Von Bernd Graff

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia hat zu kämpfen: Ein Mitglied, das offen bekannte, dort Reklametexte zu hinterlegen, ist gesperrt worden. Und das, obwohl diese jederzeit hätten verändert werden können.

Die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia, die sich vor allem in Deutschland großer Beliebtheit und eines regen Zustromes an Beiträgen erfreut, steht im Ruf , eine verlässliche Quelle zu sein.

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Und zwar, weil jeder einzelne Beitrag offen gehalten bleibt für nachträgliche Korrekturen, für Verbesserungen, Erweiterungen und Aktualisierungen.

Dieses Prinzip sorgt in der Theorie einerseits dafür, dass Wikipedia-Artikel - anders als Einträge in gedruckte Nachschlagewerken -, immer auf dem neuesten Stand des Wissens bleiben.

Und es sorgt andererseits dafür, dass die Einträge tendenzfrei bleiben, dass sich keine Einzelinteressen darin als absolutes Wissen ausgeben können und Information vorgaukeln, wo sich in Wahrheit nur Marketing oder Propaganda artikulieren.

Positiv gestimmten Theoretikern gilt Wikipedia darum auch als Paradigma für die "Weisheit der Massen", als Vorbild für demokratisierte Information.

Nun erregt der gewaltige Zulauf und unbestrittene Ruf, den sich dieses Vorzeige-Online-Projekt des 1966 im amerikanischen Huntsville, Alabama, geborenen Jimmy Donal "Jimbo" Wales innerhalb von fünf Jahren seit seiner Gründung weltweit erworben hat, aber eben auch ein Interesse von ganz anderer Seite.

So wollen immer mehr Strategen des Guerilla-Marketings und trendfeste Spürhunde in PR-Agenturen die offene Wissensplattform nutzen, um ihre oder die Interessen ihrer Kunden dort im Mantel objektiver Erkenntnis als Enzyklopädie-Artikel zu platzieren - oder platzieren zu lassen.

Einen solch kommerziellen Platzier-Service für Einträge in Wikipedia hatte jedenfalls der Amerikaner Gregory Kohs im Sinn, als er im letzten Jahr das Unternehmen "MyWikiBiz" gründete. Es bietet seinen Firmenkunden an, Artikel über sie in Wikipedia zu verfassen. Kohs´ Salär dafür liegt zwischen 49 und 99 Dollar pro Eintrag.

Doch Kohs wollte und will mit seiner Geschäftsidee alles richtig gemacht haben - im Sinne Kunden wie auch im Einklang mit den Richtlinien, die Wikipedia für die Abfassung von Artikeln vorgeschrieben hat.

Denn Kohs, so sagt er jedenfalls, wollte ja nicht den Eintrag über "Joe´s Bestellpizza von umme Ecke" in den Rang des Weltwissens heben, sondern ausschließlich Unternehmen von nennenswerter Relevanz und Größe möglichst objektiv darstellen. Außerdem ist ihm klar, dass fremde Wikipedia-Autoren diese Artikel redigieren können, genauso wie alle anderen auch.

Um nun ganz sicher zu gehen, dass seine Einlassungen nicht gleich als plumpe Propaganda von der kritischen Gemeinschaft abgeschossen werden, annoncierte er seine Themen sogar dem sogenannten "Reward Board" (im Deutschen der Kandidatenliste "für exzellente Artikel").

Hier werden Artikel offen einer kritischen Prüfung angeboten - mit der Aussicht, dass sie anschließend offiziell in der Liste der als "besonders lesenswert" gekennzeichneten Top-Einträge geführt werden.

Doch kaum hatte Kohs sein Ansinnen offen bekannt gegeben, erhielt er einen Anruf von Gründer Jimmy Wales. Der teilte ihm mit, Kohs´ Geschäftsmodell sei mit den Wikipedia-Statuten kaum vereinbar. Allerdings könne er seine Artikel ja mal verfassen, sie VOR einer Veröffentlichung in Wikipedia einreichen und die Gemeinde prüfen lassen, ob sie für die Enzyklopädie zu gebrauchen seien.

Dieses deutliche "Erst nach einer Prüfung" und einige Missverständnisse auf Seiten Kohs´ führten letztlich aber dann doch dazu, dass der Bestell-Autor Artikel ungeprüft auf Wikipedia veröffentlichte.

Und das wiederum war nun für Wales "absolut inakzeptabel", weshalb er , "sorry", Kohs ganz aus der Wikipedia-Gemeinde ausschloss. Er kann dort nun gar nichts mehr einstellen.

"Ich denke", sagt nun Kohs", ich habe Wales auf dem falschen Fuß erwischt. Ich hätte einfach meinen Mund halten und meine Artikel direkt in Wikipedia einfließen lassen sollen, ohne auf eine Erlaubnis zu warten." - Wie es eben all´ die anderen PR-Agenten tun, die ohne viel Federlesens sofort posten, was ihren Auftraggebern schmeichelt.

Wales, darauf angesprochen, was ihn eigentlich an Bezahl-Artikeln störe, da sie ja doch von seiner aufmerksamen, äußerst kritischen Community gefunden, geprüft und redigiert werden könnten, meint, das sei keine gute Idee. Es wäre, als würde man die Verschmutzung der Städte zulassen, weil die Müllabfuhr ja sowieso komme.

Doch wird die Wikipedia-Entsorgung immer schwerer - es wächst der Berg an Informationsmüll immer schneller. Elisabeth Bauer, Pressesprecherin der deutschen Wikipedia, spricht längst von ,,schmutzigen Spielchen''. ,,Die Auseinandersetzungen zwischen PR-Postern und der Community werden häufiger'', sagt sie , ,,und sie werden heftiger. Denn unser nicht-kommerzieller Erfolg weckt inzwischen auch immer mehr kommerzielle Begehrlichkeiten.'

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(sueddeutsche.de)