Wozu noch Journalisten? Es geht um das ganz Große

Wozu Journalisten? Wir brauchen keine Journalisten. Wir brauchen gute Journalisten. Solche, die es versuchen. Eine Skizze über den idealen Journalisten.

Von Jennifer Wilton

"Wozu noch Journalisten?", lautete die "Preisfrage" des Schreibwettbewerbs der Hamburger Akademie für Publizistik. 44 Autoren sandten Beiträge ein, wir dokumentieren die Artikel der drei Preisträger. Die Preise waren mit 2000, 1000 und 500 Euro dotiert. Jennifer Wilton, Reporterin der Tageszeitung "Die Welt", überzeugte die Jury der Preisfrage der Akademie mit der Skizze eines idealen Journalisten am meisten.

Vermutlich sitzt er immer noch dort. In dem etwas düsteren Zimmer, vor dem etwas klobigen Schreibtisch, zwischen Papier und Papieren. Im Hintergrund: Ein leichtes Surren (der Ventilator, die Heizung, eine Maschine), vielleicht das Raunen der anderen, hinter der Jalousie, hinter der Glasscheibe. Er wippt kaum merklich mit dem linken Fuß, wischt sich Müdigkeit aus dem Gesicht, zieht gedankenschwer die Augenbrauen zusammen. Er weiß, dass er gerne so gesehen wird. Er will sich selbst so sehen.

Das Telefon (groß, schwarz, Drehscheibe) klingelt. Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten: Er wird hektisch auflegen, und wieder wählen, einmal, zweimal, ein dutzend Mal. Oder er reißt den Mantel von der Stuhllehne und rennt los. Er wird auf keinen Fall zurückkommen (auflegen) bis er gehört, zugehört und gegen gehört hat. Bis er gesehen, beobachtet und verstanden hat. Das wird dauern. Dabei eilt es. Und natürlich ist es frühmorgens oder spätabends, natürlich ist es neblig (regnerisch, glühend heiß). Vielleicht wird er später der Versuchung nicht widerstehen, das zu erwähnen. Jetzt hat er es vergessen. Jetzt rast er. Jetzt geht es nicht um ihn.

Es geht, natürlich, um das ganz Große. Und um das ganz Kleine. Das zu finden, und zu erzählen. Er versucht es.

Er lebt Tage, Nächte in Wärmestuben, Volksküchen, Nachtasylen, arbeitet auf Schiffen und auf dem Feld, auf der Straße, im Theater.

Er schreibt einen Senator, eine Stimmung, seine Umgebung bloß, in dem er sie dokumentiert.

Er lässt nicht locker, wenn es um Details zur Pflege der politischen Landschaft geht.

Er macht Kriegsverbrechen öffentlich, und Kriegsverbrecher, egal, woher sie kommen. Er hat keine Seite.

Er findet heraus, wie Firmenvorstände auf Luxusreisen gehen.

Sie erklärt, was in der Krisenrepublik geschieht, immer wieder, auch wenn sie weiß, was das für sie bedeuten kann. Bedeutet hat.

Er reist mit seinem Notizblock durch die Gefahren der Welt, weil er meint, dass es dort um etwas geht, das alle betrifft.

Sie schreibt über die schlechten Arbeitsbedingungen bei einem Anzeigenkunden, lange bevor sich alle erregen. Ohne jemanden hinter sich.

Er nervt Behörden, piesackt Bürgermeister, belagert Ortsvorsteher.

Einmal schafft er es, einen amerikanischen Präsidenten zurücktreten zu lassen.

Er fragt, und fragt, und fragt.

Er glaubt der ersten Erkenntnis nicht, noch weniger dem Gerücht, oder dem Bild.

Er versucht zu reden, und zu schweigen, jeweils zur richtigen Zeit.

Manchmal will er nicht weniger, als ein Nachdenken provozieren, manchmal nicht mehr als ein Lachen. Manchmal das eine mit dem anderen.

Und: Er kämpft um Worte und leidet an schiefen Bildern. Er verzweifelt an Sätzen und verliert sich in Absätzen. Er feilt und streicht und ergänzt und dreht, bis jeder Punkt, jedes Adjektiv, jede Zeile stimmt. Er versucht es.

Seine Leidenschaft ist berüchtigt.

Natürlich: er ist eitel, manchmal, wie Menschen eitel sind. Er behauptet, der Wahrheit verpflichtet zu sein, und sieht, dass er sie verändert. Er weiß, dass es schwierig ist, Tendenzen zu vermeiden, dass Rechtfertigung eine Versuchung ist und ein Standpunkt durchaus etwas wert. Er erreicht seine Ideale fast nie. Aber er versucht es.

Wie, warum er tut, was er tut, ist am Ende doch mit dem Pathos zu beschreiben, das er in seinen Artikeln zu vermeiden sucht: mit Worten wie innerer Berufung, oder Rückgrat. Im besten Fall.

Natürlich könnte man grelles Licht in das düstere Zimmer werfen, das klobige Holz des Tischs gegen glänzendes Chrom tauschen, den Raum mit einem Haufen glänzender, blinkender Geräte ausstatten. Den Raum ohnehin verlassen, den Ort, das Land. Ihn nicht mehr durch die Moderne, durch die Großstadt rasen lassen, wo er gut zuhause war. Ihn durch andere Zeiten, in andere Medien tauchen lassen, vielleicht. Ihm Titel nehmen und Anstellungen. Und den Mantel. Fast alles könnte man tauschen, ihn: Um nichts in der Welt.

Wozu Journalisten?

Wir brauchen keine Journalisten.

Wir brauchen gute Journalisten.

Solche, die es versuchen.