Neuer Film von Wim Wenders Fürchterlichen Dingen wohnt ein Zauber inne

Kämpft mit dem Geschehenen: James Franco in "Every Thing Will Be Fine".

(Foto: dpa)

Plötzlich schießt ein kleiner Schlitten auf die Straße: Wim Wenders inszeniert in "Every Thing Will Be Fine" einen tödlichen Autounfall - mit einem grandiosen James Franco in der Hauptrolle.

Von Susan Vahabzadeh

Wie wird es, fragt man sich auf dem Weg ins Kino durch den Nieselregen, wohl aussehen, wenn Wim Wenders einen tödlichen Autounfall inszeniert? Darum, so viel war schon vorher klar, wird es gehen in "Every Thing Will Be Fine", um einen Mann, der Trauerarbeit an sich selbst leisten muss, nachdem er ein Kind überfahren hat. Und seien wir mal ehrlich: Irgendwas mit viel Blut und Schockeffekten würde sich nur mit Mühe in Wenders' Werk fügen.

Auf dem Schlitten muss ein zweites Kind gesessen haben

Wie bewältigt man ein Trauma, gibt es ein Rezept? Davon erzählt Wim Wenders' Film "Everything Will Be Fine". mehr ... Trailer

Andererseits zog es sich ja aber wie ein roter Faden durch diese Berlinale, dass die großen Filmemacher irgendwie nicht ganz sie selbst waren - Andreas Dresen macht in "Als wir träumten" coole Mätzchen, Werner Herzog hat für "Queen of the Desert" seine erste erotische Szene gedreht, Terrence Malick hat vor lauter Schnibbelei wohl vergessen, wovon sein "Knight of Cups" handeln soll. Und Wenders?

Der entführt uns in eine magische Welt, in der der Schnee alles rein und rund aussehen lässt. Der Schriftsteller Tomas (James Franco) wacht in einer Hütte auf am Anfang von "Every Thing Will Be Fine", neben einem bullernden Ofen, in Kanada, es ist Winter, draußen sitzen die Eisfischer. Nur zwei Seiten habe er geschrieben, erzählt er ihnen und einer von ihnen sagt: "You ain't writing and the fish ain't biting."

Als fände das alles im Inneren einer Schneekugel statt

Das ist so ein typischer poetischer Wenders-Kalauer - und da ist dann schon klar, dass Wenders ganz bei sich ist. Tomas fährt nun los, und die schicksalhafte Nacht, in die er sich hineinbewegt, untermalt von einem melancholischen, manchmal bedrohlich anschwellenden Score von Alexandre Desplat - die sieht so überirdisch schön aus, als fände sie im Inneren einer Schneekugel statt. Die Stimmung, die diesen Bildern innewohnt, setzt den Ton für "Every Thing Will Be Fine".

Denn der Film wird davon erzählen, dass den Menschen und der Welt, selbst dann, wenn ganz fürchterliche Dinge passieren, immer noch ein unzerstörbarer Zauber innewohnt. Wie bewältigt man ein Trauma, gibt es dafür ein Rezept? Es geht darum, wie auch ein schreckliches Ereignis einen Menschen zum Besseren formen kann, und wie schwer es ist, diesen unfairen Vorteil zu akzeptieren, sogar für ihn selbst.

Tomas will nach Hause, er will sich dort von seiner Frau (Rachel McAdams) trennen, eine Umleitung zwingt ihn auf eine einsame, tief verschneite Landstraße; irgendwo oberhalb liegt malerisch ein kleines, erleuchtetes Haus. Plötzlich schießt vom Schneewall neben der Straße ein kleiner Schlitten herunter, genau vor sein Auto. Er bremst, steigt aus, vor der Kühlerhaube sitzt ein kleiner verstörter, aber unversehrter Junge - und erst als er mit ihm zu dem Haus gegangen ist, ihn bei seiner Mutter Kate (Charlotte Gainsbourg) abgeliefert hat, begreift er, dass auf dem Schlitten ein zweites Kind gesessen haben muss.

Gleich haut sie ihm eine runter: Tomas (James Franco) begegnet seiner Ex (Rachel McAdams) wieder in "Every Thing Will Be Fine".

(Foto: Neue Road Movies/Donata Wenders)

Die Geschichte entspinnt sich nun über das nächste Jahrzehnt. Tomas hat keine Schuld an dem Tod des Kindes, nicht einmal Kate sieht das so. Und doch bringt ihn das, was geschehen ist, fast um. Und es macht ihn zu einem besseren Schriftsteller. Er wird nicht über den Unfall schreiben - aber er ist nicht mehr derselbe Mann, und er kann nichts dafür, dass seine Lebenserfahrung nicht nur von ihm selbst Opfer gefordert hat.