Yusuf Islam im Gespräch Das Ende einer Ära

SZ: Aber ist Buddhismus nicht so viel freier als der Islam?

Yusuf: Da mögen Sie recht haben. Aber wenn Sie den Kern jedes Glaubens oder spirituellen Weges betrachten, dann finden Sie dort etwas, das im Zentrum steht. Im Buddhismus ist es das Selbst. Im Islam ist es Gott. Wenn Sie sich aber immer nur auf sich selbst verlassen, kommen Sie unter Umständen nicht weit.

SZ: Sie waren in der Popkultur der sechziger Jahre nicht der Einzige, der auf Sinnsuche war. Wann wurde denn aus dem politischen Kern des Pop ein spiritueller Kern?

Yusuf: Daran waren wohl die Beatles schuld. Vor allem George Harrison. Er eröffnete uns den ganzen Horizont des Ostens, der uns vorher nicht besonders interessiert hat. Aber es war damals wirklich wichtig, dass wir so prominente Vorbilder hatten, die über den Tellerrand unserer eigenen Kultur schauen konnten.

SZ: Waren Sie sich damals bewusst, was für eine Rolle die Musik im gesellschaftlichen Wandel spielte?

Yusuf: Auf alle Fälle. Ich halte das immer noch für einen Glücksfall, dass ich Teil dieses historischen Moments war, als die Jugend meiner Generation beschloss, dass die Welt, die wir wollten, nicht ohne Wandel möglich sein würde.

Gleichzeitig konnte man beobachten, dass die Kommerzmaschine und Kräfte, denen unsere Visionen sehr fremd waren, begannen, Widerstand aufzubauen. Kent State University war sicherlich eines der wichtigsten Beispiele dafür (auf dem Kent State Campus schossen National-Guard-Truppen am 4. Mai 1970 in eine Studentendemonstration und töteten vier Demonstranten, Anm.d.Red.). Das war für viele das Ende dieser Ära.

SZ: War das Ende nicht schon das Rolling-Stones-Konzert in Altamont im Dezember 1969, bei dem ein Hells Angel einen Zuhörer erstach?

Yusuf: Altamont bereitete sicher die Stimmung vor. Und der frühe Tod von Jimi Hendrix. Aber nach Kent State überlegten sich viele, dass wir vielleicht nicht auf dem richtigen Weg waren, und wir uns vielleicht um unser spirituelles Nachleben kümmern sollten, bevor es uns erwischt.

SZ: Nun sind Sie als Muslim wieder mitten in einem historischen Moment des Wandels. Gibt es da Parallelen zwischen den sechziger Jahren und den Revolutionen im Nahen Osten?

Yusuf: Gute Frage. Bevor all diese neuen Stimmen im Nahen Osten Wandel und Freiheit forderten, habe ich immer herumlamentiert, dass die goldenen sechziger und siebziger Jahre vorbei sind, und dass die meisten Menschen der technisierten Cyber-Ära gar nicht so richtig da seien und nur virtuell leben würden. Und dann stellt sich heraus, dass ausgerechnet diese Technologie eine neue Welle solcher Bewegungen vor allem der Jugend auslöst. Ich fand das sehr inspirierend. Ich habe da große Hoffnungen. Auch wenn wir vielleicht lange darauf warten müssen, bis die Ziele dieser Aufstände erreicht sind. In diesem Teil der Welt verändern sich die Dinge sehr langsam. Auf der anderen Seite sind diese Ereignisse erst ein paar Monate her. Wir sollten also nicht zu große Erwartungen haben.

SZ: Der Glaube spielt in diesen Bewegungen keine besondere Rolle. Sehen Sie das positiv oder negativ?

Yusuf: Nichts kann den menschlichen Geist aufhalten. Und alles, was Religion tut, ist ja nur, ihn zu einem glücklichen Ende im Jenseits zu leiten. Im Diesseits brauchen die Menschen bestimmte Strukturen, um Erfüllung zu finden. Und so manche Struktur, die gestern noch funktioniert hat, funktioniert heute oder morgen eben nicht mehr. Nein, das ist wirklich eine positive Entwicklung.