Pierre Brice ist tot Ein Leben als Winnetou

Pierre Brice (Archivbild aus dem Jahr 2008) starb im Alter von 86 Jahren.

(Foto: imago stock&people)

Der ehrenwerte Indianer war seine Paraderolle, er wurde sie nie mehr los. Jetzt ist Pierre Brice im Alter von 86 Jahren gestorben. Der Durchbruch gelang ihm einst durch Zufall.

Nachruf von Melanie Staudinger

"Winnetou hat meine Karriere ruiniert", sagte Pierre Brice 2009 der Zeitschrift Bunte. 2011 sprach er wiederum im Zeit-Magazin vom "Glück, eine solche Rolle zu spielen". Er sei damit "das Medium eines Traumes für mehrere Generationen geworden."

Vielleicht ist es nach einem solchen Schauspielerleben normal, hin- und hergerissen zu sein. Pierre Brice war Winnetou und Winnetou war Pierre Brice. Von 1962 bis 1968 spielte der französische Schauspieler die Rolle des ehrenwerten Apachen-Häuptlings in insgesamt elf Karl-May-Verfilmungen, viele davon an der Seite des US-Amerikaners Lex Barker als "Old Shatterhand" und drei mit Stewart Granger als "Old Surehand". Neben zahlreichen Filmrollen in den Siebziger- und Achtzigerjahren verkörperte er bei den Karl-May-Festspielen auf der Freilichtbühne in Elspe im Sauerland den Winnetou und begeisterte damit Zehntausende.

Wie aus dem Schreibmaschinen-Vertreter der Häuptling wurde

Auch wenn der Schauspieler in den Fünfzigerjahren in durchaus anspruchsvollen Stücken von Tschechow sowie in Bühnenfassungen Hugos und Tolstois auftrat, war Brice kein rascher Durchbruch im Theater oder Film vergönnt. Stattdessen arbeitete er nebenbei noch als Schreibmaschinen-Vertreter, als Model für Werbung und Fotoromane sowie als Tänzer bei der Artistengruppe "Trio Gansser".

Der Durchbruch gelang ihm mit Winnetou - und wohl eher durch Zufall. 1962 war Brice zur "Berlinale" geladen. Dort fiel er Horst Wendlandt auf, der für die Verfilmung des Karl-May-Romans "Der Schatz im Silbersee" den Darsteller des Winnetou suchte. Nur auf Drängen seiner Agentin nahm Brice das Angebot an, zumal die Verfilmung die bis dahin kostspieligste bundesdeutsche Produktion war. Von Winnetou oder dem außerhalb Deutschlands kaum bekannten Karl May hatte er bis dahin nichts gehört.

Nach Ende der Karl-May-Reihe (1968) wurde der Schauspieler zwar weiter engagiert, vor allem in italienischen und französischen Spiel- und Fernsehfilmen, die aber allesamt nicht sehr in Erinnerung blieben.

Vom Häuptling zum Ritter

2007 wurde Brice in die französische Ehrenlegion aufgenommen, das ist die höchste Auszeichnung Frankreichs. In den Winnetou-Filmen half er seinem Freund Old Shatterhand und führte sein Volk. Auch im wirklichen Leben setzte er sich für sein Land ein. Als Mitglied der Résistance lieferte er im Zweiten Weltkrieg als Botenjunge Nachrichten ab. Später war er als freiwilliger Soldat in Nordafrika und Indochina. Brice zeigte sich gerührt über die "Anerkennung meines Landes Frankreich, dem ich unter Lebensgefahr gedient habe und das ich so liebe".

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Brice lebte zuletzt in Garmisch-Partenkirchen

Pierre Louis le Bris, wie der am 6. Februar 1929 geborene Adelsspross aus Brest mit vollem Namen hieß, zog vor zwei Jahren seiner deutschen Frau Hella Krekel zuliebe nach Garmisch-Partenkirchen, in die Nähe von München. "Meine ewigen Jagdgründe liegen in Deutschland. Wenn ich gehe, will ich, dass meine liebe Frau bei ihrer Familie ist. Ich will nicht, dass sie alleine ist", erklärte der 84-Jährige im Juni 2013, der zuvor in seinem Jagdschlösschen in der Nähe von Paris gelebt hatte.

Vor zwei Monaten noch freute Brice sich über die geplante Neuauflage der "Winnetou"-Filme, mitspielen wollte er aber nicht. Er hoffe, dass die Filme getragen werden von dem Geist Karl Mays, sagte er der Bild-Zeitung. Die Macher wünschten sich eigentlich, dass Brice in die Rolle von Winnetous Vater schlüpfe. Der reagierte laut Bild zurückhaltend: Er sei nicht begeistert von der Idee. Er fürchte, dies könnte seinen Erfolg konterkarieren.

Am Samstag ist Pierre Brice im Alter von 86 Jahren in Paris an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben.

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