Woody Allens neuer Film "Midnight in Paris" Poesie des Mirakels

Wenn sich Wunschträume entfalten: In seinem neuen Film "Midnight in Paris" nimmt Woody Allen die Zuschauer mit auf eine frappierende Zeitreise in die zwanziger Jahre. Seine Botschaft ist klar: Wünsche dich nicht zurück in eine vermeintlich bessere Vergangenheit, ergreife die Chancen der Gegenwart. Doch diesem Rat will man gar nicht so gerne folgen.

Von Rainer Gansera

Alles, was du tun musst, ist, einen wahren Satz schreiben!", sagt Ernest Hemingway. Gil (Owen Wilson) hat Rat dringend nötig. Er ist erfolgreicher Drehbuchschreiber in Hollywood und hat als solcher noch keinen einzigen wahren Satz geschrieben. Er will aber ein "richtiger" Schriftsteller werden, doch mit seinem Roman steckt er in einer Schreibblockade.

Glücklicherweise begegnet ihm Hemingway, der ihm auch noch erläutert, wie er ein "richtiger" Mann werden kann. Auch die rührige Gertrude Stein ist zur Stelle, um sein Manuskript zu begutachten. Gil trifft Cocteau, Dalí, plaudert mit Buñuel, verliebt sich in Picassos Muse Adriana (bezaubernd: Marion Cotillard) - reichlich Inspiration für den Schriftsteller-Aspiranten.

Woody Allens neue Komödie - sein 42. Spielfilm und bislang größter Kassenerfolg in den USA - tagträumt die herrlichste Wunschphantasie. Mit Witz, Eleganz und, ähnlich wie bei "Purple Rose of Cairo", mit der erstaunlichsten Selbstverständlichkeit entwirft Allen sein künstlerisches Wunschweltszenario. Auf den Spuren seines Alter Ego Gil entführt er uns in jenes Paris der Zwanziger, das Hemingway als "Fest fürs Leben" feierte.

Zum Auftakt in der Jetztzeit blättert er ein Paris-Panorama mit Postkartenbildern auf: Eiffelturm, Arc de Triomphe, Sacré-Cœur. Gar nicht impressionistisch-hurtig werden die Klischeebilder gereiht, sondern mit einer obstinaten Langsamkeit, die darauf wartet, dass sich Wiedererkennung in einem Ironie-Echo spiegeln kann. So funktioniert Woody Allens Witz: Er arbeitet nicht mit Klischees, sondern spielt mit ihnen, schickt sie durchs bunte Prisma der Ironie.

Auch bei der Figurenzeichnung, für die er hier die Misanthropie seiner letzten Filme deutlich bezähmt hat. Alle seine Figuren könnten, wie einst der Stadtneurotiker Alvy, ausrufen: "Ich liebe es, auf ein kulturelles Stereotyp reduziert zu werden!"

Amouröse Verwicklungen Rodins

Gil: der smarte Hollywoodschreiber und Möchtegern-Schriftsteller. Seine Verlobte Inez (Rachel McAdams): verwöhnte, oberflächliche Tochter aus reichem Elternhaus. Die beiden befinden sich mit Inez' Eltern auf einem Paris-Trip, residieren in einem Luxushotel und stellen verwirrt fest, dass ihre kulturellen Präferenzen doch arg divergieren.

Gil liebt es, im Regen zu flanieren. Paris im Regen: Das ist für ihn Poesie. Für Inez ist der Regen ärgerliche Prosa, hinderlich bei Besichtigungstouren und beim Shoppen. Gils Schwiegereltern: erzkonservative Tea-Party-Republikaner, die sich in abfälligen Reden über französische Politik und Kultur ergehen. Spottfiguren wie aus liberalen Polit-Cartoons. Die ätzendste Karikatur: ein Bekannter von Inez, der sich als eitler Kultur-Connaisseur aufspielt. Er belehrt sogar die Führerin im Rodin-Museum (Präsidenten-Gattin Carla Bruni-Sarkozy in einer hübschen, bescheidenen Gastrolle) über die amourösen Verwicklungen Rodins.

Gil hat die Nase voll von all dem Banausentum, streift nachts allein durch die Gassen und wird durch ein Mirakel belohnt. Es taucht ein mysteriöser Oldtimer auf, dessen beschwipste Insassen ihn zur Mitfahrt einladen. Gil steigt ein und wähnt sich auf dem Weg zu einer Zwanziger-Jahre-Kostümparty - bis er in einem Salon Zelda und Scott Fitzgerald kennenlernt. Cole Porter sitzt am Piano.

Am nächsten Abend dieselbe wundersame Zeitreise, und erst jetzt lässt uns Woody Allen entdecken, dass der Oldtimer zur Überfahrt in die legendäre Künstlerclique der Zwanziger exakt um Mitternacht erscheint. Erst jetzt lässt er den Glockenschlag zur Geisterstunde hören. Wir sind bereit, in die Halluzination wie in eine Realität einzutauchen. Der Kreis der Bekanntschaften weitet sich, wunderbar wie Adrien Brody alias Dalí eine Rhinozerus-Vision beschwört. Adriana träumt von einem Leben in der Belle Époque - und schon findet sich Gil mit ihr in einem Moulin-Rouge-Schuppen wieder, wo Toulouse-Lautrec und Degas zur Konversation bereitstehen.

Die Botschaft ist klar: Wünsche dich nicht zurück in eine vermeintlich bessere, glänzendere Vergangenheit, ergreife die Chancen der Gegenwart. Das Verrückte ist nur, dass man dieser einsichtigen Botschaft gar nicht so gerne folgen will. Es ist müßig, darüber zu räsonnieren, ob und inwieweit "Midnight in Paris" den Realitäten der Zwanziger oder des Jetzt gerecht werde. Es geht um die Entfaltung eines Wunschtraums - und um das Vergnügen, ihn als solchen zu durchstreifen.

MIDNIGHT IN PARIS, Spanien/USA 2011 - Regie, Buch: Woody Allen: Kamera: Darius Khondij. Mit: Owen Wilson, Rachel McAdams, Kathy Bates, Michael Sheen, Adrien Brody, Marion Cotillard, Carla Bruni. Concorde, 94 Minuten.

First Actress

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