch zum ersten Mal zu einem Platz auf der amerikanischen Bestseller-Liste verholfen.

Mit unerbittlichem Blick

Die Editionsgeschichte von "Revolutionary Road" ist fast so unglücklich wie die Lebensgeschichte seines Autors. 1962 unterlag er beim National Book Award Walker Percys "Kinogeher". Danach verschwand das Buch immer wieder aus den Verlagsprogrammen, erst seit 2001 ist das englische Original in einer preiswerten Ausgabe erhältlich.

In den USA hat die Neuedition eine Debatte darüber ausgelöst, warum Yates, dieser große Chronist des amerikanischen Mittelstands, so lange verkannt wurde. Yates galt als "writer's writer", dabei ist seine so überaus lesbare Prosa von luzider Klarheit und denkbar weit entfernt von den Glasperlenspielen der Literaturmoderne. Yates ist vielmehr ein Meister des "mot juste", seine Kunst der Genauigkeit verweist auf Flaubert als Vorbild und scheint zugleich eine literarische Antwort auf seine Lungenkrankenheit gewesen zu sein. Genauso wie er im Leben seinen Atem sparen musste, war er auch als Erzähler ein großer Ökonom.

Es war wohl eher seine ebenfalls an Flaubert geschulte "impassibilité", die ihn isolierte. Tatsächlich versteht sich "Revolutionary Road" explizit als amerikanische Paraphrase von "Madame Bovary". Dem unerbittlichen Blick auf das Amerika der fünfziger Jahre verdankt das Buch allerdings auch Miniaturen von hinreißend böser Komik. Das Amerika jener Zeit freilich konnte über solche Karikaturen nicht lachen, Leser taten sich schwer mit einem Autor, der ihnen mit einem sardonischen Grinsen die letzten Illusionen raubte.

Schlechtes Timing blieb Richard Yates' ständiger Begleiter. Er hat es als das Pech seines Lebens bezeichnet, dass sein erstes Buch zugleich sein bestes gewesen sei. Bis zu seinem Tod 1992 im Alter von sechsundsechzig Jahren, schlug er sich durch mit Kursen für kreatives Schreiben, Drehbuch-Adaptionen und als Redenschreiber von Robert Kennedy. Er lebte in New York und Boston, Iowa, Los Angeles und zuletzt in Alabama, ernährte sich von Kaffee, Bier und Bourbon und hauste in den immergleich schäbigen Appartments.

Dort bestand der einzige persönliche Gegenstand aus seinem Schreibtisch, oben die Fotos seiner drei Töchter, darunter zertretene Kakerlaken. Zigaretten und Alkohol waren neben dem Schreiben seine beiden anderen Leidenschaften. Noch in späten Jahren steuerte er seinen Wagen vorzugsweise mit den Knien, um die Hände frei zu haben für den Schlauch der Sauerstoffflasche sowie die brennende Zigarette; ein Funke hätte genügt, um ihn in die Luft zu jagen.

Yates war ein selbstzerstörerischer Charakter, Alkohol und Drogen seine Dämonen. Im Leben war er ein Trinker, aber in seiner Kunst ein Autor der Ernüchterung. Auf einem der wenigen Fotos, die es von ihm gibt, sieht man einen schroffen alten Mann, dessen vom Alkohol zerstörtes Gesicht zu großen Teilen verdeckt wird von einem wilden weißen Bart. Ein Mann, der durch viele Stürme gegangen ist: zwei gescheiterte Ehen, acht Roman, die lange keiner lesen wollte, bis das Kino dann schließlich doch noch half, den Rang dieses Autors klarzumachen..

Es sei "der Virus des Scheiterns", mit dem die Bewohner der Schlafstädte in West Connecticut infiziert waren, wo "Revolutionary Road" spielt, schreibt Yates. Mit diesem Virus fühlte er sich selbst infiziert. Autobiographisch geprägt ist die Schilderung der Ehe der Wheelers. Auch Yates hat die Pendelzüge in die Stadt bestiegen, als er sich mit seiner jungen Familie 1953 in Connecticut niederließ und sich tagsüber als Werbetexter bei Remington Rand verdingte. Und er kannte die exzessiven, alkoholisch befeuerten Ehekräche hinter den verhängten Panoramascheiben der putzigen Einfamilienhäuser.

In Frank Wheeler hat er sich selbst karikiert. Frank, das ist Yates ohne Schreiben, ein Schwätzer und Möchtegern-Bohemien, "ein Jean-Paul-Sartre-Typ Mann", der eloquent über McCarthy und "die hoffnungslose Leere" des amerikanischen Konformismus herziehen kann und letztlich doch schon zufrieden ist mit dem "denkbar ödesten Job" und einer tristen Affäre mit einer Sekretärin. Als seine Frau April schließlich zum dritten Mal schwanger wird, benutzt er dies in geradezu teuflischer Weise, um den gemeinsamen Plan, nach Paris auszuwandern, zu vereiteln, und beschwört damit die Katastrophe herauf.

Paris, im Roman, ist das ein Losungswort, der Name für ein besseres Leben. Im Gegensatz zu ihnen hatte Yates in jungen Jahren tatsächlich in Paris gelebt und auf den Spuren von Hemingway und Fitzgerald dort seine ersten Kurzgeschichten geschrieben. Im Roman arbeitet Yates unerbittlich heraus, dass die Auflehnung gegen das enteignete Leben selbst Teil des Systems ist, weil Suburbia auch noch die Formen der Rebellion prägt. Diese Verkennung, dass in der Ironisierung der eigenen Lebensform genau der Grund liegt, weshalb diese Lebensform so stark ist, macht die wahre Lebenslüge aus.

Schmerzloser Tod

Das erste Kapitel mit der Schilderung der desaströsen Theater-Aufführung der Laurel Players, einer Amateur-Truppe, enthält bereits den ganzen Roman, und es gehört zu den bösen Ironien von Yates, dass jene Sätze, die im Stück abgeschmackt wirken, später ganz ernst gemeint wiederholt werden, um damit die eigenen Sehnsüchte zu benennen. Und wenn April sich eingangs an ihre erste Monatsblutung erinnert, weist das voraus auf den tödlichen Versuch der Abtreibung am Ende.

Yates malt diese Szene nicht aus, aber Sam Mendes hat sich im Film unverkennbar von Aprils Erinnerung inspirieren lassen, wenn Kate Winslet im lichtdurchfluteten Wohnzimmer steht und auf eine grauenhaft malerische Weise zu bluten beginnt. Mendes nimmt sich viel Zeit für diese Einstellung, wie überhaupt der Film gegen Ende hin immer langsamer wird. Die Abschiedsszene, als April ihrem Frank das endlich zur Vernunft gekommene Frauchen vorspielt, gehört zum Gespenstischsten des Kinos. Ganz vorsichtig gehen sie miteinander um, als wüssten beide, dass sie sowieso verurteilt sind "zu einem sehr langsamen, schmerzlosen Tod".

"Revolutionary Road" ist ein Katastrophenfilm, die Katastrophen spielen sich in der Mimik ab, im smarten Babyface von Leonardo DiCaprio und dem maskenhaften schönen Gesicht von Kate Winslet - viele Dialoge, die Mendes gestrichen hat, bündelt ein einziger Blick. Amerika tut sich immer noch schwer mit Yates eigenwilliger Halbdistanz zwischen Einfühlung und Travestie, es ist "zur Tragödie nicht geschaffen", wie es im Roman über Suburbia heißt.

Da irrt Frank Wheeler am Ende tödlich verzweifelt durch die Straßen mit ihren fröhlichen Lichtern, und Yates federt die Fallhöhe seines Helden ironisch ab, wenn er schreibt: "Einmal kam er ins Stolpern und stürzte; als er sich wieder erhob, hatte er einen emaillierten Blecheimer in der Hand, wie ihn Kinder am Strand zum Spielen benutzen."