Brodelnde Megacity oder ein Paris des 20. Jahrhunderts? Der Aufschrei um den Bau eines neuen Wolkenkratzers zeugt von einem Konflikt um das Selbstverständnis der Stadt New York.
Das Empire State Building ist keine Kathedrale, und 15 Penn Plaza, ein Wolkenkratzer, dessen Bau der New Yorker Stadtrat am Mittwoch genehmigt hat, ist keine Moschee. Aber der Streit der sich in New York um diesen Büroturm entzündet hat, ähnelt dem Kulturkampf, den die wahlkämpfenden Republikaner anlässlich des Moscheeprojekts nahe Ground Zero angezettelt haben.
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Darf es ein Gebäude geben, das fast so hoch ist wie das Empire State Building? Der Streit, der sich in New York um einen Büroturm entzündet hat, ähnelt dem Kulturkampf, den die wahlkämpfenden Republikaner anlässlich des Moscheeprojekts nahe Ground Zero angezettelt haben. (© Reuters)
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Wenige hundert Meter vom Empire State Building, dem 1931 fertig gestellten, mit 380 Metern höchsten Gebäude der Stadt, will ein Baukonzern ein von César Pelli und seinem Sohn Rafael entworfenes Bürohaus bauen, das nur zehn Meter niedriger ist als der Nachbar. Bei der Stadt ist man entzückt darüber: Das Projekt wäre ein Hoffnungssignal für die unter der Rezession ächzende Stadt. Der auf drei Milliarden Dollar geschätzte Bau würde jahrelang Tausende beschäftigen. Außerdem würde der Turm die abgetakelte Gegend um die Penn Station aufwerten. Reibungslos segelte das Projekt durch die Instanzen.
Doch der Aufschrei, den es um dieses und andere Projekte in New York gegeben hat, zeugt von einem Konflikt um das Selbstverständnis der Stadt: Ist New York noch die brodelnde, himmelsstürmende Megacity im ewigen Werden oder eher ein Paris des 20. Jahrhunderts, das die Monumente seiner früheren Ambitionen hütet, als stünden sie bereits auf der Liste des Weltkulturerbes?
In den vergangenen Jahren dominierte eindeutig letztere Haltung. Wie in vielen westlichen Großstädten ging auch in New York in den frühen siebziger Jahren eine Ära des aggressiven Abreißens und Bauens zu Ende. Der Abriss der alten Pennsylvania Station 1963 gilt als eine der größten Sünden der Stadtgeschichte. Das Umpflügen von SoHo zugunsten einer Stadtautobahn konnte nur knapp verhindert werden. Die Zerstörung des World Trade Centers - obwohl auch dieses einst als Monstrosität verurteilt wurde - hat die Sensibilität zusätzlich erhöht.
Nun, da das Empire State Building wieder das höchste Gebäude der Stadt ist, klammert sich ein großer Teil der Bevölkerung daran wie King Kong. Die Rede ist dabei immer von New Yorks "ikonischer Skyline", die erhalten werden müsse. Tatsächlich formt das steil aufragende Hochhausgebirge an der Südspitze Manhattans und das Hochplateau in Midtown mit dem Empire State Building als einsamem Vierhunderter eine schöne Silhouette. Doch diese Formationen haben sich innerhalb der groben New Yorker Bauvorschriften weitgehend nach den Gesetzen des Marktes ergeben. Kein Renaissance-Fürst war im Spiel. Warum sollten diese Gesetze zumindest in New York nicht weiterhin gelten, solange keine wirklich besseren vorhanden sind?
Wie bei den Hochhausdebatten in den meisten Städten der Welt geht es auch in New York in Wahrheit weniger um ästhetische als um symbolische Fragen: Solange es das altvertraute Empire State Building ist, das da morgens vom Himmel grüßt, fühlen sich viele der von ihrer Stadt chronisch überforderten New Yorker einigermaßen sicher, auch diesen Tag noch durchzustehen. Doch wird diese Grenze einmal durchstoßen, so scheinen viele zu fürchten, wird ihnen ihre eigene Stadt fremd werden. Statt in den Himmel weist das höchste Gebäude versichernd nach unten.
Wie sakrosankt diese gläserne Decke über New York ist, das hat zuletzt der Architekt Jean Nouvel erfahren. Für ein nur 1600 Quadratmeter großes Grundstück direkt neben dem Museum of Modern Art plante er einen nach oben zulaufenden 380 Meter hohen Wolkenkratzer, der genau die ikonischen Qualitäten besaß, die man an New Yorks neueren Hochhäusern so oft vermisst. Doch weil Nouvels "Tower Verre" gleich hoch war wie das Empire State Building (ohne Mast!), wurde sein Entwurf so lange zerpflückt, bis der Developer Nouvel bat, seinen Turm um sechzig Meter zu kürzen. "Es ist überraschend, dass nun auch New York Angst vor Vertikalität hat", sagte Nouvel damals bitter. "Man kann eine Stadt nicht nur erhalten. Man muss sie auch erschaffen."
Die New York Times begründete ihre Ablehnung von 15 Penn Plaza vor allem mit dem Hinweis auf dessen klotzige und monotone Form. Der Einwand ist berechtigt. Doch die Hoffnung, eine öffentliche Debatte könne die Architektur eines solchen Projekts verschönern, hat sich schon an Ground Zero als Trugschluss erwiesen. Wie bei Nouvels Turm stehen am Ende solcher Prozesse meist Gebäude, die plumper und ängstlicher aussehen als ihre ursprünglichen Entwürfe. Nicht ein paar superhohe Wolkenkratzer sind das Problem, sondern die Armeen mittelhoher Renditeobjekte. Es ist symptomatisch, dass diese Debatte in New York um so leidenschaftlicher geführt wird, desto weniger tatsächlich gebaut wird. In China allein sind zur Zeit sechs mehr als 400 Meter hohe Wolkenkratzer im Bau. In New York hingegen tut sich im Vergleich dazu wenig. Da sind die vier Türme, die im Schneckentempo aus Ground Zero kriechen, der 300 Meter hohe Hotel- und Apartmentturm "Carnegie 57" von Christian de Portzamparc. Aber sonst beschränkt man sich darauf, die kleinen, in den Boomjahren angefangenen Luxusprojekte fertigzustellen. Nicht nur für den Tower Verre fehlt wohl noch auf Jahre das Geld, sondern auch für 15 Penn Plaza.JÖRG HÄNTZSCHEL
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(SZ vom 27.08.2010/kar)
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