Youtube und Musikvideos Wo Geld ist, sind Gier und Macht

Es gibt nach wie vor - vielleicht sogar mehr denn je - triftige Gründe für die Arbeit und die daraus resultierenden Ansprüche von Labels und Musikverlagen. Gauner gibt es natürlich auch in der Musikbranche reichlich. Wo Geld ist, sind Gier und Macht, und dies lädt zu Machtmissbrauch ein.

Die - oft berechtigte - Kritik an manchen in der Branche verbreiteten Geschäftspraktiken stellt aber nicht ein ganzes, gewachsenes System in Frage. Es gibt Plattenfirmen und Labels, die auch die kleinen Bands und Künstler, die sie unter Vertrag haben, fair behandeln und bestmöglich betreuen.

Es gibt sogar über jeden Zweifel erhabene Indie-Labels, die aus freien Stücken mit Major-Labels kooperieren, wenn ihre Künstler für ihre Möglichkeiten zu groß geworden sind - wenn also für die Veröffentlichung eines neuen Albums plötzlich mehr Geld vorgeschossen werden muss, als das ein kleines Label vernünftigerweise tun sollte.

Interessanter als die brachiale Revolutionsrhetorik im Netz ist, was die besonneneren unter den unabhängigen Köpfen der Branche hinter vorgehaltener Hand berichten. Das illegale Filesharing ist nicht unbedingt ihr größtes Problem. Sie goutieren es allerdings auch nicht. Ihnen missfallen eher maßlose Abmahnungen, wie sie zur Abschreckung seit einer Weile im Auftrag von großen Plattenfirmen von Anwaltskanzleien verschickt werden.

Youtube ist ein Aufmerksamkeitsnadelöhr im Netz

Was sie jedoch wirklich besorgt, ist die scheinbar unaufhaltsame Monopolisierung im Netz, die es kleineren Labels immer schwerer macht, ihre Angebote bei den wenigen zentralen Anbietern noch wahrnehmbar zu platzieren. Diese Plätze sichern sich immer aggressiver die Branchenführer, die besonders im Musikgeschäft gegenüber Netzgiganten wie Google, Amazon oder Apple ihrerseits von Existenzängsten geplagt sind. Es ist eine Zeit für Kannibalen.

Der Konflikt, den die Verwertungsgesellschaft Gema seit bald drei Jahren mit YouTube um Musik-Tantiemen führt, ist deshalb so zentral. YouTube ist als führendes Videoportal ein Aufmerksamkeitsnadelöhr im Netz. Hier präsent zu sein, ist insbesondere für Popmusiker unverzichtbar geworden. Die Wut der Band Deichkind, die sich vielbeachtet darüber ärgerte, dass Mitte März ihr Video "Leider geil" wegen des Tantiemen-Streits gesperrt wurde, ist aus dieser Perspektive mehr als verständlich.

Wenn man weiß, dass die Deichkinder Gema-Mitglieder sind, wird es schon kniffliger. Da, wo ihre Polemik gegen die Gema zielt, gehen sie auch noch der geschickten YouTube-Propaganda auf den Leim. An der Stelle des gesperrten Videos erfährt der YouTube-Nutzer nämlich, dass das gewünschte Video leider nicht verfügbar sei, weil es Musik enthalte, "für die die erforderlichen Musikrechte von der Gema nicht eingeräumt" worden seien. Die Formulierung ist perfide. Sie erweckt den Eindruck, als sei der Bösewicht allein die Gema. Das ist der für YouTube bequeme Teil der Wahrheit.

Der Konzentrationsprozess im Netz hilft Youtube

Der andere Teil ist, dass YouTube nicht irgendein mittelständisches Netz-Unternehmen ist, sondern Teil des Internet-Giganten Google. Je weiter also der Konzentrationsprozess im Netz voranschreitet, desto länger wird der Hebel für YouTube. Und desto geringer werden die Tantiemen für alle Künstler, die die Gema vertritt. Also auch für die, die keine Topstars sind. Als Verein und Künstler-Interessenvertretung mit einem noch immer rechtmäßigen Anspruch einem milliardenschweren Weltkonzern die Stirn zu bieten, ist letztlich verdienstvoller, als als Quasi-Monopolist aus knallhartem Kalkül auf Zeit zu spielen.

Die Einigungen, die es etwa in Großbritannien zwischen YouTube und den Rechteverwertern längst gibt und auf die gerne verwiesen wird, haben einen einfachen Grund: Die Verwerter werden dort von den großen Plattenfirmen und ihren Musikverlagen dominiert, weil ihnen die Künstler anders als hierzulande üblich die Urheberrechte ihrer Songs komplett übergeben müssen. Wer aber über große Kataloge verfügt, der nimmt eine niedrigere Grundgebühr in Kauf. Hauptsache es fließt schnell wieder Geld. Ein einzelner Künstler ist im Zweifel längst nicht so schnell bereit, die Augen zuzudrücken.

Genau diese Einzelnen vertritt aber eben die Gema. Der Satz zu jedem gesperrten YouTube-Video müsste also wenigstens hierzulande richtigerweise lauten: "Unser Unternehmen streitet mit den Künstlern, ohne die unser Angebot viel unattraktiver wäre, darüber, wie viel der einmalige Abruf eines Videos oder Songs wert ist. Bislang wollen die Künstler mehr Geld, als uns ihre Songs wert sind. Wir bitten um Geduld."

Wer heute über Urheberrechte spricht, darf nicht darüber schweigen, wem sie wirklich ein Dorn im Auge sind.