ZDF-Talk mit Kunstfigur Erwin Pelzig Labern war hier nicht

Konnte sich an seinen Gästen festbeißen, wenn die ihm auswichen: Erwin Pelzig alias Frank-Markus Barwasser.

(Foto: dpa)

Erwin Pelzig, der so wunderbar Politiker und Prominente piesacken konnte, beendet seine TV-Karriere. Schade für das deutsche Fernsehen.

Von Martin Zips

Neulich war in der ZDF-Sendung "Pelzig hält sich" mit Frank-Markus Barwasser der ehemalige TV-Wettermoderator Jörg Kachelmann zu Gast. Man unterhielt sich über Kachelmanns Gefängnisaufenthalt in Mannheim, dessen Verhältnis zur Bild-Zeitung und das Leben mit Frau und Kind in der Schweiz. Ein kurzer, fröhlicher Talk mit dem krisengeschüttelten Kachelmann - es gibt genügend Sendungen im deutschen Fernsehen, wo das peinlich hätte enden können. Nicht so bei Barwasser.

Weil dieser die Leute nicht als Barwasser befragt, sondern in der Rolle des aufrechten, vielleicht spießigen, aber keineswegs dummen Kleinbürgers Erwin Pelzig. Journalistisch wie kabarettistisch war das Interview gut genießbar.

Seit 18 Jahren befragt der gebürtige Würzburger Frank-Markus Barwasser, 55, als Franke Erwin Pelzig mehr oder minder prominente Zeitgenossen. Früher lief seine Sendung im BR und im Ersten, heute im ZDF. Als Zuschauer fühlt man sich seinen Gästen menschlich oft viel näher als deren Klonen in den üblichen Fernseh-Laberrunden. Nun soll am 1. Dezember mit der 37. Pelzig-Folge Schluss sein.

Ursprünglich wollte Barwasser Schauspieler werden

Barwasser sagt, er habe das Bedürfnis, sich "neuen Ideen und Projekten zuzuwenden". Der Kabarettist betont, dass er sich mit seiner Redaktion immer gut verstanden habe. Auch mit den Quoten seien alle stets zufrieden. Einfach mal ein bisschen Luft tanken und am neuen Bühnenprogramm feilen - darum geht's. Wie schade für das deutsche Fernsehen.

"Als Mischung aus Dame Edna und Günter Gaus" habe er seine Sendung immer anzulegen versucht, erklärt Barwasser. Das ist ihm auch gelungen. Um ein bisschen Spaß zu haben, stand einst Hollywoods A-Prominenz Schlange für die Fernseh-Show von Dame Edna, dieser australischen Transvestiten-Oma. Vor der Verhör-Kühlkammer eines Günter Gaus wartete indes die deutsche Intelligenz. Barwassers Show liefert von beidem etwas - mit so unterschiedlichen Gästen wie Roger Willemsen, Hella von Sinnen, Horst Seehofer, Ina Müller oder Heiko Maas.

Ursprünglich wollte Frank-Markus Barwasser ja ins ernsthafte Schauspielfach. Als er 20 Jahre alt war, sprach er an der Bochumer Schauspielschule vor. Doch Enzensbergers "Menschenfeind" kam in seiner Interpretation bei der Jury nicht so gut an wie zuvor alte Karl-Valentin-Sketche im familiären Wohnzimmer. Also arbeitete er als Journalist, besuchte im Auftrag der Main-Post "grauenvolle Faschingssitzungen" und schrieb Leitartikel über die spanische Innenpolitik. Als freier Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks zeigte er in frühen Pelzig-Radio-Sketchen sein komisches Talent. Die Karriere als Leitartikler war danach vorbei.

200 Seiten umfassten die Recherche-Mappen

Was aber nicht heißt, dass Frank-Markus Barwasser, der von 2010 bis 2013 dem (eigentlich unersetzlichen) Georg Schramm im ZDF-Kabarett "Neues aus der Anstalt" folgte, sich nicht auch heute noch als Journalist sieht. 200 Seiten umfassen die Mappen, mit denen er sich auf seine Sendungen vorbereitet, sagt er. Mit dem hier erworbenen Wissen könne er in der Sendung als "Cordhüdli-Kasperl" seine fränkischen Pfeile noch besser abschießen. "Da ist nie was einstudiert. Alles spontan. Und am wichtigsten ist und war mir, von meinen Gästen nicht wieder nur das zu hören, was ich zuvor schon 100-mal über sie gelesen habe."

Über allen Gipfeln ist Wut

Mit geschliffener Rhetorik und demonstrativem Zorn wiegelt Georg Schramm in seinem Solo-Programm das Publikum auf. Die Vorstellungen sind ausverkauft, die Leute gieren nach dem Kabarettisten, seit er nicht mehr im TV zu sehen ist. Sein Auftritt zeigt, warum Schramm so sehr fehlt. Von Ruth Schneeberger, Berlin mehr ...

Im Studio wirkten Barwassers Interview-Partner jedenfalls oft wie von einer Maus aufgescheuchte Elefanten. Und dennoch: Deutsche Medien-Elefanten gaben sich bei ihm gerne die Klinke in die Hand.

Doch nun ist erst mal Schluss. Nur auf der Bühne lebt Pelzig weiter. Zumindest so lange, "wie mein Real-Alter noch nicht mein Bühnen-Alter überschritten hat", sagt der mit allen wichtigen Kleinkunstpreisen überhäufte Komödiant. Auf seinem Grabstein jedenfalls, meint Barwasser, werde der Name "Pelzig" nicht zu finden sein. So weit gehe die Liebe dann doch nicht.