Wortschatz im Vergleich Hip-Hop schlägt Shakespeare

Die Rapper P. Diddy und Snoop Dogg bei den American Music Awards 2002.

(Foto: REUTERS)

Snoop Dogg, 2Pac und William Shakespeare: Ein US-Programmierer hat die Texte von 85 Rappern auf deren Wortvielfalt untersucht, dazu die des englischen Dramatikers. Das Ergebnis dürfte vor allem Fans klassischer englischer Literatur erschüttern.

Von Ines Alwardt

Harold Bloom hat mit Hip-Hop eigentlich nicht viel zu tun. Der Amerikaner gehört zu den bekanntesten Literaturwissenschaftlern der Gegenwart, am liebsten beschäftigt er sich mit William Shakespeare. "Shakespeare ist es, der uns erfunden hat", sagt Bloom, er ist nicht nur ein Shakespeare-Spezialist, sondern auch einer seiner größten Bewunderer. Genau deshalb dürfte Harold Bloom sich in diesen Tagen richtig ärgern. Über Rapper wie 2Pac, Aesop Rock, RZA. Und über Matt Daniels.

Der New Yorker Programmierer, der sich selbst auf seiner Homepage als Datenwissenschaftler bezeichnet, hat ein besonderes Faible für Hip-Hop-Sprache. Er hat schon die zahlreichen Bedeutungen des Wortes "Shorty" (zu deutsch: eine sexy Frau) in Songtexten analysiert und den Slang des amerikanischen Hip-Hop-Duos Outkast. Jetzt hat Daniels die Texte von 85 bekannten Rappern untersucht, um genau zu sein: 35 000 Wörter ihrer Liedtexte. In seiner Analyse "The Largest Vocabulary in Hip Hop" hat er herausgefunden, wie viele eigene Wörter die Künstler verwenden: dazu zählen komplett neue Wortschöpfungen, zusammengesetzte Wörter aber auch Slang-Wörter. Hip-Hop-Fans dürften sich über das Ergebnis freuen.

An der Spitze der Skala steht der New Yorker Rapper Aesop Rock mit knapp 7400 eigenen Wörtern. In der Szene ist er bekannt für eine ausschweifende Metaphorik in seinen Texten. Etwa drei bis fünf Alben jedes Künstlers hat Daniels ausgewertet, so manches Resultat überrascht: 50 Cent zum Beispiel, der einst von Eminem und Dr. Dre entdeckt wurde und mehrere Millionen Platten verkauft hat, krebst mit nur 3591 Wörtern als einer der vier schlechtesten Rapper am Ende der Skala herum. Auch so erfolgreiche Größen wie 2Pac, Run-D.M.C. und Snoop Dogg schaffen es nicht über die 4000er-Marke.

Im Battle würde Shakespeare es nicht mal unter die ersten zehn schaffen

Als Vergleich zog Daniels Texte von William Shakespeare heran, weil der englische Dramatiker als besonders wortschöpfend gilt. Er soll in seinen Stücken insgesamt etwa 28 829 verschiedene Wörter genutzt haben, wovon 12 493 jeweils nur einmal vorgekommen sein sollen. Wie Daniels in seiner Analyse jetzt feststellte, ist das jedoch nichts im Vergleich zu dem Sprachschatz der heutigen Hip-Hop-Künstler. Im Battle gegen die Rapper würde der Dramatiker es nicht mal unter die ersten zehn schaffen. Dabei können seine Verse verdächtig nach Untergrund-Rap klingen.

Sonett oder Rap-Reim - wer hat's gedichtet?

Er war seiner Zeit weit voraus: William Shakespeare schrieb schon im 16. Jahrhundert Verse, die verdächtig nach Untergrund-Rap klingen. Testen Sie Ihr Wissen zum 400. Todestag. mehr ...

Daniels hat für seine Untersuchung die jeweils ersten 5000 Wörter aus sieben verschiedenen Shakespeare-Werken analysiert, also ebenfalls eine Gesamtsumme von 35 000 Wörtern. Der Schriftsteller kommt laut Daniels Statistik auf 5170 eigene Wörter, womit er weit hinter Rappern wie Killah Priest, Ghostface Killah oder dem Wu-Tang Clan zurückbleibt und in etwa gleichauf mit dem Hip-Hop-Duo Outkast liegt, dicht gefolgt von den Beastie Boys. Vor ihnen liegt einer, der zumindest von der Profession her eher mit Shakespeare vergleichbar ist: Hermann Melville. Der amerikanische Schriftsteller und Dichter verwendet in den ersten 35 000 Wörtern seines Romans "Moby Dick" knapp über 6000 individuelle Wörter - fast 1000 mehr als Shakespeare selbst.

Pims, pimp, pimping oder pimpin

Muss der Literaturwissenschaftler und Shakespeare-Fan Harold Bloom nun also sein Urteil über den englischen Dramatiker revidieren? Wohl kaum.

Matt Daniels nutzte für die Untersuchung eine Methode namens token analysis, die für ihn die Sprache der Künstler analysiert. Jedes Wort wird dabei nur einmal gezählt: Pimps, pimp, pimping oder auch pimpin gelten zum Beispiel als vier verschiedene Wörter, auch wenn sie dasselbe bedeuten und nur in unterschiedlichen Slangs gesprochen werden. Den Slang machen sich viele Rapper zunutze. E-40 zum Beispiel gilt als einer seiner Erfinder.

Outkast hingegen sind für ihre Kofferwörter bekannt. Das sind Kunstwörter wie zum Beispiel "Teuro", die aus zwei zusammengesetzten Wortteilen bestehen und einen neuen eigenen Sinn ergeben. Typisch für Outkast ist auch, dass sie ihre Sprache in ihren Texten dehnen.

In Shakespeares Dramen ist das nicht zu finden. Aber vielleicht wäre das ja schon eine Idee für das nächste Forschungsthema: Daniels könnte eine Analyse wagen. Darüber, wie Shakespeares Werke heute klingen würden, hätte es im 16. Jahrhundert schon Hip-Hop gegeben.