Woher kommt der Retro-Trend? Meine Musik, deine Musik

Mit dem Aufkommen des Internets hat sich die Popmusik atomisiert, der Mainstream löst sich in tausend kleine Nischen auf. Und im Radio laufen nur noch Retro-Nummern. Warum?

Von Klaus Walter

Je schneller, billiger und unkomplizierter wir auf Popmusik zugreifen können, desto mehr verbreitet sich die Retromania, die Sucht nach dem alten Pop, überhaupt nach allem, was wir schon kennen. Der britische Autor Simon Reynolds hat die neue Zivilisationskrankheit diagnostiziert und mit dem gleichnamigen Buch den aktuellen Diskurshit gelandet. Tatsächlich entsteht auch 2011 fabelhaft tolle, welthaltige Jetztmusik, allerdings hört diese Musik kaum noch jemand. Rustie? Shabbazz Palaces? Peaking Lights? Die 99 Prozent der Hörer, die gerade nicht in der jeweiligen Spezialnische hausen, werden von diesen Künstlern vermutlich noch nie etwas gehört haben.

Die pluralistisch und tolerant daherkommende Redensart von "meiner Musik" und "deiner Musik" ist mit dem Siegeszug des Privatradios in die Umgangssprache eingesickert. Die besitzanzeigenden Fürwörter zeigen an, dass über Geschmack oder gar Relevanz in Musikfragen nicht mehr diskutiert werden kann. Reine Privatsache.

Die neue Musik der Gegenwart" diagnostizierte Jens-Christian Rabe an dieser Stelle zur Retromania, könne "nicht mehr in gleichem Umfang wie frühere Pop-Innovationen zu echten Massenphänomenen werden. Was, wenn sich mit dem Internet der Modus der Begegnung mit Kulturprodukten schlechthin verändert hat?" Ja, der Modus hat sich verändert, schlechthin - und auch irgendwie zum Schlechteren. Jedenfalls haben wir noch keinen Weg gefunden, mit Reichtum und Vielfalt neuer Kulturproduktion anders umzugehen, als in die Vergangenheit zu flüchten. In eine Zeit, da die Antwort auf die Frage Beatles oder Stones noch über Lebenswege entscheiden konnte. Eine Ton-Steine-Scherben-Zeit, als man noch wusste, wo rechts und wo links ist, wo der Feind steht, und was man kaputt machen muss, um nicht selbst kaputt gemacht zu werden.

40 Jahre später stirbt Franz-Josef Degenhardt pünktlich zu Wolf Biermanns 75. Geburtstag. Kurz darauf Georg Kreisler und Ludwig Hirsch, und das Gejammer darüber, wo der Protestsong geblieben sei, ist groß. Keiner, der jammert, kennt Gustav oder die Goldenen Zitronen, wahrscheinlich nicht mal Blumfeld. Die retromanische Beschwörung der guten alten Zeiten ist auch ein Resultat der Legitimationskrise der Massenmedien. Um wirksam zu sein, muss ein Song zum Massenphänomen werden. Er muss in der Luft liegen, in the air, er braucht Airplay, Sendezeit. Auch ausgewiesene Linke wie Degenhardt, sogar Ton, Steine, Scherben liefen zu ihrer Zeit regelmäßig im Radio, am helllichten Tag! Biermann sowieso. Nach seiner Ausbürgerung übertrug die ARD im November 1976 sein Kölner Konzert in voller Länge. Fast vier Stunden Biermann zur besten Sendezeit! Vergleichbares wäre heute undenkbar.

Mit dem Internet hat sich die Popmusik atomisiert, der Mainstream hat sich aufgelöst in tausend kleine Nischen. Selbst Spezialisten verlieren den Überblick bei all den Sub-Trends, die einander immer schneller ablösen: Wonky? Hypnagogic Pop? Chillwave? Witch House? Progstep? Politische Musik ist längst zum "Preaching to the converted" verkommen, gepredigt wird nur zu denen, die ohnehin schon überzeugt sind. "Einen bekannten Song im Radio zu hören und ihn mitzusingen - das ist eine Art, Kontinuität in einer immer chaotischeren Welt zu finden." Diesen Befund des amerikanischen Schriftstellers Jerry Oster haben sich die meisten deutschen Massenmedien sehr zu Herzen genommen und das unbekannte Neue aus ihren Programmen weitgehend verbannt.

Retromania ist ein Schutzschild, ein Akt der Verteidigung der eigenen Vergangenheit vor der viel zu komplizierten Gegenwart. Mitverteidigt werden Kulturtechniken. Der Weg zum Plattenladen des Vertrauens, der Austausch mit Gleichgesinnten, die fachkundige Beratung des Verkäufers, schließlich der Erwerb einiger Vinyl-Schallplatten, dazu vielleicht noch ein aufwendig gestaltetes Box-Set mit DVD-Beilage und 120-Seiten-Booklet. Da lässt sich Geschichte dann mit Händen greifen. Retromania, das verspricht Haptik, Optik, Konkretion, Selbstvergewisserung. Und Zeit! Die ausgiebige Beschäftigung mit sorgfältig aufbereiteten historischen Dokumenten erfordert Muße, die Entscheidung für derartigen Retrokonsum ist auch ein Akt der Entschleunigung, man hält die Zeit fest.

Musikkonsum im Netz dagegen ist für viele eine schmerzhaft spürbare Zeitverschwendung, jede Sekunde Lebenszeit rinnt im Balken sichtbar dahin. Apropos Lebenszeit: Im Zuge der Retromania wird die Popgeschichte einer kuriosen Revision unterzogen. Bands wie Sonic Youth oder die Pixies, die zu ihrer Hochzeit in den späten Achtzigern in alternativen Jugendzentren vor 80 Leuten spielten, führen heute in großen Sälen ihre als Meisterwerke kanonisierten Alben werktreu von A bis Z auf und geben 4000 Menschen den Glauben an den gerechten Rockgott zurück.

Alben wie "Daydream Nation" von Sonic Youth oder "Surfer Rosa" von den Pixies, auch entstanden aus Launen der Mode und der Kontingenz des Augenblicks, werden im Modus der nachholenden Nobilitierung zu Klassikern erklärt und ein Vierteljahrhundert nach ihrer Veröffentlichung mit Platin aufgewogen. Diese positive Geschichtsklitterung beweise, "wie sehr aus populärer Musik Kunst geworden ist", hat Diedrich Diederichsen in diesem Feuilleton konstatiert. Kunst im Werkformat "Album", das übrigens genau in dem Moment ausstirbt, in dem die populäre Musik des späten 20. Jahrhunderts kanonisiert und verklassikt wird.

Jetzt singen die auch noch

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