Mit Videos. Von Tobias Moorstedt

Die Internet-Video-Plattform YouTube vergibt jetzt auch Oscars. Gekürt werden sollen die kreativsten, die lustigsten und die schrillsten Clips. Wer das aussucht? Natürlich die User.

Die Preisverleihung findet ohne den Sieger statt. Kein roter Teppich, keine Limousinen. Es ist eine neue Zeit. 2006 war das Jahr des Internet-Bilderstroms. Das Videoportal Youtube machte unbekannte Musiker zu Stars und zerstörte Politikerkarrieren.

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Am Ende kaufte Google die Firma für 1,6 Milliarden Dollar. Vom Erfolg ermutigt hat Youtube nun einen Preis ausgerufen. Der Internet-Oscar wird in sieben Kategorien - darunter Comedy, Music, "Inspirational" - vergeben. Die Gewinner stehen seit Montag auf der Seite www.youtube.com/ytawards. Ohne Zeremonie. Als schlichtes Datenpaket. Es ist schließlich eine neue Zeit.

Die Youtube-Awards wurden über eine Zuschauerbefragung ermittelt. Schließlich bestimmt im Web 2.0 keine elitäre Jury, sondern eine breite Masse darüber, was sie sehen will. Unter anderem: Die Band Ok Go, die in ihrem selbst produzierten Musikvideo eine ausgefeilte Choreographie auf sechs Laufbändern vorführt:

Große Gefühle, weniger Ästhetik

Ein Mann, der Umarmungen, in den Fußgängerzonen amerikanischer Städte verteilt....

Ein Mädchen, das sich jeden Tag fotografiert und die Fotos zu einer Zeitrafferversion ihres Lebens montiert. Prämiert wurden auch der "niedlichste Clip" (ein animierter Vogel) ...

.... und das Video, "bei dem es uns von Lachen zerrissen hat". Es geht um große Gefühle. Für Arthouse ist keine Zeit:

Youtube-Fans werden die Gewinner kennen, denn die Sieger-Videos stehen auf der Liste der meist gesehenen Clips weit oben. Und ist nicht das Rating-System eine Form der Qualitätsmessung, die etwas Subjektives wie einen Preis überflüssig macht, ein Real-Time-Award?

Der Youtube-Award ist Teil einer Professionalisierungstendenz. Wenn etwas einen Preis verdient, warum verdient der Preisträger kein Geld? Angebote wie spymac.com wollen die nutzergenerierten Clips verwerten. Hier gewinnt ein Video jeden Monat einen Jackpot. In den ersten Monaten zahlt die im Januar gestartete Community eine Viertelmillion Dollar an Nutzer aus.

Eine Analyse der Preisträger könnte zeigen: Wie sieht ein gutes Internet-Video aus? Wenn es so etwas gibt wie eine MTV-Ästhetik (schnelle Schnitte und, nun ja, Neonfarben), was ist die Youtube-Ästhetik? Wenn das Privatfernsehen mit zwölf-Minuten-Sinnblöcken bis zur Werbepause unsere Aufmerksamkeitsspanne derart ruiniert hat: Was richten die 120-Sekünder von Youtube an?

Die beliebtesten Youtube-Videos weisen einen Slapstick-Charakter auf. Der Medienwissenschaftler Henry Jenkins vom Bostoner MIT vergleicht Youtube auch deshalb mit dem Vaudeville, den Bühnenshows des frühen 20. Jahrhunderts, die wie auch Youtube auf den "Prinzipien von Variation und Vielseitigkeit" gründeten.

Ein Schauspieler, ein dressierter Hund, Schwertschlucker. Die Einheiten hatten keinen Plot, die "ästhetischen Entscheidungen funktionierten nach der Logik: get in, score big, and get off". Das Internet generiert eine neue Art Bilder zu präsentieren. Bei der zweiten Generation der Videoportale wie Moviemasher, Eyespot oder Jumcut ist das Re-Mixen von Videos ein zentrales Feature.

Diese Mischungen stehen in der Tradition der zufallsgenerierten, mit vielen Links versehenen Hypertexte. Es wäre eine neue Form des Bilderkonsums. Keine zwei Minuten, in denen man versucht, einen Sinnzusammenhang zu erschließen. Jedes einzelne Bild steht selbst im Mittelpunkt - und führt per Hyperlink zu seiner Quelle.

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(SZ vom 27.3.2007)