Wiglaf Droste über 30 Jahre "taz" "Frisöre als Hirnforscher"

Wiglaf Droste war Star-Kolumnist der taz. Zum Geburtstag erklärt er, warum die tageszeitung populistisch geworden ist und Klinsmann am Kreuz wie Satire in Aspik schmeckt.

Interview: Michael König

Der Autor und Sänger Wiglaf Droste, 47, war einst bei der taz für Medien und Satire zuständig, jeden Freitag erschien seine Kolumne auf der "Wahrheit"-Seite. Dann verließ er die Redaktion im Streit. Für sueddeutsche.de wirft er anlässlich des 30. taz-Geburtstags einen Blick zurück nach vorn - im Stile der taz-Rubrik "Wie geht es uns diese Woche, Herr Küppersbusch?". Da Friedrich Küppersbusch zurzeit verreist ist, empfahl er Herrn Droste als Urlaubsvertretung.

sueddeutsche.de: Herr Droste, was war schlecht in den letzten 30 Jahren taz?

Wiglaf Droste: Es ist das Geschäft des Marketings, jeden Niedergang als Fortschritt zu verkaufen. Die taz investiert in Werbung statt in Talent und Können. So produziert sie einerseits marktkompatiblen Medienbetriebsnachwuchs, der seine Arbeit als Sprungbrett sieht, Texte schreibt, um für sich Reklame zu machen und dabei noch mit einer Gesinnung prahlt, die es bei der taz gratis gibt, zum Ausgleich für die Selbstausbeutung. Andererseits schafft die taz durch diese Fluktuation einen Gnadenhof für all die Zurückbleibenden, die trotz aller Bewerbungsschreiben kein anderer haben will. So entsteht ein notorisch pestlauniges Arbeitsklima, in dem Heuchelei, Intriganz, Schlampigkeit und Desinteresse an der Sache gedeihen. Das strahlt die Zeitung auch aus: Lustlose Hausmeister sehen dich an.

sueddeutsche.de: Was wird besser in den kommenden 30 Jahren?

Droste: Wer sagt denn, dass alles besser werden muss oder wird? Aber wenn man es ernsthaft versuchen wollte, könnte man der taz zum Anfangen zweierlei empfehlen: Einfache Sätze unfallfrei schreiben zu können, wird Einstellungsvoraussetzung für alle. Profilneurosen und das Bedürfnis nach einem Schrebergarten gelten dagegen nicht mehr als journalistische Qualifikation.

sueddeutsche.de: Wenn die taz ein Lied wäre, dann ...

Droste: Bei der fatalen Vorliebe der taz für den Schlager-Grand-Prix heißt das Lied: "Es geht ein Zug nach nirgendwo."

sueddeutsche.de: Klinsmann am Kreuz - wie hätte die Titelseite bei Ihnen ausgesehen?

Droste: Fußball auf Seite eins zu hieven, ist die Kapitulation vor einem Populismus, den man jahrelang selbst angeschoben hat. Als Eric Idle von Monty Python's Flying Circus in "Das Leben des Brian" am Kreuz hängend "Always Look on the Bright Side of Life" sang, war das sehr komisch. 30 Jahre später einen müden Aufguss mit Klinsmann zu machen, ist weder originär noch lustig. Das ist Satire in Aspik.

sueddeutsche.de: Kai Diekmann war schon da - wen wünschen Sie sich als taz-Chefredakteur für einen Tag?

Droste: Einen Tsunami vielleicht? Ich habe mit eigenen Augen tote Fische gesehen, die es ablehnten, sich in Bild einwickeln zu lassen. Die taz-Chefredaktion zeigt da weniger Geschmack, holte sich Kai Diekmann ins Haus und fühlt sich seitdem journalistisch ganz groß. Ist ja klar: Wo Bild als Zeitung durchgeht, gelten Frisöre als Hirnforscher. Und führen sich auch so auf.

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