Wiederverwertung der Popkultur Einfach nur schwach

Auch die Fundstücke, die der Wiederveröffentlichung des Glamrock-Meilensteins "Electric Warrior" von T-Rex beigelegt sind, klingen keineswegs erhellend. Was soll man schon mit der Erkenntnis anfangen, dass Marc Bolan eigentlich eine schwache Stimme und ein eher linkisches Rhythmusgefühl hatte? Und ahnte man nicht schon vor der Jubiläums-Doppel-CD von "Never Mind the Bollocks", dass die Konzerte der Sex Pistols vor allem in der Erinnerung jener ein so gewaltiges Erlebnis sind, die damals selbst dabei waren? Will man auf "American Cutie" wirklich noch einmal nachhören, dass Little Feat an einem Sommerabend in Denver 1973 dilettantisch abgemischt nicht so recht ihren Groove fanden? Sind die schwachen Momente, die Paul McCartney während seiner Arbeit an seinem besten Soloalbum "Ram" ins Archiv verbannte, auch mit dem Abstand der Jahrzehnte nicht einfach nur schwach?

Der primäre Impuls, der hinter den Fluten der Fundstücke und Neuauflagen steht ist natürlich ein schlichtes Spiel mit den Emotionen. Für ein Publikum, das keine Lust oder keine Kraft hat, sich auf den Rausch der Neuentdeckungen einzulassen, ist die Musik aus den nun als "klassisch" etikettierten Jahren des Rock eine Art Grüne Zone, um dem Sturm und Drang der Popkultur zu entkommen. Was dort fehlt, ist allerdings genau jener Effekt, mit dem der Pop das Begeisterungspotenzial seiner Hörer über Jahre hinweg auf einem ekstatischen Grundspiegel hält - der Nachschub an Neuem. Diese Sehnsucht wird nun mit den Fundstücken bedient.

Das bedeutet nicht automatisch Enttäuschung. George Harrisons "Early Takes" waren eine Entdeckung, die für sich stehen kann. Auch "The Legendary Demos" der Songschreiberin und Sängerin Carole King waren so ein Fall. Und dann sind da auch noch Johnny Cashs abgespeckte Aufnahmen für Sun Records. Was diese grandiosen Alben von den zynischen Wiederverwertungsketten unterscheidet ist genau jene archivarische Sorgfalt, die den Subkulturen in ihren Blütezeiten fehlt. Dann findet sich hin und wieder eine Zeitlosigkeit, nach der der Pop sonst vergeblich sucht.

Vor zehn Jahren hätten weder die "Early Takes" noch "The Legendary Demos" oder die Sun Recordings funktioniert. Das liegt ganz schlicht an der Entwicklung der Hörgewohnheiten. In diesem Fall kulminiert hier eine jahrzehntelange Geschichte des Widerstandes gegen die Neigung des Pop, seine Klangbilder hemmungslos mit modischem Zierwerk zu überfrachten.

Ermüdetes Publikum

George Harrison stand am Anfang dieser Entwicklung. Die Kritik an den legendären Klanggebilden und Echos, die der Produzent Phil Spector mit seiner "Wall of Sound"-Methode auf die Songs des letzten Beatles-Albums "Let It Be" und auf Harrisons Solowerk "All Things Must Pass" schichtete, waren die ersten Vorboten für die schleichende Ermüdung des Publikums. Punk mit seiner minimalistischen Dilettanten-Ästhetik war nur sechs Jahre später die erste Antwort auf eine Popindustrie, die immer opulentere Produktionen auf den Markt warf.

Vor den Klangeffekten und der Elektronik standen schon die Chor- und Orchesterarrangements. So gewinnen die Songs von Carole King und Johnny Cash in ihren reduzierten Versionen enorm an emotionaler und musikalischer Wucht. Es ist keine leichte Aufgabe, aus den Untiefen der Rock- und Poparchive solche letztgültigen Aufnahmen zu bergen. Jetzt aber, da sich Rock und Pop immer deutlicher ihrer eigenen Geschichte bewusst werden, gibt es eine neue Aufgabe, die dem Hier- und Jetztgefühl der Subkulturen bisher noch widersprach. Es gilt, das Erbe mit den Ohren und dem Verständnis des 21. Jahrhunderts zu erforschen. Dann gehen solche Zeitfenster auf, die das Gefühl, etwas ganz Großes zum ersten Mal zu hören, auch für die längst abgeschlossenen Kapitel der Popgeschichte wieder möglich machen.