Unübersehbar hat Oda Jaune mit der Übersiedelung nach Paris ein neues Leben begonnen. Das zeigen vor allem die von ihr gezeigten Bilder. Diese würden, wie sie sogleich betont, nicht geträumte Visionen oder Phantasien wiedergeben, sondern seien Kompositionen, die sich unter einem sehr wachen Schaffensprozess von selbst einstellten.

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Der Mann als unförmige Unperson: Ein Werk von Oda Jaune, die mit ihren leicht surrealistischen Bildern manch Kritiker-Häme einstecken muss und viele Kunstsammler begeistert. (© Foto: Courtesy of the artist, Galerie Daniel Templon, Paris)

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Den ersten Anstoß zu einem Bild liefere ihr eine Idee, ein Gedanke oder auch ein Bildmotiv, das sie in einer Fotografie entdeckt. Vor allem die riesige Fülle von Fotografien, die ins Internet gestellt werden, werte sie für ihre Arbeit aus. Allerdings lasse sie unter dem Prozess des Malens ihren eigenen bildnerischen Vorstellungen freien Lauf. Oft auch kombiniere sie unterschiedliche Motive miteinander, verzerre diese und füge sie zu einem neuen Zusammenhang zusammen. Aber das sei ein schöpferischer Vorgang, den man nicht erklären könne.

Konsequent verzichtet Oda Jaune darauf, ihren Werken Titel zu geben. Sie sagt, das sei überflüssig, denn der Betrachter sehe ja, was das Bild zeige. Was aber zeigen ihre Bilder? Oft sind es grotesk verstümmelte, bisweilen völlig gesichtslose Menschen, die manchmal auch nur auf einige Gliedmaßen oder Organe reduziert sind. Bis auf wenige Ausnahmen muten alle ihre Werke wie Episoden aus Albträumen an.

Einfach nur schön?

Oda Jaune widerspricht dieser Interpretation, denn ihre Bilder seien an der Oberfläche einfach nur schön. Ob man sie als bedrohlich oder grausig erlebe, hänge allein von einem selber ab. Sie empfinde im übrigen etwas als schön, das sie immer wieder anschauen möchte. Deshalb male sie auch stets nur Motive, an denen sie sich nicht sattsehen könne. Mit dem Rot von Blut etwa verbinde man immer Schmerz und Verletzung. Für sie gebe es nichts Schöneres als ein tiefes, samtiges Blutrot.

Manche grausigen, bisweilen auch grotesk-witzigen Bildeinfälle der Oda Jaune erfasst man oft erst beim zweiten Hinschauen. Da ist zum Beispiel die Hündin, die auf ein Sofa gelagert ihre Welpen säugt. Abgründig wird dieses Motiv erst, sobald man das Bild im Bild gewahrt: An der Wand hinter dem Sofa hängt ein Bild, das den auf einen Fleischwurstring reduzierten Körper eines Mannes zeigt, der in einer Lederhose steckt. Oder auch das Paar beim Liebesspiel auf einer Bank: Seine rechte Hand ist in ihre Bluse geschoben, während ihre Rechte auf seinem Oberschenkel liegt. Das Gesicht des Mannes ist nur eine unförmige Masse, die von der Frau geküsst wird.

Die Kunstkritikerin Catherine Millet schreibt in ihrem Vorwort zu dem Ausstellungskatalog, dass der Betrachter Abstand gewinnen müsse, um das Monströse zu gewahren, das auf Oda Jaunes Bildern die vordergründige Harmonie und Idyllik zerbricht. Eben das ist es auch, was diese Werke von jenen der Surrealisten unterscheidet, mit denen sie bisweilen in Beziehung gebracht werden. Ihre Botschaft eines albtraumhaften Grauens tritt einem in der Banalität des vermeintlich Alltäglichen entgegen - und das scheint dem französischen Publikum zu gefallen.

Die Hälfte der gezeigten zwölf Ölgemälde, darunter das Paar auf der Bank, waren bei Eröffnung der Ausstellung schon verkauft. In Paris, so scheint es, findet die Witwe Oda Jaune Anerkennung als Künstlerin.

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(SZ vom 2.3.2009/rus)