"Wir sind die Neuen" im Kino Jungspießer gegen Althippies

Heiner Lauterbach (links) und Gisela Schneeberger in "Wir sind die Neuen".

(Foto: X-Verleih)

In der Generationen-Komödie "Wir sind die Neuen" zieht eine feiersüchtige Senioren-WG um Gisela Schneeberger und Heiner Lauterbach über ein paar gestressten Studenten ein. Es entspinnt sich ein sehr unterhaltsamer Clash der Generationen.

Von Martina Knoben

Von einem kleinen Spalt im Raum-Zeit-Kontinuum ist einmal die Rede, einem Spalt, der einen Blick gleichzeitig in die Vergangenheit und in die Zukunft ermögliche. Tatsächlich ist dieser Spalt so groß wie die Leinwand, auf die Ralf Westhoffs Generationenkomödie projiziert wird. Eine Komödie, die das Jungsein heute und das Jungsein vor vierzig Jahren skizziert und die Veränderungen dazwischen, in dem er eine Senioren- und eine Studenten-WG im selben Mietshaus einquartiert.

Die "Neuen", das sind die Alten: Anne (Gisela Schneeberger), Johannes (Michael Wittenborn) und Eddie (Heiner Lauterbach), alle um die sechzig, die - aus Armut oder Einsamkeit - ihre alte Studenten-WG aufleben lassen und noch einmal zusammenziehen. Freundlich stellen sich die drei den Studenten vor, die im Stockwerk über ihnen wohnen - und treffen auf drei jugendliche Spießer, die sich jede Ruhestörung der feiernden Alt-Hippies verbitten und die Reinigung des Treppenhauses anmahnen. Das ist der Clash der Generationen.

Der Demografie entsprechend

Ralf Westhoff, der schon mit "Shoppen" (2006) über das Phänomen des Speed-Datings und der Beziehungskomödie "Der letzte schöne Herbsttag" (2010) sein Gespür für die Schwingungen des Zeitgeistes bewiesen hat, schlägt sich dabei auf die Seite der Alten - der demografische Wandel gibt ihm ja auch recht. Die Alten sind nicht mehr alt, nur weil sie über sechzig sind, und sie machen mittlerweile auch einen immer größeren Anteil der Kinozuschauer aus. Da kommt aus Produzentensicht ein Film mit einem freundlich-selbstironischen Blick auf diese Zielgruppe gerade recht.

Anne, Johannes und Eddie starten mit vielen Sympathiepunkten, auch weil man die Schauspieler kennt. Vor allem die langjährige Gerhard-Polt-Partnerin Gisela Schneeberger, die auch Erzählerin der Geschichte ist, nimmt uns für diese Relikte aus den idealistischen Sechzigern und Siebzigern ein. Wenn sie fröhlich lärmend einziehen, zu viel Wein trinken oder im Club eine Nacht durchtanzen, wirken sie deutlich jugendlicher als die durch Lernstress und Optimierungszwang früh verspießten, völlig verkrampften Jungstudenten. Katharina (Claudia Eisinger), Barbara (Karoline Schuch) und Thorsten (Patrick Güldenberg) sind grelle Karikaturen der Jura- und BWL-Generation: stromlinienförmig, tough an der eigenen Karriere bastelnd, dabei in Alltagsdingen lebensuntüchtig bis zur Zwangsneurose.

Thorsten zum Beispiel fotografiert den Herd mit seinem Smartphone, um jederzeit checken zu können, ob er ihn wirklich ausgemacht hat. Da haben es auch die - recht talentierten - Nachwuchsschauspieler schwer, Zwischentöne herauszuspielen und beim Zuschauer zu punkten. Ob Westhoff das im Blick hatte - dass die verkrampfte Strampelei der Jungen auch etwas rührend Verzweifeltes an sich hat? Dass die moralische Überlegenheit, die die Alten ausspielen, vielleicht auch Sympathien für diese auf den ersten Blick komplett unsympathische Generation generiert?

"Wir sind keine Gleichgesinnten", sagt Barbara einmal. "Wir sind die Ablösung." Ein Frontalangriff auf die Alten, die alle Positionen besetzen, und selbst das Jugendlichsein nun für sich reklamieren. Westhoff streift eine ganze Reihe gesellschaftlich virulenter Themen: den immens gestiegenen Leistungsdruck in unserem Bildungssystem etwa, das neue Bild vom Alter als weiterem Abschnitt in einem Konsum- und Spaßleben. Auch die hohen Mieten in einer Stadt wie München kommen zur Sprache, die etwa der ehemaligen Biologin Anne nicht mehr erlauben, eine Wohnung alleine zu mieten.

Ironie und Folklore

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Während die Jungen bunt gestylte Abziehbilder ergeben, werden die Alt-68er von Westhoff (selbst Jahrgang 1969) liebevoller inszeniert. Anne ist eine vor Lebendigkeit sprühende, herzensgute Frau, der man immer noch ansieht, dass sie die Männer früher verrückt gemacht hat ("immer ohne BH!"). Johannes ist ein intellektueller Softie, als Rechtsanwalt hat er Klienten vertreten, die sich eigentlich keinen Anwalt leisten konnten. Schon in seiner Jugend war er das Gegenteil von Eddie, dem Draufgänger mit Sponti-Aggressionspotenzial, dem Heiner Lauterbach virilen Charme verleiht. Bei den Frauen kam Eddie immer gut an, aber sein Körper macht mittlerweile nicht mehr so mit. Für die Selbstironie, mit der Lauterbach, aber auch Wittenborn ihre Rollen angehen, muss man die beiden Darsteller bewundern.

Westhoff hat ihnen brillante Dialoge geschrieben - aber auch den Jungen. "By the way, wenn ihr damals ein bisschen flotter gewesen wärt, dann müssten wir heute nicht über Regelstudienzeiten und Studiengebühren diskutieren", sagt Thorsten - Treffer, versenkt. Er beherrscht die seltene Begabung, Dialoge glaubwürdig wirken zu lassen und sie gleichzeitig komisch zuspitzen zu können. Dass "Wir sind die Neuen" visuell nicht viel hergibt, fällt bei diesen Dialogen beinahe nicht auf.

Die aufgesetzte Lebenslust der drei Alten ist selbstverständlich auch der Versuch, eine natürliche Entwicklung zu ignorieren, vielleicht ja umzukehren. Westhoff weiß, wohin für die Alten die Reise geht, aber wir sind schließlich in einer Komödie, in der nicht die Gebrechen der Senioren im Mittelpunkt stehen, sondern schließlich die Annäherung, vielleicht sogar Versöhnung von Jung und Alt. Die Idee eines Generationenhauses wird im Film gewissermaßen ausprobiert. Die Alten, die naturgemäß mehr Zeit haben, ein paar Lebenserfahrungen mehr und auch besser kochen können, helfen schließlich den schwer bedürftigen Jungen; dafür gibt's einen Styling-Tipp für Johannes und Hilfe beim Internet-Auftritt. Alles bestens also - oder doch nicht? Westhoff ist klug genug, die Zeit in einem guten Moment einfach mal anzuhalten.

Wir sind die Neuen, D 2014 - Regie, Buch: Ralf Westhoff. Kamera: Ian Blumers. Schnitt: Uli Schön. Musik: Oliver Thiede. Mit: Gisela Schneeberger, Heiner Lauterbach, Michael Wittenborn, Claudia Eisinger, Karoline Schuch, Patrick Güldenberg, Julia Koschitz. X-Verleih, 91 Minuten.